Prien/Traunstein/Berchtesgadener Land – Besorgniserregend ist das Signal, das die aktuellen Krankenkassendaten in der Region senden. In den Landkreisen Traunstein und Berchtesgadener Land steigen die Fehlzeiten wegen Muskel- und Skeletterkrankungen deutlich. Die DAK-Gesundheit meldet für 2025 einen Anstieg der Arbeitsunfähigkeitstage um 16,5 Prozent. Dieser Sprung macht Rücken- und Gelenkleiden hier zum unangefochtenen Krankmacher Nummer eins.
Problem für
die Wirtschaft
Dieses Alarmsignal deutet auf eine schleichende Entwicklung hin – die nicht nur den Betroffenen, sondern auch der regionalen Wirtschaft teuer zu stehen kommen kann. Tückisch ist dabei ein statistisches Paradoxon: Während immer mehr Stühle in den Betrieben leer bleiben, werden gar nicht zwingend mehr Menschen krank.
Die Analyse der Barmer offenbart diese Diskrepanz in voller Schärfe. Landesweit ist der Anteil der Menschen mit diagnostizierten chronischen Rückenschmerzen zwischen 2020 und 2024 sogar leicht gesunken. Er fiel von 23,4 auf 21,9 Prozent. Das Problem ist demnach nicht die Häufigkeit der Diagnose, sondern die Dauer des Leidens.
Es ist die Chronifizierung, die den Schmerz zu einem unerbittlichen Begleiter macht. Christoph Burkl, ärztlicher Leiter der Schmerzmedizin an der Romed Klinik Prien, kennt das Phänomen aus der täglichen Praxis. „Schmerz ist selten nur ein rein körperliches Problem“, erklärt er. „Stress, Ängste oder Schonhaltungen können die Beschwerden verstärken.“
Das Nervensystem lernt den Schmerz sprichwörtlich und entwickelt ein Eigenleben. Es entsteht ein Schmerzgedächtnis, das weiterfeuert, selbst wenn die ursprüngliche Ursache längst behoben ist. Die Alarmglocke im Körper weigert sich schlichtweg, still zu sein. Genau hier setzt die multimodale Schmerztherapie an, wie sie in Prien bei rund 450 Patienten pro Jahr praktiziert wird.
Es ist der Versuch, den Teufelskreis aus körperlichem Leid und psychischer Belastung zu durchbrechen. Dies geschieht mit einem konzertierten Angriff aus Medizin, Physiotherapie, Bewegung und psychologischer Begleitung. Ein entscheidender Vorteil für Betroffene in der Region ist der Faktor Zeit.
Während im Bundesdurchschnitt oft zwei Jahre vergehen, bis eine wirksame Behandlung beginnt, liefert Prien eine bemerkenswerte Alternative. Burkl nennt die Fakten: „Aktuell beträgt die Wartezeit sechs bis acht Wochen.“
Stress, Ängste
und Schonhaltungen
Ein Funken Hoffnung besteht für Menschen, die oft schon eine Odyssee durch Arztpraxen hinter sich haben. Sobald ein Platz in der stationären Therapie verfügbar wird, nutzt das Team die Gelegenheit, wartenden Patienten einen früheren Termin anzubieten. Dieser pragmatische Ansatz steht im Kontrast zur oft starren Terminvergabe im Gesundheitssystem.
Wer jetzt allerdings an einen unkomplizierten Kur-aufenthalt mit Yoga denkt, wird von der Realität eingeholt. Die Krankenkassen haben einen dichten Riegel aus Bürokratie vor den Zugang zur stationären Therapie geschoben. Viktoria Durnberger, Pressesprecherin der IKK classic, betont, dass Leistungen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein müssen. Sie dürfen das Maß des Notwendigen nicht überschreiten.
Im Klartext bedeutet das: Der Weg in die Klinik ist eine Einbahnstraße. Diese darf erst befahren werden, wenn alle ambulanten Pfade in einer Sackgasse geendet haben. Die Hürden sind hoch und im sogenannten OPS-Kode 8-918 exakt definiert. Die Behandlung muss mindestens sieben Tage dauern und von einem interdisziplinären Team geleitet werden. Zudem muss der Patient schwere Beeinträchtigungen wie eine drohende Arbeitsunfähigkeit nachweisen. Dr. Ursula Marschall, leitende Medizinerin bei der Barmer, bestätigt: Erst nach einem multidisziplinären Schmerzassessment geben die Kassen grünes Licht.
Finanziell bedeutet das für den Patienten jedoch keine böse Überraschung. Die gefürchteten Extrakosten für spezielle Trainingsprogramme fallen nicht an. Christoph Burkl räumt mit den Sorgen auf: Die multimodale Schmerztherapie ist eine akute Krankenhausbehandlung und keine Reha-Maßnahme. Alle Angebote während des Aufenthalts werden direkt von der Klinik mit der Krankenkasse abgerechnet.
Informationstag für
Interessierte in Prien
Übrig bleibt für den Versicherten nur die gesetzlich vorgeschriebene Zuzahlung von zehn Euro pro Krankenhaustag. Das Fazit ist dennoch ernüchternd: Es hat sich ein massives Gesundheitsproblem manifestiert. Während die Medizin Lösungswege aufzeigt, sorgt ein auf Wirtschaftlichkeit getrimmtes Kassensystem dafür, dass dieser Weg nur für schwerste Fälle frei ist.
Wer sich aus erster Hand informieren möchte, hat dazu am 24. April Gelegenheit. Von 15 bis 17 Uhr lädt das Team der Schmerztherapie in die Romed-Klinik Prien (Harrasser Straße 61-63) ein. Ärztlicher Leiter Christoph Burkl stellt das Behandlungskonzept vor. Flankiert wird dies von praktischen Mitmach-Angeboten aus Physiotherapie, Achtsamkeit und Aromatherapie. Der Eintritt ist frei.