Traunstein – Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) – kurz: Stasi – war eine zentrale Stütze der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Während der SED-Unrechtsstaat nach 41 Jahren mit der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 seine Existenzgrundlage verlor, haben die Hinterlassenschaften der Stasi bis heute nichts von ihrer Brisanz verloren.
189.000 heimliche
Zuträger hörten mit
Die Wanderausstellung des Bundesarchivs „Alles Wissen Wollen – Die Stasi und ihre Dokumente“ im Stadtmuseum Traunstein erinnert bis 5. April an die Zusammenhänge und Folgen von Drangsalierung, Verfolgung, Inhaftierung, Terror und Ausgrenzung durch die Stasi. Dass sich das Erlebte tief in die persönlichen Biografien eingeschrieben hat und bis heute fortwirkt, zeigten die Schilderungen von zwei Zeitzeugen bei der Eröffnung.
Sieben Vitrinen zeigen Faksimiles von 21 Objekten aus den Beständen des Stasi-Unterlagen-Archivs. Sie eröffnen eine Vorstellung davon, was es im Alltag hieß, einem Überwachungsregime mit totalitärem Anspruch ausgeliefert zu sein. Aufgabe der Stasi war es, die Herrschaft der Einheitspartei SED abzusichern. Sie sollte abweichendes und unliebsames Verhalten frühzeitig erkennen, bekämpfen und unterbinden.
Dazu sammelte und archivierte das MfS ungeheure Mengen an Informationen zu Personen und Sachverhalten. Der Apparat war Geheimpolizei, Ermittlungsbehörde und Auslandsgeheimdienst zugleich. Rund 90.000 hauptamtliche und etwa 189.000 heimliche Zuträger – sogenannte inoffizielle Mitarbeiter (IM) – versuchten dabei, alle Bereiche der Gesellschaft zu durchdringen. Rund 111 Kilometer Akten lagern in den Archiven.
„Wir müssen alles erfahren. Es darf an uns nichts vorbeigehen“: Mit diesem Satz wiederholte und bekräftigte der Minister der Staatssicherheit, Erich Mielke, auf einer Kollegiumssitzung des Ministeriums im Februar 1982 die wesentliche Grundlage der Arbeit der DDR-Staatssicherheit“, formulierte Prof. Dr. Daniela Münkel, Ausstellungsmacherin und Abteilungsleiterin Vermittlung und Forschung im Stasi-Unterlagen-Archiv in Berlin, bei der Vernissage die Ziele des Geheimdienstapparats. „Zum Glück konnte die Stasi diesen Anspruch, alles wissen zu wollen, nie vollständig einlösen“, ergänzte sie.
Die Objekte in den Vitrinen im Stadtmuseum führen die bürokratische Organisation und Legitimation von menschenverachtender Drangsalierung und Willkür sowie das Ausspionieren persönlichster Details eindrucksvoll vor Augen. Dazu gehört ein großer, handgefertigter Buchstabe „A“ (wie Ausreise) aus Alufolie und Krepppapier aus der Gegenstandsablage der Stasi. Ein Ehepaar hatte ihn 1985 ins Fenster seiner Wohnung gehängt, um den Wunsch zur Ausreise öffentlich zu dokumentieren – und musste deshalb in Untersuchungshaft. Gezeigt wird auch ein Stasi-Observationsfoto aus Berlin 1986: Zu erkennen ist einer der Beteiligten des Attentats auf die West-Berliner Diskothek „La Belle“ beim Betreten der libyschen Botschaft in Ost-Berlin.
Weitere Dokumente zeigen, wie Umweltschützer, „Sportverräter“, Künstler, Friedensaktivisten oder Teilnehmer des DDR-Volksaufstands am 17. Juni 1953 ins Fadenkreuz der Stasi gerieten. Sowohl im Katalog als auch anhand beigefügter QR-Codes kann man sich detailliert und vertiefend über Hintergründe und Zusammenhänge informieren. Dabei werden auch die bürokratische Akribie der Ausforschungsarbeit, die taktische Verschlüsselung der gesammelten Daten, die Unmenschlichkeit mancher „Anordnung“ und die drastischen Folgen für die Bespitzelten deutlich.
Oberbürgermeister Dr. Christian Hümmer forderte die Zuhörer mit Blick auf die Ausstellungsvitrinen dazu auf, die Werte der demokratischen Gesellschaft – darunter Freiheit und Gleichheit – angesichts der Bedrohung durch extremistische Kräfte zu verteidigen.
In Zeitzeugengesprächen unter der Moderation des Historikers Dr. Alfred Kotter schilderte Dieter Gollnick, Altenpfleger und Lagerbereichsleiter in der DDR, wie ihm der Ausreisewunsch in den Westen und ein Gespräch am Checkpoint Charlie 1986 in Berlin ein Jahr Haft mit unmenschlicher Behandlung einbrachten. Er lebt heute in Garching an der Alz, ist Mitbegründer der „Initiative für Gerechtigkeit von SED-Opfern“ und davon überzeugt: „Die Diktatur der DDR darf sich nicht wiederholen.“
Neun Jahre Haft
wegen Briefkontakts
Auch die Traunsteinerin Renate Apel geriet 1964 ins Fadenkreuz der Stasi und wurde wegen Spionageverdachts auf dem Weg zur Arbeit festgenommen. „Zur Klärung eines Sachverhalts“, wie die damals gängige Formel lautete. Der Briefkontakt zu einem Geflüchteten habe ihr neun Jahre Haft eingebracht.
Die Ausstellung im Stadtmuseum Traunstein ist bis 5. April zu sehen. Geöffnet ist sie dienstags bis samstags von 11 bis 16 Uhr sowie sonntags von 11 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei.