Prien – „Fair kann mehr“ – zu diesem Motto hatten das „Eine Welt Netzwerk Bayern“ und die Fairtrade-Gemeinde Prien in den Chiemseesaal eingeladen. Bei dem Netzwerktreffen für regionale Versorgungsstrukturen sollte nicht nur „fair“, sondern auch „bio“ und „regional“ ein Thema sein. Denn „fairer Handel“ darf nicht nur global gedacht werden, er muss auch lokal vor unserer Haustür stattfinden. So lautete der einhellige Tenor dieser Info-Veranstaltung. Sie richtete sich sowohl an Gastronomie, Vermieter, Einzelhändler und interessierte Kommunen als auch an regionale Hersteller und die Verbraucher.
Global denken, lokal
handeln im Chiemgau
„Weltweite Nachhaltigkeit und nachhaltige Entwicklung fangen zu Hause im eigenen Ort an. Wir müssen global denken und lokal handeln!“ Mit diesen Worten startete Sandra Mulzer, Eine-Welt-Regionalpromotorin für „Oberbayern-Süd-Ost“, ihren Impulsvortrag. Bio, regional und fair würden zusammengehören und dürften vom Verbraucher nicht als Konkurrenten gesehen werden. „Bio“ steht dabei für Umweltverträglichkeit, „Fair“ für soziale Gerechtigkeit und Wirtschaftlichkeit und „Regional“ für das Vertrauen vor Ort. Die Kombination aus allem würde den „Verbraucherprofi“ in Sachen Nachhaltigkeit ausmachen.
Davon, dass „Fair mehr kann“, ist auch Priens Bürgermeister überzeugt: „Wir sehen heute, wie viel Potenzial darin steckt, wenn Kommunen, Wirtschaft und Zivilgesellschaft gemeinsam Verantwortung übernehmen“, so Andreas Friedrich. Als besonders anschauliches Beispiel führte er die örtlichen Direktvermarkter aus der Landwirtschaft an. Das sei gelebte Regionalität – authentisch, transparent und von höchster Qualität. Wenn es gelingt, Erzeuger und Verbraucher enger zusammenzubringen und die Wertschöpfung in der Region zu halten, entstehen laut Friedrich echte Zukunftsperspektiven. „Nachhaltiger Konsum gelingt am besten gemeinsam – durch Kooperation, durch Engagement und durch den Mut, neue Wege zu gehen.“
Für Sandra Mulzer sind ökologische Verträglichkeit, soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit die zentralen Ziele. Dafür benötigt es eine sozial- und umweltverträgliche Wirtschaftsweise. Diese muss Rücksicht auf die Menschen am Anfang der Lieferkette nehmen und gleichzeitig die Natur vor Ausbeutung schützen. Leider könne der Verbraucher beim Griff ins Regal nicht immer sicher sein, dass Produkte nach diesen Kriterien erzeugt wurden. „Wenn dagegen die Lieferketten so kurz gehalten werden, dass der Verbraucher die Erzeuger kennt, kann Vertrauen Prüfsysteme ersetzen“, zitierte Mulzer die alternative Nobelpreisträgerin Vandana Shiva. Das bieten in Prien und Umgebung bereits zahlreiche Direktvermarkter.
Regionalität als Herzstück der Lebensraumgestaltung
Mit Maria Riepertinger und Dr. Andrea Pohl kamen zwei Vertreterinnen regionaler Erzeugergemeinschaften zu Wort. Schon 2010 hatte sich Maria Riepertinger mit der Herausgabe des ersten Direktvermarkter-Verzeichnisses dafür eingesetzt, die regionalen Erzeuger für den Verbraucher sichtbarer zu machen. Ihr neues Ziel ist es, die regionale Wertschöpfung zum Standard zu machen – als Herzstück einer nachhaltigen Lebensraumgestaltung. Für sie steht Regionalität nicht nur für kurze Transportwege. Sie schafft durch Nähe auch Vertrauen zwischen Einzelhandel, Handwerk und Gastronomie. Regionalität wird „schmeckbar“ und bietet Sicherheit in globalen Krisen.
Außerdem würde jeder mit dem Kauf heimischer Erzeugnisse zum Erhalt der bäuerlichen Strukturen und unserer Kulturlandschaft beitragen. Diese wiederum ist ein wichtiger Faktor für den Tourismus in der Region. Ohne die Kulturlandschaft würde die Region ihre Identität verlieren, befürchtet Dr. Andrea Pohl: „Ohne Landwirtschaft keine Landschaft und ohne Landschaft kein Tourismus“. Die Agraringenieurin ist Vorsitzende des Fördervereins des Prientaler Bergbauernladens. Dieser ist seit 27 Jahren ein gutes Beispiel für regionale Zusammenarbeit. Eine große Vielfalt an Anbietern sorgt dort für ein abwechslungsreiches Angebot. Er öffnet einmal in der Woche und garantiert so stets frische Waren benachbarter Erzeuger aus dem Chiemgau und Tirol.
„Regional denkt lokal – Fairtrade denkt global, und beides gehört zusammen, den Unterschied macht nur die Entfernung.“ Fairer Handel muss für den heimischen Landwirt genauso gelten wie für den Kaffeebauern im globalen Süden. Aus diesem gemeinsamen Verständnis bieten viele Direktvermarkter fair gehandelten Kaffee oder Schokolade neben regionalen Produkten wie Brot, Eiern, Käse, Milch und Fleischwaren an. Zum Thema „Kuh“ als „Klimakiller“ stellte die Agraringenieurin Dr. Andrea Pohl klar, dass hier in der Region über 90 Prozent der Rinder in Grünlandwirtschaft gehalten werden.
Das globale Problem liege vielmehr im zu hohen Fleischkonsum und der daraus resultierenden Massenviehhaltung. Dagegen wäre der Konsum von regional erzeugten Fleisch- und Milchprodukten zum Erhalt der Kulturlandschaft überaus wichtig. Die Bedeutung der Kulturlandschaft und Nachhaltigkeit für den Tourismus hob auch Christian Nordhorn hervor. Der Referent der Geschäftsleitung der Bayern Tourismus Marketing GmbH stellte in Auszügen die entwickelte Matrix für eine nachhaltige Destinationsentwicklung vor.
Vom Kaffeebauern bis
zum Chiemgauer Landwirt
Der Wunsch der Urlauber nach einem ökologisch und sozial verträglichen Urlaub steigt stetig. Bis zum Jahr 2040 wird Nachhaltigkeit ein entscheidender Faktor im Tourismus sein. Neben den Vorträgen wurden regional und global fair erzeugte sowie gehandelte Produkte an zehn Ständen zur Verkostung angeboten. Sie zeigten den Besuchern im Chiemseesaal anschaulich, wie Nachhaltigkeit auf dem Teller aussehen kann. Anita Berger