Maibaum-Auslöse mit Säge erzwungen

von Redaktion

Michael Summerer droht damit, „ganz Oberwössen mit Brennholz zu versorgen“

Oberwössen – Seit Freitag, 1. Mai, dem Maifeiertag, schmückt wieder ein mächtiger Maibaum mit bunten Schildern das Dorf Oberwössen unmittelbar an der Deutschen Alpenstraße. Nach einer Auslandsreise über Österreich steht er nun da, wo er hingehört: im Ortszentrum von Oberwössen.

Bei herrlichem Wetter und unter blauem Himmel bremste der Konvoi der Rottauer Maibaumdiebe den Straßenverkehr im Achental. Begleitet von einem Leitwagen zog ein Traktor den mächtigen Stamm den Daxenberg hinauf in den Oberwössner Talkessel. Pünktlich trafen sie kurz vor Mittag in Oberwössen ein. Herzlich empfingen die Oberwössner, die Musikkapelle Wössen und die Gebirgsschützenkompanie Wössen/Achental die Rottauer im Ortsteil Brem.

Es wurde umgespannt. Statt des Traktors zogen nun die gewaltigen schwarzen Rösser der Familie Maier aus Grassau, Django und Odin, den Maibaum. Rund 20 Dirndln, rittlings auf dem Stamm – dazu ein paar Burschen – schienen den beiden Rappen keine Last, als es im Umzug unter dem klingenden Spiel der Musikkapelle weiter nach Oberwössen hineinging. Die Gebirgsschützenkompanie Wössen/Achental mit Hauptmann Georg Haslberger und der Oberwössner Trachtenverein D’Rechlberger mit der Vorsitzenden Renate Bauer reihten sich in den Zug ein. Dort wartete bereits eine Vielzahl begeisterter Menschen. Doch nach einer kurzen Begrüßung durch Harald Leuhuber kippte die Stimmung. Als der Fachmann des Oberwössner Maibaumkomitees die Burschen aufrief anzupacken, sträubten sich die Rottauer, den Stamm ohne eine Auslöse freizugeben. Auch als Leuhuber beschwichtigte und gar ein „Maibaumverhältnis“ zwischen Rottau und Oberwössen sah, blieben die Rottauer hart. 1.200 Euro und für alle mitgereisten Rottauer Brotzeit und Getränke frei bis zum Heimgehen forderte Michi Summerer, der Anführer der Rottauer Diebe. Leuhuber zeigte sich gut vorbereitet. Der Oberwössner Maibaum sei erst von den Reit im Winklern gestohlen worden, weshalb die Rottauer einen Mehrweg gehabt hätten – damit hätten die Oberwössner nichts zu tun. Dass die Rottauer für den Transport des Diebesgutes außerdem den weiten Weg über das österreichische Kössen gewählt hätten statt direkt über Oberwössen, könne nicht den Oberwössenern zugerechnet und dürfe nicht in die Auslöse eingerechnet werden, so Leuhuber. Summerer empfand, die Oberwössner Intrigen, die zum Diebstahl nach Reit im Winkl geführt hätten, gingen die Rottauer nichts an – der lange Weg sei nötig geworden. Die Motorsäge heulte, und zum Entsetzen – vor allem der Feriengäste unter den Zuschauern – fiel die erste Baumscheibe vom Fuß des Stammes. Die Einzigen, die das nicht interessierte, was da drei Meter hinter ihrem Rücken so laut geschah, waren die Rösser.

Leuhubers Friedensangebot, ein Kracherl für jeden Rottauer und 50 Euro für den dortigen Trachtenverein, ließ die nächste Baumscheibe fallen. „Wir haben genug Sprit dabei, ganz Oberwössen mit Brennholz zu versorgen“, so Michi Summerer. 1.000 Euro, sechs Mass Bier und eine Brotzeit für jeden Rottauer waren Leuhuber immer noch zu viel – wieder fiel eine Baumscheibe. Dann die Einigung: Von 800 Euro plus 70 Euro Energiezuschlag ließen sich die Rottauer auf 820 Euro, Brotzeit und drei Mass herunterhandeln. Erleichterung machte sich breit, als auch der neue Unterwössner Bürgermeister Johannes Weber in einer ersten Amtshandlung grünes Licht gab und gemeinsam mit dem Grassauer Bürgermeister Stefan Kattari und den Verhandlern mit einer Mass auf die Einigung anstieß. Die Gebirgsschützenkompanie schoss einen Gewehrsalut.

Es dauerte etwas, bis der mächtige Stamm auf dem Auflieger an das Lager für den Maibaum im Kurpark rangiert war. Knifflig und kraftraubend war dann die Arbeit, den Stamm so hineinzuheben, bis der erste Bolzen auf den Millimeter genau passte. Der Rest war Routine. Meter für Meter wuchteten die Rottauer und Oberwössner Burschen den Stamm in den blauen Himmel, erst mit den Händen, dann mit immer längeren Schwalben. Ein Schwerlastkran sicherte den Weg der 31 Meter langen Fichte nach oben.

Gegen 14.50 Uhr schlug der neue Maibaum am Widerlager an und ragte hoch in den Himmel. Ein Kanonensalut der Gebirgsschützen kündete dies über das ganze Tal. Mit Unterstützung der Kameraden aus Reit im Winkl und der dortigen Feuerwehrdrehleiter brachte die Oberwössner Feuerwehr die Maibaumschilder an.

Wer dabei war – das ganze Dorf und viele Gäste kamen zusammen – hatte seine helle Freude an der Veranstaltung. Die Musikkapelle Wössen mit Dirigent Rupert Fladischer spielte im Kurpark fleißig auf, die Trachtenkinder und die Jugend des Trachtenvereins D’Rechlberger zeigten ihre Tänze. Bier und kühle Getränke flossen in Strömen, dazu gab es Brotzeit sowie Kaffee und Kuchen. Es war ein schönes Fest im bunten Miteinander im Kurpark und auf der gesperrten Taubenseestraße. Auch für die Ortsdurchfahrt der Bundesstraße hatte die Feuerwehr eine Umleitung eingerichtet.

Der Forst hatte den Baum gestiftet, die Gemeinde bei Organisation und Vorbereitung geholfen. Der Holzrückebetrieb Max Heiss jun. schnitt den Baum an Heiligabend um und transportierte ihn ins Tal. Ludwig Voit schnitt die Schwalben. Ortsvereine, Helfer und Unterstützer taten ein Übriges, damit diese Veranstaltung so gelang.

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