Prien – Dass man jugendliche Schüler für anspruchsvolle Romane begeistern kann, bewies eine Lesung am LTG. Der vielfach preisgekrönte Kinder- und Jugendbuchautor Dr. Dirk Reinhardt hatte für die Siebtklässler den Jugendroman „Train Kids“ (Gerstenberg, 2015) mitgebracht, für die Achtklässler gab es den Öko-Thriller „No Alternative.“
Der Münsteraner Autor ging zuerst auf die Entstehung der Romane ein, ehe er vorlas. Ausdrücklich lud er die Schüler ein, Fragen zu stellen. Und die kamen zuhauf. Die Doppelschulstunde reichte da nicht aus, nicht einmal der Pausengong ließ die Schüler aufspringen. Mucksmäuschenstill war es im großen Saal während des Vorlesens. Selbst ein paar Jungen, die sich noch vor dem Beginn des Vortrags cool und uninteressiert gegeben hatten, verstummten. Was also war es, was so fesselte?
In „Train Kids“ befasst sich Reinhardt mit der Situation von jugendlichen Migranten aus El Salvador, Honduras und anderen Ländern Lateinamerikas, die mit Güterzügen in Mexiko unterwegs sind. Sie alle eint der Wunsch nach einem besseren Leben in den USA. Manche wollen ihre in Amerika arbeitenden Eltern wiedersehen. In einer Geo-Reportage habe er erstmals von den „Train Kids“ gelesen. Für seine Recherchen führte er in Mexiko längere Gespräche mit vielen der betroffenen Jugendlichen, lernte auch Priester kennen, die den „Train Kids“ Schutz und Unterkunft bieten.
Sein Buch beruhe also auf Tatsachen, betonte der Autor, der auch Fotos von „Train Kids“ zeigte. Auf seine Frage, warum das Bild mit dem Soldaten unscharf sei, der auf einen Jungen einschlägt, gab es mehrere Antworten. Alle richtig, bestätigte Reinhardt: Weder solle der Soldat erkannt werden, noch solle es für den Fotografierenden gefährlich werden, wenn er zu nah am Geschehen dran sei. Seine Protagonisten hätten reale Vorbilder. Er schildere reale Erlebnisse und reale Schauplätze, aber dennoch dürfe man in einem Roman seiner Fantasie freien Lauf lassen. Der Roman begleitet fünf Jugendliche zwischen zwölf und 16 Jahren auf ihrer Fahrt durch Mexiko. Offen blieb, ob es die „Train Kids“ nach Amerika schaffen. „Das werdet ihr ja erfahren, wenn ihr weiterlest“, so Reinhardt, zumal der Roman Schullektüre ist.
Für die Achtklässler hatte Reinhardt „No Alternative“ (Gerstenberg, 2024) mitgebracht. Für den Stoff recherchierte Reinhardt in der Umwelt- und Klimaschutzszene, trug umfangreiches Zahlenmaterial renommierter Wirtschaftsinstitute und -behörden zusammen. Der Roman erzählt aus mehreren Perspektiven die Geschichte der jungen Umweltaktivistin Emma Larsen in Frankfurt am Main, die sich der Untergrundorganisation „No Alternative“ anschließt, um für ihre Überzeugungen zu kämpfen. Er fragt aber auch nach, welchen Widerstand derlei Aktionen in der Gesellschaft hervorrufen.
Ein Foto einer vermummten Person auf dem 220 Meter hohen Frankfurter Fernsehturm inspirierte Reinhardt zur Beschreibung, wie Emma eben dort hinaufklettert und ein Banner hisst. Man mag das gutheißen oder nicht, die Schilderung jedenfalls ließ die Schüler an Reinhardts Lippen hängen. Bei einem Brandanschlag am Frankfurter Osthafen gehen in Reinhardts Roman 1.000 SUVs in Flammen auf, danach lag „eine nervöse Stimmung … über der Stadt.“ Es sind die bildhafte Sprache, aber auch die Prägnanz der Sätze, die bei den Jugendlichen gut ankommen.
Auch die Frage, was an einem ganz gewöhnlichen Tag passiert (ein Auszug aus dem Manifest der Untergrundorganisation im Roman), scheint lapidar und wirkt doch unfassbar: 220.000 Menschen werden geboren, 160.000 Menschen sterben, 3,8 Millionen Handys und 200.000 Autos werden produziert, 800.000 Rinder, vier Millionen Schweine und drei Millionen Schafe und Ziegen geschlachtet, 100 Quadratkilometer Regenwald abgeholzt, 100 Millionen Tonnen CO2 in die Luft gepustet und vieles mehr. Ein vielschichtiger Roman, der mit Erwartungen spielt, politisches Denken anregt und die Schüler zu vielen Fragen inspirierte.
„Danke, ihr wart ein tolles Publikum“, lobte Reinhardt. Und dem war so, denn der Pausengong blieb unbeachtet. elk