Prien – Laufsteg, Promis und Heidi Klum: Viele junge Mädchen träumen schon von klein auf, einmal Topmodel zu werden. Ikonen wie Superstar Heidi Klum ermutigen junge Frauen dazu, eine Karriere auf dem „Catwalk“ zu wagen.
Was für manche ein Traum ist, hat leider auch eine unschöne Wahrheit: Verfolgt man die Modestandards, merkt man schnell die toxische Körperwahrnehmung im Modelbusiness. Das zeigt sich auch im Netz: Trends wie „Size-Zero“, „SkinnyTok“ oder „LeggingLegs“ zelebrieren vor allem eines: extreme Schlankheit.
Medienkompetenz
erforderlich
Das kann für Jugendliche gefährlich werden. Und weiter sogar zu schweren Krankheiten führen. Wir haben uns mit Dr. Silke Naab, Chefärztin im Fachzentrum für Psychosomatik und Psychotherapie, über die Auswirkungen einer falschen Körperwahrnehmung, Essstörungen und die Relevanz von Medienkompetenz unterhalten.
„SkinnyTok“, extreme Diäten und fragwürdige Schönheitsideale: In sozialen Medien kursieren immer mehr Inhalte, die ein krankhaftes Verhältnis zum Essen verherrlichen. Fachleute schlagen Alarm – denn gerade junge Menschen geraten dadurch zunehmend unter Druck.
Auch Ärztinnen und Ärzte der Schön-Klinik Roseneck beobachten diese Entwicklung mit Sorge. Chefärztin Naab warnt: „Essstörungen beginnen oft schleichend und bleiben lange unbemerkt.“ Besonders verbreitet ist die Magersucht. Sie beginnt meist bereits im Jugendalter.
Betroffene haben starkes Untergewicht, fürchten jedoch panisch eine Gewichtszunahme. Paradox dabei: „Trotz ihres geringen Gewichts empfinden sich viele weiterhin als zu dick“, erklärt Naab.
Liegt eine bulimische Essstörung mit Essanfällen vor, greifen die Betroffenen zu gegenregulierenden Maßnahmen wie Hungern, Abführmitteln oder selbstinduziertem Erbrechen. Bei der Binge-Eating-Störung kommt es zu wiederkehrenden Essanfällen – ohne Gegenmaßnahmen. Danach bleiben Scham, Schuldgefühle und nicht selten Ekel vor sich selbst.
Die atypische Magersucht ist schwer zu erkennen: Betroffene haben Normalgewicht, haben aber krankhaft abgenommen und leiden unter denselben hormonellen und psychischen Belastungen wie Menschen mit klassischer Magersucht. „Sie wirken unauffällig – man sieht ihnen ihre Krankheit nicht an.“ Manche Menschen treffen im Leben auf Probleme, die sie alleine nicht bewältigen können. Dann kann es passieren, dass „Hungern“ zur Bewältigungsstrategie wird. Es geht darum, „die Kontrolle über das eigene Leben zu erlangen“ und „das Aussehen mit dem Selbstwert zu koppeln“. Das Hungern diene so auch der Emotionsregulation.
Stell dir vor, du stehst vor dem Spiegel und das, was du siehst, gefällt dir nicht. Zu groß, zu klein. Zu dünn, zu dick. Alles außer: schön. Gedanken, die sich auf den Selbstwert und das Essverhalten auswirken können. Besonders in jungen Jahren: „Pubertät, Identitätsfragen und Schönheitsideale setzen enorm unter Druck. Wenn ich versuche, schöner zu sein, bin ich vielleicht zufriedener.“ – Ein Kreislauf, der im besten Fall früh erkannt werden muss.
„Sicher, dass du noch einen Teller willst?“ – Die Erziehung hat großen Einfluss auf das Selbstbewusstsein der Kinder. „Wichtig ist, keine negativen Aussagen über den Körper zu treffen, eher: ‚Ich merke, dass dein Gewicht sich verändert hat.‘“ Eine gesunde Beziehung zum Essen mit vielfältiger Ernährung ohne Verbote sei entscheidend.
„Die Dosis macht‘s“, sonst entwickle das Kind eventuell ein heimliches Essverhalten. „Die Kinder lernen von klein auf, sich zu messen“, erklärt die Chefärztin. Vergleiche seien grundsätzlich nicht negativ, wenn der Bessere nicht übermäßig gefördert werde. In der Erziehung gelte es, von Anfang an ein „gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln“, individuelle Eigenschaften des Kindes herauszustellen sowie Vielfalt, Liebe und Integration zu fördern. Auffällige Stimmungsveränderungen, Verzicht auf bestimmte Lebensmittel, übermäßige Beschäftigung mit Essen, häufiges Betrachten im Spiegel, Tragen von weiter Kleidung, Rückzug, Müdigkeit, schnelles Frieren, Gewichtsverlust und exzessiver Sport (oder vermehrte körperliche Betätigung). „Wenn man so ein Verhalten häufiger wahrnimmt, sollte man ein offenes Gespräch mit dem Kind suchen, es ermutigen und früh handeln – nicht schimpfen, keine Kritik.“
Je früher man die Essstörung erkennt, desto höher ist die Chance, sie zu heilen. Helfen kann die kognitive Verhaltenstherapie: „Ziel ist unter anderem eine geregelte, gesunde und nicht restriktive Ernährung, die in der Klinik medizinisch begleitet wird.
Und man lernt seine eigene Krankheit zu verstehen“, so Naab.
Zum Einfluss sozialer Medien und Formate wie Germany‘s Next Topmodel sagt die Expertin: Social Media erhöhe den Druck auf junge Menschen. Die Faszination für solche Sendungen erklärt sie mit dem Bedürfnis nach Vergleich, Spannung und Identifikation. „Das sind Menschen, die gelten als gut aussehend.“ Entscheidend seien ein gesundes Selbstwertgefühl und Distanz.
Eine Taille dünner als ein DIN-A4-Papier: Solche Trends entdeckt man auf „TikTok“. Davor kann man die Jugendlichen aber nicht schützen. Wir leben in einer schnellen, überfordernden, digitalen Welt. Trends kommen und gehen. Was bleibt, sind die beeinflussbaren Menschen vor den Bildschirmen. Kinder, die solch komplexen Themen begegnen.
„Verbote
bringen nichts“
Wichtig ist also nicht, was das Internet uns sagt, sondern wie wir damit umgehen wollen: „Medienkompetenz ist ganz, ganz wichtig. Verbote bringen da nichts“, betont Naab. Stattdessen brauche es gute Aufklärungsarbeit über problematische Inhalte seitens der Erziehungsberechtigten und auch in den Schulen.
Hilfsangebote finden Betroffene bei Schulpsychologen, Online-Beratungsstellen, dem Hausarzt oder Kinderarzt, Vertrauenspersonen sowie Kinder- und Jugendpsychiatern. Fragebögen auf entsprechenden Homepages der Beratungsstellen können eine erste Orientierung bieten.