30 Bürgermeister lernen Zapfen

von Redaktion

Chiemgauer Rathauschefs proben für den Ernstfall auf Veranstaltungen

Traunstein – Es ist ein Albtraum in Tracht: Das ganze Zelt starrt gespannt auf die Bühne, der Schlegel ist erhoben, und dann passiert das Malheur – nach unzähligen Schlägen spritzt das Bier in die erste Reihe, aber nicht ins Glas. Damit genau dieses Szenario den frisch gewählten Amtsträgern der Region erspart bleibt, führt das Hofbräuhaus Traunstein eine lieb gewonnene Tradition fort und bittet zur Schulung an den Zapfhahn.

Jüngst öffneten sich die Tore der Brauerei für eine ganz besondere Schulklasse. Maximilian Sailer, Geschäftsführer des Hofbräuhauses, begrüßte eine illustre Runde aus rund 30 Rathauschefs aus dem Landkreis Traunstein und angrenzenden Regionen. Unter den Gästen befand sich auch Landrat Andreas Danzer – auch er war an diesem Nachmittag motiviert am Fass unterwegs.

Härtetest
Volksfest

„Wir machen das schon seit Jahrzehnten, dass wir immer direkt im Anschluss an eine Kommunalwahl ein Zapf-Seminar bei uns anbieten“, erklärte Maximilian Sailer. Das Ziel der Veranstaltung ist klar: Die Bürgermeister und Landräte sollen die nötige Sicherheit für ihren oft nervenaufreibenden Auftritt in der Öffentlichkeit gewinnen, noch bevor die bayerische Festsaison in der Region so richtig startet.

Das Hofbräuhaus Traunstein sei heute eine der ganz wenigen Brauereien, die das Bier noch im Original-Holzfass anbieten und dieses traditionsgemäß per Pferdefuhrwerk ausfahren. „Das ist bei uns nicht nur eine Besonderheit für ein spezielles Fest, sondern wir haben Wirte, die das Bier wirklich regelmäßig aus dem Holzfass ausschenken“, betonte Sailer stolz mit Blick auf die handgefertigten Gebinde.

In seiner Begrüßungsrede hob Sailer mit einem Augenzwinkern die enorme Symbolkraft hervor, die das Handwerk des Anzapfens für einen Politiker mit sich bringt: „Man interpretiert viel hinein, je nachdem, wie viele Schläge jemand benötigt und wie sicher eine Amtsperson ans Fass schreitet. Davon lässt sich oft ableiten, wie gut jemand seine Amtsgeschäfte führt.“ Laut Sailer hänge davon unter Umständen sogar die Wiederwahl ab.

Das Seminar war kein reiner Frontalunterricht, sondern forderte harte Praxis am Fass. Jeder Amtsträger bekam insgesamt drei Versuche, um sein Geschick zu beweisen. Um die wertvolle Ressource Bier bei den ersten Trockenübungen zu schonen, waren die Fässer mit Wasser gefüllt. Beim dritten Durchgang, dem sogenannten „Wertungsfass“, wurde es für die versammelte Runde dann richtig ernst.

„Jeder Teilnehmer hat am Schluss ein Wertungsfass – dann zählt es praktisch für die Statistik. Wer am Ende die wenigsten Schläge braucht, der ist der Beste“, so Sailer. Allzu viel Perfektion sei aber ohnehin nicht gut für das Publikum: „Es darf durchaus ein bisserl spritzen, schließlich sollen die Zuschauer ja auch ihre Gaudi haben“, wenn die ersten Tropfen nicht ganz im Krug landen, sondern die Umstehenden treffen.

Unter den vielen männlichen Kollegen behaupteten sich auch zwei Frauen im Wettbewerb: Alexandra Schindler (UBL) aus Engelsberg sowie Bürgermeisterin Susanne Kunz (CSU) aus Samerberg. Beide stellten sich der Herausforderung, mit dem schweren Holzschlegel bewaffnet, und bewiesen in der männerdominierten Runde sichtlich Mut sowie Geschick im Umgang mit dem bayerischen Kulturgut und dem widerspenstigen Zapfhahn. „Das hat richtig Spaß gemacht“, strahlt Alexandra Schindler nach ihren drei Runden.

Unter besonderer Beobachtung an diesem Tag – die Neulinge im Amt. Einer davon: Dominic Geiger (CSU). Der frisch gewählte Bürgermeister von Trostberg wirkte am Fass bereits zu Beginn so souverän, als hätte er in seinem Leben nie etwas anderes getan. Im Gespräch vorab verriet er, dass er trotz seiner Vorerfahrung als Stellvertreter noch ein „bisserl was von den Profis des Hofbräuhauses dazulernen“ wollte. „Ich erhoffe mir heute noch ausgefeiltere Techniken für die Praxis“, sagte Geiger kurz vor seinem Einsatz. Er wisse genau, worauf es technisch ankomme: „Dass man halt den Griff sauber nimmt, ob der Dichtring da ist und ob oben die Belüftung noch zu ist.“ Der Trostberger ist kein Neuling: In seiner Zeit als Stellvertreter gelangen ihm bei Veranstaltungen bereits beachtliche Bestwerte von zwei Schlägen. Dass der Druck bei einem offiziellen Wettbewerb in der Brauerei spürbar höher ist als im privaten Rahmen, merkte Geiger während der Wertung schnell: „Oha, jetzt wird der Druck doch ein bisserl höher!“, gab er schmunzelnd zu Protokoll. Am Ende hielt er diesem jedoch locker stand: Mit nur einem einzigen, gezielten Schlag versenkte er den Zapfhahn perfekt im Wertungsfass und war damit im Seminar ganz vorne dabei.

Während Geiger glänzte, rangierten die beiden Damen, Alexandra Schindler und Susanne Kunz, mit vier benötigten Schlägen auf dem vorletzten Platz. „Damit bin ich mehr als zufrieden“, freute sich Schindler dennoch über das Ergebnis. Bei dem Seminar ging es schließlich nicht ums Gewinnen. Neben der Praxisübung für die Würdenträger sollten auch das richtige Gefühl für das bayerische Brauchtum und der respektvolle Umgang mit dem Handwerk vermittelt werden. Maximilian Sailer erklärte den Gästen zudem leidenschaftlich die Details der Fässer, die vom Fass-Schmid aus München gebaut werden. „Das ist wirklich noch ein wunderschönes Handwerk – die Fässer sind aus astfreier Eiche. Das Bier wird dort niedriger gespundet, deswegen ist unser Holzfassbier so süffig, weil es deutlich weniger Kohlensäure hat als andere Sorten“, so der Brauereichef über die technischen Besonderheiten.

Technik und Geselligkeit
im Vordergrund

Neben der Technik stand primär das Gesellschaftliche im Vordergrund. „Man lernt sich hier einfach kennen, vor allem die vielen neuen Amtsträger untereinander“, so Sailer über den Netzwerk-Charakter. Das Seminar bietet den perfekten Rahmen, um abseits der politischen Tagesordnung Kontakte zu knüpfen und gemeinsam ein frisches Glas Holzfassbier in lockerer Atmosphäre zu genießen. Neben Fassbier gab es für alle Teilnehmer noch Brotzeit und eine Teilnehmerurkunde obendrauf. Mit gestärktem Selbstvertrauen und dem nötigen Wissen um die richtige „Fassdaube“ verließen die Chiemgauer Bürgermeister schließlich das Hofbräuhaus. Die kommende Volksfestsaison im Chiemgau kann nun kommen. Unsere Amtsträger sind bestens gewappnet – in diesem Sinne: O’zapft is.

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