Weniger Abhängigkeit vom Schnee

von Redaktion

Studie der LMU München analysiert die Entwicklung vom Wintersport zum Ganzjahrestourismus im Achental

Unterwössen – Das Achental war Praxispartner in einer Studie der Ludwig-Maximilians-Universität München zur Zukunft von Wintersportdestinationen im Klimawandel. Der nun veröffentlichte Abschlussbericht zeigt, wie sich die Region in Richtung naturnaher Ganzjahrestourismus entwickelt hat und welche Herausforderungen weiterhin bestehen.

Schneereiche Winter werden in den Alpen seltener. Der Klimawandel stellt viele bayerische Urlaubsregionen vor die Frage, wie sie ihre Abhängigkeit vom Wintersport verringern können. Auch im Achental beschäftigt man sich seit Jahren mit dieser Entwicklung. Ziel ist es, die Tourismuswirtschaft langfristig zu stabilisieren und Gäste ganzjährig für unsere Region zu begeistern.

Tourismuswirtschaft
langfristig stabilisieren

Im Rahmen eines Forschungsprojekts wurde der „Achental Tourismus“ von der Ludwig-Maximilians-Universität München als Praxispartner ausgewählt. Durchgeführt wurde die Studie von Pauline Metzinger und Dr. Philipp Namberger. Sie analysiert den Transformationsprozess von bayerischen Wintersportdestinationen und ihren Akteuren im Kontext des Klimawandels. Die beiden Partnerdestinationen Achental im Chiemgau und Bayrischzell wurden ausgewählt, da ihre unterschiedlichen Entwicklungspfade zwei komplementäre Perspektiven in das Projekt einbringen.

Befragt wurden im Achental und in Bayrischzell insbesondere Leistungsträger, Tourist-Informationen und Verwaltungsvertreter. Jetzt liegt der Abschlussbericht vor. Die Untersuchung zeigt deutlich: Das Achental hat den Wandel frühzeitig eingeleitet. Anders als viele andere Regionen hat das Achental den Wintersport nie massiv ausgebaut. Der Ausbau größerer Skigebiete – etwa am Geigelstein – wurde nicht weiterverfolgt. Diese Entwicklung wird von den Befragten heute überwiegend positiv bewertet. Sie ermöglichte es, das „Rad“ nicht zurückdrehen zu müssen, sondern Schritt für Schritt ein ganzjähriges Angebot aufzubauen.

Die Hochplatte bei Marquartstein hat sich in den vergangenen Jahrzehnten vom klassischen Skiberg zu einem ganzjährigen Aussichts- und Ausflugsziel entwickelt. Der Skibetrieb wurde bereits in den 1990er-Jahren eingestellt, der Sessellift bringt jedoch weiterhin Besucher auf den Berg. Anstelle eines reinen Skigebiets entstand Schritt für Schritt ein vielfältiges Freizeitangebot: Aussichtspunkte, gastronomische Angebote, Themenwege, Spiel- und Naturerlebnisse, Mountainbike-Möglichkeiten sowie Startplätze für Drachen- und Gleitschirmflieger. Bei ausreichender Schneelage ergänzen zudem eine Rodelbahn und weitere Winterangebote das Angebot. Zur Stabilität des Betriebs trägt auch die gemeindliche Organisationsform bei. Der Betrieb ist auf Kostendeckung ausgerichtet und nicht auf Gewinnmaximierung. Kleinere Ortslifte wie der Steinrückenlift und der Balsberglift werden weiterhin ehrenamtlich betrieben, damit Kinder bei ausreichender Schneelage das Skifahren erlernen können. So bleibt Wintersport im Achental auch künftig im kleinen, ortsnahen Rahmen erhalten.

Neue Anbieter
haben sich etabliert

In beiden untersuchten Regionen sind neue Anbieter hinzugekommen, etwa im Bereich Radverleih, -handel oder Bergsport. Auch im Achental zeigt sich Potenzial bei geführten Angeboten, Veranstaltungen und Rahmenprogrammen für Gruppen oder Firmen. Wichtig ist laut Studie, alternative Aktivitäten nicht als „Schlechtwetter-Programm“ oder „Plan B“ zu vermarkten, sondern als eigenständige, attraktive Erlebnisse. Viele Gäste suchen gezielt Naturerfahrungen und wünschen sich dabei zunehmend geführte Angebote.

Weil die Schneesicherheit fehlt, reagieren die Skischulen und -vereine flexibel: Kurse werden bei Bedarf in schneesichere Gebiete verlegt, Organisation und Ausrüstungsverleih bleiben im Tal. Sporthandel und Verleih setzen verstärkt auf flexible Personalmodelle und ein risikobewusstes Warenmanagement. Trends wie Winterwandern oder funktionale Outdoor-Bekleidung gewinnen an Bedeutung.

Die Analyse von Beherbergungs- und Gastronomiebetrieben zeigt, dass demografischer Wandel, fehlender Generationswechsel, Investitionsmangel und veränderte Gästeerwartungen die Anpassung an den Klimawandel meist überlagern. Schließungen erfolgen also nicht zwangsläufig klimabedingt. Neu hinzugekommene Unterkunftsanbieter planen meist von Beginn an einen ganzjährigen Betrieb und sind mit weniger saisonabhängigen Konzepten wie Workaktionen, Familien- und Gesundheitsangeboten erfolgreich. Gemütliche Aufenthaltsräume, Kamine, Saunen oder gut ausgestattete Selbstversorgerküchen werden gerade in der Nebensaison und bei wechselhaftem Wetter geschätzt.

Entscheidend ist auch die Rolle der jeweiligen Destinations-Management-Organisation (DMO), also der Tourist-Infos des Achentals und von Bayrischzell. Die Forschenden betonen: „Die DMO übernimmt eine zentrale Steuerungs- und Vermittlerrolle bei der Transformation zum Ganzjahrestourismus: Sie entwickelt eine klare Vision und Marke, fördert die Kommunikation und Kooperation zwischen Akteuren, moderiert Konflikte und vertritt die Interessen der touristischen Akteure. Zudem plant und koordiniert sie Angebote, sorgt für eine aktive Bespielung der Nebensaison, entwickelt Schlechtwetterprogramme und initiiert Kooperationen zwischen Hotels, Skischulen, Bergguides und Kleinvermietungen.“ Hier zeigen die Studienergebnisse wesentliche Unterschiede: „In Bayrischzell ist die Schlüsselrolle auf mehrere Akteure verteilt, im Achental hingegen liegt sie deutlich beim Destinationsmanagement „Achental Tourismus“, das als proaktiv gestaltender Akteur auftritt. Es fällt auf, dass keine einzelnen Unternehmen dominieren, sondern das Netz-werk auf mehrere kleine Akteure verteilt ist.

Trotz vieler positiver Entwicklungen benennt der Bericht auch Herausforderungen. Einkehrmöglichkeiten sind für Gäste nach Wanderungen oder Touren wichtig – gerade auch in der Nebensaison und im Winter. Gleichzeitig stehen viele Alm- und Berggasthofbetreiber vor hohen bürokratischen Anforderungen. Hinzu kommt, dass Almen rechtlich nur öffnen dürfen, wenn Tiere aufgetrieben sind, was einen Winterbetrieb faktisch ausschließt.

Almwirtschaften und
Berggasthöfe fördern

Die Forschenden empfehlen, Almwirtschaften und Berggasthöfe gezielt zu unterstützen – etwa bei der Bewältigung behördlicher Auflagen – und Öffnungszeiten besser zu koordinieren. Ziel sollte ein verlässliches, wenn auch einfaches gastronomisches Angebot sein, insbesondere in schneearmen Wintern und Randzeiten. Kritisch gesehen wird auch die Zusammenarbeit mit dem ÖPNV. Eine bessere Abstimmung und attraktivere Angebote könnten dazu beitragen, Gästen wie Einheimischen eine umweltfreundliche Mobilität zu erleichtern.

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