Schlagzeuger (37) bestreitet „Sieg Heil“-Ruf bei Hochzeit in Chieming

von Redaktion

Einem Schlagzeuger wird vorgeworfen, bei einer Hochzeit „Sieg Heil“ gerufen zu haben. Der Prozess vor dem Amtsgericht Traunstein wurde neu gestartet, weil die Zeugenaussagen widersprüchlich sind und weitere gehört werden sollen.

Chieming/Traunstein – Der Prozess gegen den 37-jährigen Schlagzeuger einer Party-Band konnte erneut nicht abgeschlossen werden. Im November 2025 wurde schon einmal verhandelt, doch Staatsanwalt Thomas Wüst will noch mehr Zeugen hören. Der Vorwurf gegen den Musiker: Bei einer Hochzeitsfeier in Chieming am 10. Mai 2025 soll er in einer kurzen Pause zwischen zwei Liedern „Sieg Heil“ ins Mikrofon gerufen haben. So hat es zumindest eine 33-jährige Lehrerin und ihr engstes Umfeld auf der Feier gehört. Deswegen steht der Schlagzeuger jetzt wegen Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen vor dem Amtsgericht Traunstein.

„Mir ist‘s eiskalt den Buckel hinuntergelaufen, als ich von den Vorwürfen gehört habe“, so der Schlagzeuger vor Gericht. Man sei eine erfolgreiche Band, mit über 80 Auftritten im Jahr, unter anderem am Münchner Oktoberfest – „bei uns gibt‘s keine politischen Sachen“. Ihm würde nie einfallen, „so etwas“ zu sagen, und gleich dreimal nicht auf einer Hochzeit. Der einzige Erklärungsansatz des 37-Jährigen: Die Frau muss sich verhört oder etwas verwechselt haben. Über den Tag seien immer wieder Mitglieder vom Schützenverein auf der Bühne gewesen und hätten den Schützengruß „Schützen Heil“ zum Besten gegeben.

Ein zweiter Erklärungsansatz des Angeklagten: Den Hit „Go West“ der „Pet Shop Boys“ coverte man über den Tag öfter und sang im Refrain „Schitt‘ ei, weil heid Hochzeit is“, ähnlich wie die Kapelle Josef Menzl – und am Ende des Weinstüberls, vor dem Abendessen, wollte der Schlagzeuger die Gäste zum Austrinken animieren: „Drum hab‘ ich übers Mikro aufgefordert: ‚Und wie war das vorher? Schitt‘ ei!‘“

Auch die drei Band-Kollegen wurden von Richterin Sandra Sauer vernommen. Ein „Sieg Heil“ hat von ihnen niemand gehört. Ganz im Gegenteil: „Ich kann zu 1.000 Prozent ausschließen, dass so eine Aussage gefallen ist“, meinte der Ziehharmonikaspieler der Gruppe.

An die 200 Leute feierten auf der Hochzeit in Chieming. Das mutmaßliche „Sieg Heil“ des Schlagzeugers übers Mikrofon hörte dagegen nur eine Handvoll Gäste – aber die standen in der ersten Reihe. „Ich war völlig perplex und konnte nicht glauben, dass es auch sonst keine Reaktionen gab“, so die 33-Jährige, die am Tag danach bei der Polizei Anzeige erstattete. Sie hatte die „Sylt-Videos“ im Kopf, bei denen Feiernde auf der Nordseeinsel beim Grölen rechter Parolen gefilmt wurden. Eine Verwechslung mit „Schützen Heil“ oder „Schitt‘ ei“ schloss die Frau im Prozess aus. Kurz nach dem Vorfall sprach sie drei der Band-Mitglieder an: „Da wurde ich sehr deutlich angegangen. Ich hätte mich verhört und solle die Klappe halten.“

„Das ‚Sieg Heil‘ war deutlich zu hören“, war sich auch der Mann der Anzeigeerstatterin sicher. Ein anderer, der den Bräutigam schon seit Kindheitstagen kennt, war sich zumindest noch „relativ sicher“, ohne jedoch sagen zu können, wer es gerufen hätte. Und der Bräutigam selbst? Er wirkte noch immer verärgert, was da nach seiner Hochzeit losgetreten wurde. „Die Band war super und es war eigentlich ein richtig schöner Tag.“ Der 36-Jährige war selbst mit der Party-Band auf der Bühne, als die Nazi-Parole gefallen sein soll. „Ich habe davon nichts mitgekriegt. Und auch sonst hat mich an dem Abend und danach keiner darauf angesprochen.“

Ein Beamter der Traunsteiner Polizei sagte aus, dass auch nach dem ersten Prozesstag im vergangenen November und der anschließenden Berichterstattung in den Medien keine neuen Hinweise eingegangen seien. Trotzdem: Zwei Zeugen sollen am 25. März gehört werden. Dann wird vor dem Traunsteiner Amtsgericht auch mit einem Urteil gerechnet. xe

Artikel 1 von 11