Ein dunkles Kapitel Geschichte

von Redaktion

Sepp Mall über das Schicksal der Südtiroler Umsiedler

Grassau – Die grausame Zeit des Nationalsozialismus wird in den Schulen behandelt, wobei auch die vielen Auswanderungen und Fluchtbewegungen aus dem Deutschen Reich thematisiert werden. Doch wer weiß noch, dass es auch Einwanderungen ins Deutsche Reich gab und wer kann sich noch an das Hitler-Mussolini-Abkommen erinnern? Mit seinem Buch „Ein Hund kam in die Küche“ thematisiert der Autor Sepp Mall die Geschichte von 75.000 Menschen, die sich für eine Umsiedelung aus Südtirol in den Nationalsozialismus entschieden.

Mall stellte die aus der Perspektive des elfjährigen Ludi geschriebene Geschichte den Schülern während des Unterrichts und abends Eltern sowie Interessierten in der Bücherei Grassau vor. Beide Gruppen einte das große Interesse und die Anteilnahme am Schicksal der vierköpfigen Familie.

Mall berichtete von seinen Hauptakteuren, einer vierköpfigen, deutschsprachigen Familie aus Südtirol. Der Vater lässt sich von der Propaganda begeistern und entscheidet sich zunehmend für das nationalsozialistische System, ohne dessen Hintergründe wirklich begreifen zu können. Schließlich beschließt er, aus Südtirol nach Innsbruck umzusiedeln. Mutter und der elfjährige Sohn Ludi sind weniger begeistert, da sie nicht wissen, was die Zukunft bringt.

Sepp Mall erzählt aus der Perspektive des elfjährigen Sohnes, der sehr an seinem sechs Jahre jüngeren behinderten Bruder hängt und der mit der Umsiedelung sein Umfeld, seine Freunde und seine Beständigkeit verliert. Glücklich wird die Familie in Deutschland nicht, im Gegenteil. Der behinderte Sohn wird in eine Heil- und Pflegeanstalt eingeliefert und nimmt, ohne Wissen der Eltern, an dem Euthanasie-Programm teil. Der Vater wird eingezogen, während Mutter und Sohn Ludi weiterhin denken, dass Hanno noch lebt. Bis schreckliche Gewissheit besteht.

„Alle müssen Opfer bringen. Das sei man dem gesunden Volkskörper schuldig“, las der Autor. Doch für Ludi lebt der jüngere Bruder in seinen Fantasien weiter. Der Autor lässt seine Leser an Ludis Leben und seinen Fantasien teilhaben und erklärt so einfühlsam die schrecklichen Auswirkungen des Nazi-Regimes.

Auf die Frage, wie er auf das Thema kam, erklärte Mall, dass er lange Zeit als Lehrer Geschichte unterrichtet, jedoch die Euthanasie-Geschichte nie thematisiert habe. Er fragte sich stets, was aus den zehn behinderten Kindern aus Südtirol geworden ist, die in eine Heilanstalt kamen. Vieles war genau dokumentiert. Besonders die Briefe der Eltern an die Heime und Kinder haben ihn nicht losgelassen. Er wollte aber auch die Geschichte der Brüder erzählen, die tief verbunden waren, was Trauerarbeit für einen Elfjährigen bedeutet und wie dieser mit dem Schicksal zurechtkommt.

Zum Titel befragt, erklärte der Autor, dass dieser auf einen Abzählreim zurückgeht und einen Bezug zur Kreisbewegung der Familie nimmt, die von Südtirol nach Innsbruck auswandert und dann wieder zurückkehrt. Ein dunkles Kapitel der deutschen und Südtiroler Geschichte wird in dem Buch einfühlsam aus der Sicht eines Heranwachsenden thematisiert.

Tamara Eder

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