Prien/Traunstein – Düster sieht die Prognose für den heimischen Wald aus: Trockenheit und Borkenkäfer fressen die Fichte im Rekordtempo auf. Die Antwort vonseiten des Freistaates ist simpel, aber in der Umsetzung rabiat: Ein klimaresistenter Mischwald muss her. Mittendrin in diesem gigantischen Umbauprojekt steht der Jäger. Und der fühlt sich von der Last der Bürokratie zunehmend an die Wand gedrückt.
Schwere Last
der Bürokratie
Für die heimischen Rehe sind es Leckerbissen: Die jungen Triebe von Tanne, Eiche und Ahorn schmecken dem Schalenwild sprichwörtlich zu gut. Die Konsequenz: Werden die Tierbestände nicht massiv dezimiert, fressen die Rehe den Wald von morgen auf, bevor er überhaupt wurzelt. Der ungeschriebene, aber allgegenwärtige Leitsatz der Behörden lautet „Wald vor Wild“.
Bernhard Oberlechner bringt den Frust vieler Waidmänner auf den Punkt. Längst schießt hier niemand mehr nach Lust und Laune. Die Abschusszahlen werden vom Staat über forstliche Verbissgutachten diktiert. „Da wird ein Raster über das Revier gelegt“, erklärt der Jäger das starre System. Pflanzt ein einzelner Waldbesitzer hunderte für das Rehwild attraktive Tannen und meldet Verbissschäden, steigt der Druck auf die gesamte Region. Der Jäger fühlt sich degradiert: vom Anwalt des Wildes zum reinen „Schädlingsbekämpfer“. Die Angst vor den Konsequenzen sitzt tief. Oberlechner warnt: Werden die staatlichen Vorgaben nicht erfüllt, drohen Bußgelder, persönliche Haftung für Waldschäden und Ersatzentnahmen.
Das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Traunstein holt diese Fakten auf den Boden der Tatsachen. Das viel gescholtene „Raster-System“ ist kein Schreibtisch-Diktat, sondern eine landesweite, statistisch repräsentative Stichprobe, die gezielt durch Begänge der Förster vor Ort („revierweise Aussagen“) ergänzt wird. Es entscheidet also nicht der Zufall, sondern die messbare Biologie.
Zwischen Waldumbau
und Jagddruck
Die Zahlen des forstlichen Gutachtens 2024 belegen: Der Wald schlägt Alarm. Rund 30 Prozent der untersuchten Jagdreviere weisen mittlerweile eine zu hohe Verbissbelastung auf – ein massiver Sprung nach oben im Vergleich zu 2021 (23 Prozent). Das schmerzt die Förster. Vor allem in den existenziell wichtigen Berg- und Schutzwäldern kommen Zukunftsretter wie die Tanne kaum noch aus eigener Kraft hoch. Und auch der gefürchtete finanzielle Ruin durch Wildschäden ist kein Behörden-Thema. Das AELF führt darüber nicht einmal Buch. Der Ersatz wird rein privat zwischen Grundeigentümer und Jäger ausgehandelt.
Diese behördliche Druckmöglichkeit existiert in der Praxis jedoch fast nur auf dem Papier. Ein Blick in die Akten der Landratsämter entlarvt den Druck als gefühltes Phantom – aus einem einfachen Grund: Die Jäger leisten schlichtweg hervorragende Arbeit. Das Landratsamt Berchtesgadener Land meldet für den aktuellen Dreijahresplan beim Rehwild eine Erfüllungsquote von 92,2 Prozent. In Traunstein liegen die Gesamtzahlen sogar noch etwas höher: 89 Prozent bei Böcken, 105 Prozent bei weiblichen Rehen und eine Gesamterfüllungsquote von satten 96 Prozent.
Die behördliche Antwort auf die Frage nach Strafen fällt entsprechend kurz aus. „Es wurden keine Bußgelder verhängt oder Ersatzentnahmen durchgeführt“, heißt es aus dem Landratsamt Berchtesgadener Land. Traunstein pflichtet bei: Das System habe sich sehr gut bewährt – es besteht ein absolut vertrauensvolles Zusammenwirken. Man würde ohnehin kaum fremde Jäger finden, die sich für behördlich angeordnete Strafabschüsse hergeben.
Erfüllungsquoten
sind sehr hoch
Zuspruch für die harte Arbeit an der Waffe kommt sogar von den Naturschützern. Beate Rutkowski, Vorsitzende der Bund Naturschutz (BN) Kreisgruppe Traunstein, lehnt den Begriff des „Schädlingsbekämpfers“ vehement ab. Für sie sind die Jäger unverzichtbare „Waldpfleger“. Ohne ihren Einsatz an der Büchse kollabiert das Ökosystem. „Die konsequente Umsetzung von Abschussplänen ist die notwendige Basis, den dringend notwendigen Waldumbau umsetzen zu können“, stellt Rutkowski klar. Und die regionalen Zahlen geben ihr recht: In elf von 14 Hegegemeinschaften im Landkreis Traunstein ist die Verbissbelastung laut BN völlig im Rahmen.
Doch während sich der Streit um Rehe und junge Triebe mit nackten Quoten versachlichen lässt, braut sich auf den Almen der Region ein emotionaler Sturm zusammen: der Wolf. Für Oberlechner ist die Rückkehr des großen Beutegreifers ein Pulverfass. Mitteleuropa sei keine Wildnis, sondern eine intensiv genutzte Kulturlandschaft. Seine Warnung zielt direkt auf das Herz der Region: den Tourismus. Ein flächendeckendes Einzäunen im alpinen Gelände sei utopisch. Die Alternative – der flächendeckende Einsatz von großen Herdenschutzhunden – berge unkalkulierbare Gefahren für Wanderer und Radfahrer. „Wenn da eine Gruppe Mountainbiker durchfährt, kann es schnell brenzlig werden – Hunde verteidigen ihre Herde“, mahnt der Jäger.
Wer erwartet, dass der Naturschutz den Wolf in dieser Gemengelage blind verteidigt, irrt gewaltig. Uwe Friedel, Wolfsexperte des BN, argumentiert verblüffend pragmatisch. Den Naturschützern ist die Realität am Berg völlig klar: „Eine flächendeckende wolfsabweisende Zäunung von ganzen Almen wird weder gefordert noch ist sie realistisch.“ Der Bund Naturschutz setzt auf einen gezielten Mix aus Teilzäunungen und Herdenschutz für die besonders gefährdeten Schafe und Ziegen.
Dann lässt Friedel eine Aussage fallen, die das verhärtete Schwarz-Weiß-Denken endgültig sprengt: „Auch der Abschuss von Wölfen, die erwachsene – also wehrhafte – Rinder auf weitläufigen Almen ohne Herdenschutz attackieren, kann notwendig sein.“ Der BN erteilt dem Abschuss von Problemwölfen unter diesen Umständen also das Go.
Gleichzeitig bricht Friedel aber eine Lanze für die biologische Funktion des Raubtiers. Wölfe seien die „Gesundheitspolizisten“ im Wald. Sie erlegen bevorzugt kranke Tiere und könnten so sogar die Übertragung gefährlicher Tierseuchen wie der Tuberkulose reduzieren.
Gefahren durch
Herdenschutzhunde
Dass Herdenschutzhunde und Tourismus gut nebenein funktionieren können, zeige der Blick in die Schweizer Alpen. Voraussetzung ist jedoch, dass die Betriebe Zeit und Geld in die Ausbildung der Tiere investieren.