Bernau – Nach und nach füllt sich die große Tafel, an der an diesem Abend im Landgasthof Hittenkirchen 22 Plätze besetzt sind. Aus den Lautsprecherboxen tönen orientalische Klänge, in der Küche klirrt das Geschirr und tönt der Pürierstab. Zwei an der Tafel haben besonders Hunger und die Uhr im Blick. Um 18.03 Uhr war Sonnenuntergang. In der Dämmerung ist der Blick aus dem Fenster über einen Großteil des Chiemsees immer noch traumhaft. Die beiden Bedienungen Elijah und Numan verteilen für alle Gäste Datteln.
Die Köche Mudy und Patrick begrüßen nach dem Untergang der Sonne die Gäste mit Karkadeh – einem kalten Tee, der in Ägypten zu besonderen Anlässen serviert wird. Ein kleiner Vorgeschmack auf den Abend. Denn Mudy, der in Stuttgart lebt, kommt aus Ägypten und dementsprechend haben die beiden Köche ein Menü mit Gerichten aus der nordafrikanischen Küche zubereitet. Zwei der Gäste haben an diesem Tag im Rahmen des Ramadans gefastet. Auch Mudy fastet eigentlich, an diesem Tag nicht – Reisende sind vom Fasten befreit. Mit dem Verzehr der Dattel wird das Fasten traditionell gebrochen. Mudy, der zugibt, sehr aufgeregt zu sein und es den ganzen Tag über schon war, und Patrick stoßen mit ihren Gästen an, „auf ein schönes Fastenbrechen – auch Iftar genannt“.
Sehr hohe
Messlatte
Zwar sind noch nicht alle Gäste da, aber um den beiden Fastenden die Zeit der Entbehrung nicht unnötig zu verlängern, wird beschlossen, anzufangen. Die beiden Köche verschwinden wieder in der Küche und kommen kurz darauf wieder mit den Vorspeisen zurück. Mit Babaganush, Hummus mit Rote Bete, gegrillten Auberginen in Tomatensugo, gefüllten Weinblättern (Mahschi), knackigem Salat, Oliven und frischem Pfannenbrot ist die Messlatte des Genusses schon sehr hochgelegt. Anschließend folgt Molokheya, eine ölige Suppe aus der langkapseligen Jute-Pflanze.
Ein ägyptisches Nationalgericht wird zum Hauptgericht serviert – Koshari: Nudeln, Reis, Kichererbsen und Linsen sind darin geschichtet und mit einer würzigen Soße überzogen. Kosharie, weitverbreitet über das ganze Land und alle Bevölkerungsschichten, wurde im vergangenen Jahr als immaterielles Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen. Dazu gibt es eine Grillplatte mit Lammspießen, Kofta und Lammniere, aber auch pflanzliche Alternativen, garniert mit gegrilltem Gemüse. Generell kann das gesamte Menü rein pflanzlich genossen werden. Auch die Nachspeise kommt mit Umali und Baklava landestypisch daher. Gastgeber Patrick, der tunesische Wurzeln hat, lässt auch diese Landesküche mit ins Menü einfließen oder erklärt Unterschiede zur tunesischen Variante. So beispielsweise bei der Suppe, die tunesisch zähflüssiger, eher eine Eintopf, ist.
Yasar ist mit Partnerin Isa aus Freilassing gekommen. Mitgebracht haben sie ihre Nachbarn Christine und Spezi. „Es ist ein schönes Event, mir gefällt das Gemeinschaftliche“, sagt Yassar, der wie Mudy aus Ägypten kommt. Er fastet während des Ramadans, in der Region bekomme er sonst kaum was vom Ramadan mit. „Meiner Familie in Ägypten habe ich direkt mitgeteilt, dass ich das Fastenbrechen heute mit anderen gemeinsam zelebriere“, so Yassar.
Das Gemeinschaftliche ist auch für Elmas das Besondere am Iftar: „Hier ist es noch schöner, weil verschiedene Kulturen auch aus unterschiedlichen Gründen zusammenkommen.“ Er ist mit Partnerin Lissy und Mutter Nicole aus Rosenheim gekommen. „Zum Iftar zusammenkommen ist in Deutschland in der Öffentlichkeit aus meiner Sicht generell nicht so verbreitet. Meine Motivation, hierherzukommen, war auch, mit Leuten ins Gespräch zu kommen und Fragen zum muslimischen Fasten zu beantworten“, erzählt er vor der Nachspeise. Elmas ist der Dialog wichtig, er will Offenheit zeigen, auch damit Leute weniger Angst vor Fremden haben. „Denn das ist das, was sich aktuell in der politischen Lage widerspiegelt. Bei Events wie diesen kann man dieser Angst entgegenwirken und es kann ein Gemeinschaftsgefühl entstehen“.
Auch deshalb war Mudy direkt begeistert, als Patrick ihm vorgeschlagen hat, den Abend gemeinsam zu gestalten: „Wir konnten hier Berührungspunkte zwischen Menschen schaffen, die es sonst vielleicht weniger gibt im Alltag. Es konnte ein gesunder Austausch entstehen in diesen komischen Zeiten.“ Die beiden Köche haben sich auf TikTok, wo beide sehr aktiv sind, vor rund drei Jahren kennengelernt. Am Kochtag haben sie sich zum ersten Mal gesehen – wobei Mudy nach dem überwältigenden Blick über den Chiemsee an der Kuppe vor Hittenkirchen zunächst die Ausfahrt zum Landgasthof verpasste.
Aber wie ist es, wenn man sich nicht persönlich kennt und ein ganzes Menü zaubern muss? „Wir waren am Anfang beide etwas angespannt, haben dann aber einfach angefangen zu kochen“, erzählt Patrick. Beide sind dann immer mehr ins Gespräch gekommen, es ging um Religion, Familie und natürlich Essen. „Wie beim ersten Date“, scherzt der Inhaber des Landgasthofs. Für Mudy war es das erste Mal, für so viele Menschen gleichzeitig zu kochen – eigentlich ist er Logistiker bei einem Autohersteller. Kochen ist sein Hobby, bei dem er bisher maximal für Familie und Freunde verköstigt hat.
„Patrick ist ein super Typ, das habe ich ihm heute glaube ich 100-mal gesagt. Wie er die Ruhe bewahrt hat, als mir der Arsch auf Grundeis ging. Ich habe regelmäßig auf die Uhr geschaut, gesehen, dass nichts fertig ist und immer mehr geschwitzt. Aber Patrick war total entspannt.“ Als dieser meinte, so langsam müssen wir fertig werden, wuchsen die Schweißperlen auf Mudys Stirn erst recht an.
Eine Zeit zum
Verinnerlichen
Mit dem Ergebnis sind beide mehr als zufrieden: „Hat mir sehr viel Spaß gemacht“, sagt Patrick. Und Mudy ergänzt: „Es war schön zu sehen, weil die Leute immer mehr ins Gespräch gekommen sind.“ Mudy blieb noch das gesamte Wochenende am Chiemsee, am Samstag dann begann er auch wieder mit dem Fasten. Der Ramadan ist für ihn wie auch für Yassar und Elmas eine besinnliche Zeit, Zeit für Ruhe und Gemeinschaft, wie für Christen die Weihnachtszeit.