Prien/Traunstein/BGL – Kreuz und quer pflügt der Hund durch Wald und Wiesen. Was der ausgelassene Vierbeiner nicht weiß: In diesem Moment prallen zwei Welten aufeinander: Als Jäger Bernhard Oberlechner die Besitzerin freundlich bittet, das Tier in seinem Revier doch möglichst anzuleinen, folgt die prompte Gegenfrage: „Erschießen Sie ihn sonst, oder was?“
Hartnäckig hält sich ein bizarres Bild in den Köpfen mancher Teile der Gesellschaft: Der Jäger wird als schießwütiger, kaltherziger Tiermörder wahrgenommen, der im Wald nach Belieben über Leben und Tod entscheidet. Die Realität abseits der Spazierwege sieht jedoch gänzlich anders aus. Die moderne Jagd ist längst kein elitäres Hobby mehr. Sie ist ein knochenharter Reparaturbetrieb für eine Landschaft, die von manchen Menschen nur noch als Freizeitpark begriffen wird.
Jagdstopp hätte
dramatische Folgen
Bernhard Oberlechner redet im Gespräch mit der Redaktion Tacheles. Was passiert, wenn die Jäger morgen die Gewehre an den Nagel hängen? Die Antwort sitzt: „Das erste Jahr: Der Wildbestand explodiert.“ Allein in Bayern erlegen die Jäger jährlich knapp 400.000 Rehe. Fallen diese Abschüsse weg, regelt die Natur das Problem selbst – und zwar unschön. „Die setzt dann das einzige Mittel ein, das die Natur bei Überbevölkerung zur Verfügung hat: Krankheiten und Hunger“, analysiert Oberlechner nüchtern.
Klartext: Wer die Jagd abschafft, provoziert massives Tierleid. Ganze Rotten würden elendig an Seuchen wie der Schweinepest krepieren. Und auch auf den Straßen knallt es öfter. Schon jetzt gibt es bundesweit rund 200.000 Wildunfälle pro Jahr. Oberlechners Prognose für ein jagdfreies Jahr ist deutlich: „Dann haben wir gleich mal 300.000 Unfälle auf den Straßen.“
Stress pur herrscht im Revier aber auch ohne explodierende Bestände. Ausflügler mit Stirnlampen in der Nacht, Mountainbiker abseits der Wege und nicht angeleinte Hunde belasten das Ökosystem. Für das Wild herrscht im Winter Lebensgefahr, da die Tiere in dieser Zeit keine Ruhe mehr finden. „Sie schalten ihren Stoffwechsel in den Sparmodus, leben von karger Kost und brauchen viel Energie, nur um sich warm zu halten“, erklärt der Jäger die Biologie. Jede unnötige Flucht treibt den Puls nach oben. Die ohnehin knappen Reserven verbrennen schnell, wodurch die Tiere jämmerlich im Schnee erfrieren können.
Der Jäger als
zahnloser Tiger
Ein zusätzliches Problem für den Waidmann: Juristische Rückendeckung für seine moralischen Appelle hat er kaum. Er agiert oft als zahnloser Tiger. Das Landratsamt Berchtesgadener Land bestätigt auf Nachfrage trocken die Rechtslage: „Es gibt keine allgemeine Leinenpflicht in Bayern.“ Auch das Landratsamt Traunstein gießt Wasser auf die Mühlen manch ignoranter Hundehalter. In den vergangenen zwei Jahren ist bei der Unteren Jagdbehörde nicht eine einzige Anzeige wegen freilaufender Hunde eingegangen.
Die Erkenntnis bleibt: Der Jäger redet oft gegen eine juristische Wand. Ein direkter Hinweis an die Halter ist meist das einzige Mittel.
Hohe Kosten und
Naturschutz im Ehrenamt
Teuer wird dieses Ehrenamt obendrein. Wer glaubt, Jäger würden sich an Pacht und Wildbret die Taschen vollmachen, irrt gewaltig. Die Waidmänner zahlen ordentlich drauf. „Im Schnitt gibt jeder Jäger pro Jahr 500 Euro für Naturschutz aus eigener Tasche aus“, rechnet Oberlechner vor. Das summiert sich bundesweit auf rund 250 Millionen Euro.
Hinzu kommen unzählige unbezahlte Arbeitsstunden – beispielsweise in aller Herrgottsfrühe. Ziel ist es, Rehkitze vor dem sicheren Tod durch die Mähwerke der Landwirte zu retten. Dies geschieht oft mit schwerem, eigenfinanziertem Gerät: „Wir fliegen mit der Drohne die Felder ab. Die Wärmebildkamera kostet locker 3.000 bis 4.000 Euro.“
Überraschende Rückendeckung erhält die oft gescholtene Jägerschaft dabei von einer Seite, die traditionell nicht mit Kritik geizt. Der Bund Naturschutz (BN) liefert eine erstaunlich pragmatische Einordnung. Beate Rutkowski, Vorsitzende der BN-Kreisgruppe Traunstein, wischt das Feindbild des Jägers als reinen Schützen vom Tisch. Sie betont: „Jäger, die sich für einen angepassten Wildbestand einsetzen, sind aktive Naturschützer.“
Bund Naturschutz
stützt die Arbeit der Jäger
Der BN sieht den Waidmann als unerlässlichen Waldpfleger. Ohne Jagd gäbe es keinen klimaresistenten Mischwald.
Einziges Aber: Bei der Fürsorgepflicht scheiden sich die Geister fundamental. Während viele traditionelle Jäger dem Wild im Winter Futter vorlegen, um Bestände zu stützen, grätscht der Naturschutz hier wissenschaftlich dazwischen. „Auf Wildfütterung sollte grundsätzlich verzichtet werden“, stellt Rutkowski klar. Das gilt mit Ausnahme von wirklichen Notzeiten.
Das Argument: Schalenwild ist auf die nahrungsarme Winterzeit biologisch bestens eingestellt. Wer füttert, greift künstlich in ein System ein, das eigentlich durch Auslese gestärkt werden müsste.
Das Fazit für den neutralen Beobachter ist eindeutig. Der Jäger von heute leistet einen unbezahlten, bürokratisch überladenen aber gleichzeitig gesellschaftlich hoch relevanten Management-Job für eine Natur, die keine Wildnis mehr ist. Er zahlt drauf, erntet Pöbeleien und muss den Spagat zwischen Tierschutz, Straßenverkehr und Forstwirtschaft meistern.
Doch die eigentliche Zerreißprobe steht den Männern in Grün erst noch bevor: Wenn der Staat den Wald der Zukunft einfordert und alte Raubtiere in die Alpen drängen, wird das Revier endgültig zum Krisengebiet.
Lesen Sie in Kürze mehr über die Herausforderungen der Jäger in Teil 2: Wie der staatliche Waldumbau die Jäger zu „Schädlingsbekämpfern“ macht – und warum der Bund Naturschutz beim Thema Wolf verblüffend harte Töne anschlägt.