Auf der Spur der vermissten Cousine

von Redaktion

Jutta Pestel-Fuß (65) sucht nach ihrer letzten Verwandten, einer Cousine, die sie noch nie gesehen hat. Die Suche führt von alten NSDAP-Akten über Prien bis ins Standesamt von Bernau. Findet sich hier die Lösung oder meldet sich gar die gesuchte Frau?

Prien/Bernau/Aschau/Frasdorf – Begonnen hat die epische Suche von Jutta Pestel-Fuß mit einer Frage. „Meine Mutter wusste fast nichts über ihren leiblichen Vater. Mein Großvater war ein Tabuthema in der Familie“, erzählt die 65-jährige Frau. Also beginnt sie, über ihren Opa zu recherchieren. Die ersten Erkenntnisse aus der Nazizeit lösen jedoch bei ihrer Mutter die Angst aus, dass etwas Schlimmes ans Tageslicht kommen könnte. Also wird die Suche für einige Jahre unterbrochen.

Erst einige Zeit nach dem Tod ihrer geliebten Mama im Jahr 2019 taucht die Frage nach der wahren Geschichte ihrer Familie wieder im Kopf von Jutta Pestel-Fuß auf. Sie startet eine neue Recherche – mit dramatischen Folgen.

„Mein Großvater
war in der NSDAP“

„Mein Großvater war in der NSDAP. Ich habe deshalb ans Bundesarchiv in Berlin geschrieben. Und sie haben mir die um die 300 Seiten starke Personalakte meines Opas aus dieser Zeit geschickt“, so Pestel-Fuß im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung. Sie hat sich entschlossen, über die Nazi-Vergangenheit ihres Großvaters Martin Buchner offen zu reden, weil sie die Aufarbeitung der Hitler-Schreckenszeit wichtig findet. „Es waren damals so viele drin in der NSDAP. Ich finde wichtig, dass Menschen daran erinnern, wie schlimm das war. Und dass wir darauf achten, dass uns nicht noch einmal so etwas passiert“, sagt sie eindringlich.

Es stellt sich heraus, dass ihr Großvater im sogenannten Hauptamt für Volkswohl gearbeitet hat. „Er hat damals wohl wie so viele Halt und Aufwertung in diesem System gefunden“, berichtet Pestel-Fuß. Beim Durchstöbern der Nazi-Akte taucht plötzlich ein Schreiben auf, in dem ihre Mutter erwähnt wird. Offenbar hat der Großvater nicht regelmäßig Unterhalt für das Mädchen an die Großmutter gezahlt.

Fünf Seiten später folgt der Hammer, bei dem es Jutta Pestel-Fuß beim Lesen eiskalt den Rücken runter- läuft. Es folgt ein ähnliches Schreiben wegen Nichtzahlung von Unterhalt an eine andere Frau. Ihr Name ist Maria Baumgartner, geborene Holzfurtner. Ihre Tochter heißt Lieselotte Baumgartner, geboren am 20. Dezember 1927.

„Also hatte meine Mutter eine Halbschwester“, sagt Jutta Pestel-Fuß: „Meine Mutter hat vor ihrem Tod immer mal wieder gesagt, dass es schön gewesen wäre, wenn sie eine Schwester gehabt hätte. Aber sie hat es zu 100 Prozent nicht gewusst.“ Die Nachricht aus der Akte ändert alles bei dieser Suche. Es geht nicht mehr in erster Linie darum, etwas über die Vergangenheit ihres Großvaters herauszufinden, sondern ihre möglicherweise letzte (lebende) Verwandte und deren möglichen Nachkommen zu finden.

Über München
in den Chiemgau

Ihre Suche führt Jutta Pestel-Fuß über München nach Aschau im Chiemgau. Dort ist Maria Baumgartner 1972 offenbar verstorben. „Ich habe die Information bekommen, dass sie in Aschau war, weil ihre Enkelin dort gewohnt hat“, erzählt die Frau. Das bedeutet, dass Jutta Pestel-Fuß eine Verwandte in ihrer Generation hat. Eine Cousine. Aber lebt sie noch, hat sie Kinder oder Enkel? „Ich selbst habe keine Kinder, habe keine Verwandtschaft von meiner Seite. Das wäre meine nächste Blutsverwandte, wenn ich sie denn finde. Es geht nicht um irgendein Erbe oder Geld, es würde mich einfach nur glücklich machen, diese Frau und ihre Nachkommen kennenzulernen“, sagt die Suchende.

Sie forscht in Aschau weiter, durchstöbert sogar alte Adressbücher. Immer wieder gibt es hilfreiche Menschen auf ihrem Weg, die weitere Puzzlestücke zu dieser verworrenen Geschichte beitragen. Lieselotte Baumgartner hat noch einmal geheiratet, einen Mann namens Christian Hieronymus. Deren Tochter – also die Frau, nach der Jutta Pestel-Fuß sucht – soll 1947 in München geboren sein. Sie lebte auf jeden Fall in den 70er-Jahren in Aschau im Chiemgau, ehe sie 1980 nach Prien am Chiemsee zog. „Danach lässt sich die Spur nicht mehr weiterverfolgen, ich bin trotz der Hilfe vieler herzensguter Menschen immer wieder am Datenschutz gescheitert“, berichtet Jutta Pestel-Fuß.

Die im Raum Ingolstadt wohnende Frau gibt eine Vermisstenanzeige in den OVB-Heimatzeitungen auf, in der ihre Cousine zumindest noch vor gut vier Jahrzehnten gewohnt hat. Es kommt keine Antwort, aber die Redaktion wird auf die außergewöhnliche Geschichte aufmerksam und beschließt, einen Hilfsversuch zu starten. Der letzte bekannte Aufenthaltsort der gesuchten Verwandten ist Prien, die zweite bekannte Information ist der Geburtsname Hieronymus. Nach mehrtägigen Recherchen und über verschlungene Wege geht es einen Schritt weiter: Der Vorname der Frau ist Karin, sie ist 1985 von Prien nach Frasdorf gezogen.

Und dann gibt es noch einen möglicherweise entscheidenden Hinweis: Karin, geborene Hieronymus, hat in Bernau geheiratet. Das bedeutet auch, dass dort ihr Familienbuch liegen müsste. In dem werden normalerweise alle Informationen über ihre Familie gesammelt – also neben dem vollen Namen auch mögliche Nachkommen. Der nächste Schritt ist also eine Nachfrage der Chiemgau-Zeitung an das Standesamt in Bernau. Es kommt folgende Antwort. „Ich habe den Heiratseintrag beziehungsweise das Familienbuch der gesuchten Cousine Karin, geborene Hieronymus, gefunden. Bei den Standesämtern ist es etwas anders als bei den Meldeämtern: Auskünfte aus den Registern und Sammelakten dürfen hier nur an die Personen erteilt werden, auf die sich die Einträge beziehen, sowie an deren Ehegatten, Lebenspartner, Vorfahren und Abkömmlinge (§ 62 PStG). Gleiches gilt für Auskünfte aus den Sammelakten“, steht in der Mail an die Chiemgau-Zeitung: „Das heißt, ich darf die Auskunft nur direkt der Cousine geben.“ Diese solle sich im Standesamt Bernau melden, „dann kann ich ihr die gewünschten Daten mitteilen beziehungsweise eine Abschrift aus dem Eheregister erstellen. Die Gebühr hierfür beträgt zwölf Euro.“

Bringt das
Familienbuch die Lösung?

Mit dieser freudigen Nachricht folgt der Anruf bei Jutta Pestel-Fuß. Als die Neuigkeiten erzählt sind, ist Jutta Pestel-Fuß nur noch gerührt. „Nachdem so lange nichts Neues herauszufinden war, habe ich zu einer Freundin gesagt: ‚Ich gebe auf.‘ Dann kommt diese Nachricht. Das ist der Hammer.“ Sie hat die Anfrage im Standesamt Bernau gestellt, zwölf Euro bezahlt und wartet aktuell auf eine Antwort: Findet diese Suche ein Happy End?

Können Sie in diesem Fall helfen?

Artikel 1 von 11