Prien – Auch ohne Lateinkenntnisse vom Reichtum des Chorals profitieren zu können, war das Ansinnen des „Workshop Gregorianischer Choral“ im Priener Pfarrheim Mariä Himmelfahrt. Der Einladung von Kirchenmusiker Bartholomäus Prankl folgten trotz frühsommerlicher Temperaturen knapp 30 Interessierte, Schola-Chorsänger und Kirchenmusiker aus der gesamten Erzdiözese München-Freising. Dass der Workshop gleich noch zum internationalen Workshop aufgewertet wurde, verdankte er zwei Sängerinnen aus Altstätten (Kanton St.Gallen, Schweiz), die eigens dafür angereist kamen.
Wurzel der
Musikkultur
Professor Stephan Zippe, seines Zeichens Lehrstuhlinhaber für Gregorianik und deutschen Liturgiegesang an der Hochschule für Musik und Theater München und zugleich Diözesanmusikdirektor, hatte sich bereit erklärt, den Kurs zu leiten und gemeinsam mit den Sängern den Vorabgottesdienst zu gestalten. Der gregorianische Choral ist der einstimmige, unbegleitete Gesang der abendländischen Kirche in lateinischer Sprache. Die Melodien gehen zurück auf die ersten Jahrhunderte nach Christus und gelten als Wurzel unserer gesamten Musikkultur. Die Mitsänger an dem Nachmittag brachten allesamt Vorkenntnisse mit, und doch war das Notenmaterial für den dritten Sonntag der Osterzeit recht anspruchsvoll. Denn die Choralnoten sind anders als das, was der gemeine Chorsänger als Noten kennt. Die Noten werden in ein Notensystem mit vier Linien geschrieben. Nur die Tonhöhe wird notiert. Jeder Ton wird mit einem Quadrat, einem Rhombus oder einer dicken Linie gezeichnet. „Wenn zwei Töne übereinander notiert sind, dann wird erst der untere, dann der obere Ton gesungen“, erklärte Zippe.
Zwei Töne nebeneinander unter einer Wortsilbe bedeuten, dass man diese beiden Töne mit der gleichen Silbe ansingt. Und beim Atmen „bitte chorisch atmen“ und auch nicht die Bedeutung der Texte, die Zippe gleich mitübersetzte, auseinanderzureißen. „Das erhöht die Spannung“, erklärte der Professor. Und das kleine c in den Neumen steht für celeriter (schnell): „Hier dürfen sie etwas schneller singen.“
Noch bevor die Handschriften ab 11. Jahrhundert diastematisch, also mit Angabe der Tonhöhen notiert wurden, gab es in den frühen adiastematischen Handschriften aus dem 9. Jahrhundert über dem lateinischen Text nur die „Neumen“ (Winkzeichen), die über den Rhythmus Auskunft gaben. Die Melodien wurden mündlich überliefert und mussten bekannt sein. Von „herausfordernd“ bis „genial“ reichten die Rückmeldungen aus den Reihen der Mitsänger des Priener Gregorianisch-Workshops. Einig waren sich dennoch alle, dass es eine großartige Erfahrung war. Denn diese Musikform birgt eine große emotionale Kraft in sich.
In diesen Genuss kamen auch die Gottesdienstbesucher. Beim Gloria, beim Sanctus und Agnus Dei waren die Kirchgänger angehalten miteinzustimmen. Im Gotteslob finden sich einige gregorianische Gesänge, wenngleich in moderner Notation notiert.
Die Freude am gemeinsamen Singen einte Workshopteilnehmer und Gottesdienstbesucher. „Das Herz freut sich ohne Worte, also singt“ hatte einst der mittelalterliche Kirchenvater Augustinus seine Klosterbrüder aufgefordert. Beim Vorabgottesdienst in Prien war diese Herzensfreude zu spüren.