Mordanschlag auf die Ehefrau

von Redaktion

Psychiater schildert vor Gericht Wahnwelt des 96-jährigen Angeklagten aus Grassau

Grassau/Traunstein – Der aufsehenerregende Prozess gegen einen 96 Jahre alten Mann aus Grassau ist nun in Traunstein fortgesetzt worden. Ihm werden versuchter Mord an der Ehefrau und besonders schwere Brandstiftung vorgeworfen. Mittels voller Benzinkanister sorgte er am 26. Oktober 2025 für eine Verpuffung und einen Brand in dem Einfamilienhaus.

Blickkontakt
zum Angeklagten

Der Vorsitzende Richter Volker Ziegler sprach immer direkt zum Angeklagten, wenn er ihm erklärte, worum es gerade geht oder wer gerade spricht. Der 96-Jährige hört schlecht, sieht schlecht, kommt mit Rollator, kann sich aber recht klar ausdrücken, wenn er gefragt wird.

Josef Eberl vom Bezirksklinikum in Wasserburg-Gabersee hatte die Aufgabe, den Angeklagten aus psychiatrischer Sicht einzuschätzen. „Er erzählte mir sehr ausführlich über seine Kindheit und Jugend in Oberschlesien. Das ist nicht üblich für Menschen in so einem Alter“, so Eberl. Dement scheint der 96-Jährige nicht zu sein. Er hat die Brandlegung in dem Haus, das seiner Tochter gehört, auch bereits gestanden. „Trotzdem ist er davon überzeugt, nach der Gerichtsverhandlung wieder herauszukommen“, so der Sachverständige. Seit der Festnahme ist der Grassauer im geschlossenen Klinikum in Gabersee untergebracht.

Laut dem psychiatrischen Gutachter leidet der Angeklagte unter Wahnideen – „ein schleichender Prozess, der sich voriges Jahr deutlich verschlechterte“. Der 96-Jährige glaubte, man wollte ihm und seiner zwischenzeitlich verstorbenen Ehefrau das Haus wegnehmen. Die Frau überlebte die Explosion und den Brand scheinbar unbeschadet, verstarb zwischenzeitlich aber im Alter von 90 Jahren. Am ersten Prozesstag sagte der Angeklagte, Fremde hätten ihn und seine Frau vor der Tat zum Auszug aufgefordert. Auch eine Apothekerin habe gemeint, er sei in Grassau nicht mehr sicher. „Seine Lösung war: das Haus durch eine Explosion gezielt unbewohnbar zu machen“, so Gutachter Eberl.

„Ohne geeignete Medikamente in einer stationären Unterbringung könnte so etwas wieder passieren. Er wäre dazu auch rüstig genug“, meinte der Sachverständige. Nach einer medikamentösen Behandlung könnte er aber vielleicht wieder in Freiheit entlassen werden. Immer wieder habe ihm der 96-Jährige versichert, er wolle wieder in das Haus ziehen, es reparieren lassen und dort bis zu seinem Tod leben, so Psychiater Eberl. Und auch der Angeklagte selbst bekräftigte vor Gericht abermals: „Ich kann dort noch arbeiten, im Haus und im Garten.“ In seinen Berufsjahren arbeitete der Mann lange als technischer Zeichner, aber auch bei der Bahn, als Mechaniker und kurz bei der Polizei.

Als Zeuge sagte vorm Landgericht der 46-jährige Enkel des Angeklagten aus. Nachbarn riefen ihn an jenem Morgen im Oktober 2025 an. Er half, die pflegebedürftige Frau seines Großvaters aus dem Bett zu tragen, als es brannte. „Das wollte sie nicht. Ich glaube, sie hat gar nicht wahrgenommen, was passiert ist.“ Den Kontakt zum Angeklagten habe er aber seit einigen Jahren abgebrochen: „Er ist unberechenbar und macht Leuten Vorwürfe, die völlig aus der Luft gegriffen sind.“ Der psychiatrische Gutachter meinte, der 96-Jährige sei äußerst misstrauisch gegenüber den Nachbarn und seinen Kindern.

Vier volle
Benzinkanister

Der Senior löste das Feuer mithilfe von vier vollen Benzinkanistern aus. Durch die Explosion und den Brand wurden Fensterscheiben zerstört, Fensterrahmen aus dem Mauerwerk gedrückt, Türen aus den Angeln gerissen. „Und der gesamte Dachstuhl wurde durch die Verpuffung angehoben und um mehrere Zentimeter verschoben“, so ein Sachverständiger vom Landeskriminalamt vor Gericht. Hinzu kommen Ruß- und Brandschäden im Haus. Der Sachschaden liegt bei über 150.000 Euro. Der Prozess wird am 23. April in Traunstein fortgesetzt. Dann dürfte auch das Urteil fallen. xe

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