Bernau – Das Podium war hochkarätig besetzt, die Werbetrommel kräftig gerührt, der Saal im Gasthof Kampenwand für viele Leute hergerichtet – der Einladung der Energiegenossenschaft Bürgerenergie Chiemgau (BEC) allerdings nur eine niedrige zweistellige Anzahl an Gästen. Und dennoch ließ BEC-Vorsitzender Georg Beyschlag kurz vor Beginn einen Interessierten an der Eingangstür abblitzen. Geladen waren nur Frauen, das Thema des Abends: Frauen in der Energiewende. Auf das Thema brachten Beyschlag dessen Frau und Tochter Linda, welche die Diskussion moderierte.
„Wir Frauen sind
da gewissenhafter“
„Meiner Frau war bei der vergangenen Mitgliederversammlung ein Fehler in der Präsentation aufgefallen. Bei über 90 Prozent Männern im Raum war sie sich aber unsicher und dachte sich: ‚Bevor du jetzt da irgendeinen Schmarrn sagst, sagst besser nichts, die werden schon wissen, was sie machen‘“, führt Beyschlag aus. Zehn Minuten später meldete sich ein Mann und wies auf den tatsächlichen Fehler hin.
Die Diskussion auf der Bühne führten Bernaus Bürgermeisterin Irene Biebl-Daiber, Elke Hanel (Mitglieder der Geschäftsleitung von „Maxsolar“ aus Traunstein) und Kiara Groneweg (Programm-Managerin für Energie, Gender und Klima bei „Women Engage for a Common Future Deutschland“) und Katharina Habersbrunner (Vorsitzende Münchner BenGeg) mit Moderatorin Beyschlag. Zunächst sagte Hanel, dass sie glaube, Frauen hätten ein anderes Umweltbewusstsein. Dies mache sie auch daran fest, dass in ihrem Studienfach technischer Umweltschutz zu einer Zeit, in der in elektrotechnischen Studiengängen der Frauenanteil im einstelligen Prozentbereich gelegen habe, bereits bei 20 Prozent lag. „Wir Frauen müssen selbst mehr mitgestalten“, fordert sie auf.
Habersbrunner gab zum Einstieg noch einige Zahlen und Studien wieder. In den Vorständen der Energiegenossenschaften in Deutschland liegt der Frauenanteil bei unter 20 Prozent, dabei leben Frauen nach Studienergebnissen umweltverträglicher als Männer. „Es gibt wenige sichtbare Frauen in der Energiewende“, so Habersbrunner. Es gebe strukturelle Unterschiede beim Einkommen und Vermögen, Stichwort Gender-Pay-Gap oder Rente. Männer würden laut Studie in Partnerschaften oft über Anschaffungen von über 300 Euro entscheiden. Größere Geschäftsanteile bei Energiegenossenschaften besitzen fast ausschließlich Männer. Groneweg warf ein, dass die Energiegenossenschaften noch eine Nische seien. Zeit, Kapital und Bildung seien dafür notwendig – und alles drei oft bei Männern über 50 zu finden. „Wir müssen auch andere Lebensrealitäten mitnehmen“, fordert sie.
Bürgerkapital
generieren
Männer würden zu Posten viel eher Ja sagen, da es sich auch um Repräsentation und Prestige handle. Frauen würden zunächst eher überlegen, ob Zeit und Planbarkeit überhaupt mit dem Posten vereinbar seien, so Habersbrunner weiter. Dem stimmte Biebl-Daiber zu, sie habe ähnliche Erfahrungen gemacht, auch was die Suche nach Kandidatinnen für den Gemeinderat angehe. „Wir Frauen sind da gewissenhafter, aber wir dürfen uns auch mehr zutrauen.“ Ein Thema sei auch, wer die Kinder während Abendveranstaltungen betreut.
Insgesamt war es eine sehr harmonische Runde, in der es viel Zustimmung gab und bei der die gebrachten Argumente gegenseitig mit Beispielen gestärkt wurden. Biebl-Daiber betonte, dass gerade bei den aktuell multiplen Krisen enorm wichtig sei, Gutes zu tun und auch darüber zu reden.
Der Tenor auf der Bühne war, dass die Energiewende unumkehrbar sei und der Markt schon längst entschieden habe, dass PV- und Windenergie die günstigste Energieform sei. „Politisch ist aber vieles nicht gewollt“, so Habersbrunner.
Hanel ergänzt, dass das Gebäudeenergiegesetz ein Exportschlager in anderen Ländern gewesen sei, „das Ausland glaubt das gar nicht, dass das bei uns so fertiggemacht wird.“ Die Energiewende werde zwar zäher, aber „ist eigentlich unaufhaltsam und wird passieren“.
Nachdem die USA und Israel den Iran angegriffen haben und der Öl- und Gaspreis in die Höhe schoss, dürften sich die Frauen bestätigt fühlen, was unabhängige Energiebeschaffung angeht. Gerade Energiegenossenschaften seien ein wichtiger Bestandteil der Energiewende. Biebl-Daiber berichtete von der guten Erfahrung aus der Zusammenarbeit mit der BEC, „wir konnten viel auf lokaler Ebene umsetzen“.
Habersbrunner warb für Energiegenossenschaften, da sie gemeinschaftlich, lokal und dezentral seien. „Der Einstieg ist niedrigschwellig, die Leute können sich mit den Projekten identifizieren und dadurch steigt auch die Akzeptanz“. Dazu werde Bürgerkapital generiert und nicht die klammen Kommunen. „Die Energiewende ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wir wollen Energiegenossenschaften so gestalten, dass sie interessant sind und so unseren Teil zum Gelingen beitragen“, sagt Habersbrunner. Die Fragerunde des Abends war locker, einige Gäste stellten praktische, technische und systemische Fragen, die fachkundig und gemeinsam von den Diskussionsteilnehmerinnen beantwortet wurden.
Auch Männer können dabei unterstützen, dass auch mehr Frauen in Energiegenossenschaften aktiv sind. „Veranstaltungen wie diese sind ein erster kleiner Schritt. Männer können unterstützen, Väter ihre Töchter, Partner ihre Partnerinnen“, so Hanel. Bei Sitzungsmoderationen ist es wichtig, auch Frauen Gehör zu verschaffen, Frauen ausreden zu lassen. Hanel ergänzt: „Ein weiterer Punkt ist, die eigenen Stereotype zu reflektieren und sexistische Kommentare wegzulassen.“
Für Georg Beyschlag ist im Nachhinein der Abend trotz der geringen Teilnehmerinnenzahl ein Erfolg. „Es waren Gemeinderatskandidatinnen da, die Mandatsträgerinnen sind, die haben mir rückgemeldet, dass sie einen wichtigen Einblick bekommen haben“, erklärte der BEC-Vorsitzende.
Beim nächsten Mal dürfen
Männer dabei sein
„Was ich sicherlich nicht mehr machen würde, ist, dass ich keine Männer zulasse. Das war ein Fehler. Wir hätten sagen können, es ist letztendlich eine Veranstaltung für alle, nur die Männer halten einfach mal die Klappen und hören nur zu. Das wäre mit Sicherheit das Bessere gewesen“, so Beyschlag.
Am Donnerstag, 23. April, stellt er mit der BEC das neueste Projekt an der Aschauer Kinderklinik vor. Eingeladen sind alle: Frauen und Männer, die an der regionalen Energiewende und der Umsetzung vor Ort interessiert sind.