Herrenchiemsee – Der Sonnenkönig, Ludwig XVI. galt ihm als großes Vorbild und seine Königsschlösser Herrenchiemsee, Neuschwanstein, Linderhof und das Berghaus am Schachen sind gebaute Träume, inspiriert vom Mittelalter, dem Barock und einem Ausflug in andere Kulturen. Um seine Träume zu realisieren, bediente sich Ludwig II. aber der modernsten Technik. Zu einem Blick hinter die Kulissen des Märchenschlosses auf der Herreninsel lud die Technikführung, als eine von drei Sonderführungen, die im Rahmen des Festempfangs zum 65. Geburtstag der Vereinigung der „Freunde von Herrenchiemsee“ stattfanden.
Weltausstellungen
als Inspirationsquelle
Es ist legendär: Das „Tischlein-deck-dich“ auf der Herreninsel im Königsschloss, dass mittels eines Mechanismus den Tisch aus der Küche in das Speisezimmer hinauffahren konnte. Aber im Grund noch am unspektakulärsten. Im Rahmen der Technikführung erfuhren die Teilnehmer, alles Mitglieder der „Freunde von Herrenchiemsee“, dass Ludwig II. sich schon früh für die Möglichkeiten der modernsten Erfindungen begeistern konnte. Die Weltausstellungen, ob in London, Paris oder Wien waren dafür die geeignetsten Orte der Präsentation und davon ließ sich auch bereits der junge Ludwig II. inspirieren. „Es ging ihm nicht darum, wie es funktioniert. Sondern darum, welche Wirkung man damit erzielen kann“, stellte die Schlossführerin Andrea Reitzenstein fest. Darum könne man die verwendeten technischen Geräte auch nie von außen sehen, erklärte sie und verwies in einem Raum im ersten Stock auf eine große Kurbel. Damit habe man den großen Kronleuchter im Paradeschlafzimmer absenken können, wie sie erklärte. Doch zum Einstieg ging sie auf viele der realisierten Ideen des Märchenkönigs ein und auch auf solche, die damals einfach noch nicht umsetzbar waren. Während sein Wunsch, mit einer schwebenden Gondel in Pfauenform über den Eibsee zu gleiten letztlich damals an noch unzureichendem Seilmaterial scheiterte, war sein Prunkschlitten schon mit elektrischen Glühbirnen ausgestattet und er ließ auch „das erste E-Werk der Welt bauen“. Es sollte der Illuminierung der Venus-Grotte in Linderhof dienen, so Reitzenstein.
Einen Blick auf eigens nach Ludwigs Wünschen gebaute Motoren erspähten die Teilnehmer der Führung und Reitzenstein verwies auf die Techniker Alois Zettler und Sigmund Schuckert, die damals zu den Pionieren der Elektrotechnik zählten und die der König schon beauftragte. Die Motoren, die die Teilnehmer bestaunten, seien von der Firma Siemens gebaut worden, so Reitzenstein weiter. Vier Diener seien damit beauftragt gewesen, die Kronleuchter im Spiegelsaal mechanisch abzusenken, aber nicht alle der 54 Kronleuchter im Schloss seien dafür vorgesehen, informierte sie weiter. „Doch die Kronleuchter im Spiegelsaal konnten so innerhalb einer halben Stunde alle entzündet werden“, so Reitzenstein. „Es hat acht Minuten gebraucht, bis alle unten waren“, erzählte sie, während die Gruppe ihr durch die vielen Räume aus unverputztem Backstein folgte.
Die Fragen der Teilnehmer waren von großem Interesse und Wissen geprägt und Reitzenstein erwies sich als kompetente Führerin, die auch Fachfragen ausführlich beantwortete. Die Gruppe erklomm eine hölzerne Leiter und durfte einen Blick auf das, von einer Eisenkonstruktion gehaltene, gläserne Dach werfen. Sogar hindurch und so fiel Blick auf das unvollendete große zweite Treppenhaus. Im Prunktreppenhaus sei mit dem Glasdach der Blick zum Himmel frei gewesen und über die Farbwahl im Erdgeschoss und im ersten Stock habe Ludwig II. den Aufstieg gen Himmel zu den Göttern symbolisieren wollen. „Es war eine riesige Herausforderung“, umschrieb Reitzenstein die notwendige Herstellung eines Spezialglases und die völlig neuen Berechnungsmethoden, die für die Realisierung notwendig waren. Richtig spannend wurde dann die Tour beim Abstieg in den rund 3.000 Quadratmeter großen Keller, der nicht nur Platz für 14 Öfen bot, sondern auch riesige Mengen an Brennmaterial aufnehmen konnte. Reitzenstein wies auf das Schachtsystem hin, durch das die Räume beheizt werden konnten, auf die zahlreichen Schieber, durch die man die Wärme zielgerichtet leiten konnte.
Große Becken mit
beheiztem Wasser
Auch einen Blick unter das riesige Schwimmbad konnten die Teilnehmer werfen. Das Wasser sei allerdings außerhalb des Schlosses beheizt worden und dann wurde es in das große Becken geleitet, erzählte Reitzenstein. Der große Ofen unter der Wanne im Keller habe nur dazu gedient, dass Wasser auf der gewünschten Temperatur eine Zeit zu halten. Da der König aber letztlich nur zehn Tage auf Herrenchiemsee geweilt habe, sei vieles nie für ihn längerfristig zum Einsatz gekommen. „Eigentlich wurde das Schloss damals nur für die Maler und deren Malerarbeiten geheizt“, so Reitzenstein.