Schock für die Belegschaft

von Redaktion

Über Jahrzehnte war die Fischer Werkzeugbau GmbH ein fester Bestandteil in Rimsting. Kurz vor Weihnachten kam das überraschende Aus für den Betrieb. Während sich Eigentümer und Gemeinde bedeckt halten, schildert nun ein Mitarbeiter das abrupte Ende.

Rimsting – Über Jahrzehnte hinweg war die Fischer Werkzeugbau GmbH, 1985 von Johann Fischer senior gegründet, ein fester Bestandteil des Gewerbegebiets Greimharting. Der mittelständische Betrieb entwickelte und fertigte hochpräzise Spritzguss- und Druckgusswerkzeuge, Vorrichtungen sowie komplexe Mehrkomponentenlösungen und belieferte damit namhafte Unternehmen weit über die Region hinaus. Mit einem modernen Maschinenpark, eigener Konstruktion, Technikum und über 20 qualifizierten Fachkräften hatte sich das Unternehmen über Jahre als leistungsfähiger Spezialist etabliert.

Etabliertes
Unternehmen

Kurz vor Weihnachten erfuhren die Mitarbeiter überraschend von der Schließung des Betriebs. Während Eigentümer und Gemeinde nur äußerst knapp und nach mehrfacher Nachfrage Stellung nehmen, schildert nun erstmals ein langjähriger Mitarbeiter, wie die Belegschaft das abrupte Ende erlebt hat.

Der Weg war geprägt von kontinuierlichem Wachstum: Bereits wenige Jahre nach der Gründung folgte ein erster Erweiterungsbau, 2003 schließlich der Umzug in eine neu errichtete Produktionshalle in Rimsting. Im selben Jahr übernahm Johann Fischer junior die Geschäftsführung und führte den Betrieb mit hohem Anspruch an Präzision, Qualität und Innovation weiter. Zertifizierungen, Investitionen in moderne Fertigungstechnik und regelmäßige Weiterbildung der Belegschaft unterstrichen diesen Anspruch. Umso überraschender kam nun das Ende eines Unternehmens, das sich selbst bis zuletzt als leistungsfähiger Zulieferer mit „gepflegtem Arbeitsumfeld“ und „gutem Betriebsklima“ präsentierte.

Der Versuch, die Hintergründe der Schließung näher zu beleuchten, gestaltet sich allerdings schwierig. Die Redaktion der Chiemgau-Zeitung hatte sowohl den Eigentümer des Unternehmens als auch den bisherigen Bürgermeister von Rimsting, Andreas Fenzl, bereits im Vorfeld der Schließung sowie mehrfach danach um Stellungnahmen gebeten. Vom Firmeninhaber kam zunächst lange Zeit keine Antwort. Erst später meldete er sich telefonisch mit der Bitte, aus Rücksicht auf persönliche Gründe keine weiteren Details öffentlich zu machen. Aus diesem Grund verzichtet die Redaktion auf Spekulationen über mögliche Hintergründe. Auch aus dem Rathaus kamen nur sehr knappe Auskünfte. Nach mehreren Nachfragen erklärte Rimstings Bürgermeister lediglich: „Auch wir waren sehr überrascht von der Schließung.“ Zu möglichen Folgen für den Standort, zu einer Nachnutzung des Geländes oder zu Unterstützungsangeboten für die Beschäftigten äußerte er sich nicht.

Unter den ehemaligen Beschäftigten ist das Thema weiterhin sensibel. Mehrere frühere Mitarbeiter hätten durchaus von ihren Erfahrungen erzählen wollen, berichten sie im Hintergrund – doch viele hätten Sorge gehabt, dass offene Worte ihnen später negativ ausgelegt werden könnten. Ein ehemaliger Mitarbeiter hat sich nun dennoch bereit erklärt, seine Sicht zu schildern. Felix K. (vollständiger Name ist der Redaktion bekannt) war rund 15 Jahre im Betrieb beschäftigt – einige seiner Kollegen haben sogar über 20, ja sogar über 30 Jahre im Rimstinger Unternehmen gearbeitet.

Offizielle Stellen
halten sich bedeckt

Der Moment der Bekanntgabe ist ihm bis heute präsent. „Das war am 24. November gegen 15 Uhr“, erinnert er sich. In einer kurzfristig einberufenen Runde sei den Mitarbeitern von einem ihnen unbekannten Mann mitgeteilt worden, dass der Betrieb zum Jahresende schließen werde. „Wir standen im Halbkreis da – und plötzlich hieß es: Zum 31. Dezember ist Schluss.“ Die Nachricht habe viele völlig unvorbereitet getroffen. Zwar sei die Auftragslage zuletzt schwächer gewesen und größere Projekte seien seltener geworden. Mit einer vollständigen Schließung habe jedoch kaum jemand gerechnet. „Das kam für uns alle sehr überraschend.“

Besonders bitter sei für viele Mitarbeiter der Zeitpunkt gewesen. „Einen Monat vor Weihnachten – das war wirklich der denkbar schlechteste Zeitpunkt“, sagt Felix K. Viele seiner Kollegen seien seit Jahrzehnten im Betrieb gewesen, und auch für sie hätte aufgrund „irgendwelcher Klauseln“ nur eine Kündigungsfrist von einem Monat gegolten. Entsprechend unvorbereitet habe viele die plötzliche Jobsuche getroffen. „Meine Bewerbungsunterlagen waren völlig veraltet“, erzählt er. Innerhalb weniger Tage habe er Bewerbungen schreiben, Gespräche führen und gleichzeitig seine laufende Arbeit abschließen müssen. „Das war eine enorme Belastung, die mir schlaflose Nächte und viele Sorgen bereitet hat.“

Ein besonders kritischer Punkt aus Sicht vieler Mitarbeiter sei die Kommunikation im Betrieb gewesen. „Von der Chefetage kam lange Zeit kaum etwas“, sagt Felix K. In den Jahren vor der Schließung seien bereits verschiedene Dinge kommentarlos weggefallen – etwa das Weihnachtsgeld oder gemeinsame Betriebsfeiern. Selbst Weihnachtsfeiern habe es zuletzt nicht mehr gegeben. „Wir haben sie dann einfach selbst organisiert, nur unter Kollegen.“ Auch sonst hätten viele Entscheidungen ohne Erklärung stattgefunden. „Man hätte vieles besser kommunizieren können.“

Parallel zur Arbeit habe er sich kurzfristig um Bewerbungen kümmern müssen. Einmal habe er seinem damaligen Chef angekündigt, ein Vorstellungsgespräch wahrnehmen zu wollen. „Das sollte mir zunächst verweigert werden, weil ich arbeiten sollte“, erzählt Felix K. Letztlich habe er das Gespräch trotzdem wahrgenommen. Mit Erfolg: Kurz vor Jahresende fand er eine neue Stelle und arbeitet seit Anfang Januar wieder in einem Betrieb. Für den Standort bleibt dennoch ein Verlust. „Für Rimsting geht da schon ein starker Betrieb verloren“, sagt Felix K. Besonders schade sei es um den Maschinenpark, das Know-how und die über Jahre gewachsene Erfahrung der Belegschaft. „Diese gebündelte Kompetenz ist jetzt einfach auseinandergegangen.“ Viele ehemalige Mitarbeiter hätten inzwischen neue Stellen gefunden, häufig in anderen Betrieben der Region.

Zusammenhalt
bleibt bestehen

Trotz allem ist für Felix K. eines geblieben: der Zusammenhalt unter den Kollegen. Viele von ihnen haben sich inzwischen wiedergetroffen, organisieren eigene Feiern und wollen auch künftig in Kontakt bleiben. „Das Kollegium war wirklich etwas Besonderes“, sagt er. Persönliche Beziehungen und Freundschaften seien am Ende stärker als wirtschaftliche Rahmenbedingungen oder ein schwieriges Verhältnis zwischen Geschäftsführung und Belegschaft.

Mit offener Kommunikation und den richtigen Worten, ist er überzeugt, wäre vieles leichter gewesen – vielleicht sogar die Verarbeitung des plötzlichen Endes eines Betriebs, der für viele über Jahre ein wichtiger Teil ihres Lebens war.

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