Gemeisterter Ausnahmezustand

von Redaktion

Ruhpoldings Bürgermeister über den Waldbrand am Saurüsselkopf und den Zusammenhalt der Gemeinde

Ruhpolding Es gibt Momente im Leben, in denen einem schnell klar wird, dass alles anders wird, dass etwas Großes ansteht und die Prioritäten neu gesetzt werden müssen. Justus Pfeifer erlebte genau das am vergangenen Sonntagabend, als ihn telefonisch die Nachricht über den Waldbrand am Saurüsselkopf erreichte. „Da wird einem sofort bewusst, dass jetzt jede Minute zählt“, erklärt der Bürgermeister von Ruhpolding.

Sein erster Gedanke galt der Sicherheit der Menschen und der Einsatzkräfte. „Gleichzeitig war mir schnell klar, dass ein Brand in diesem steilen und schwer zugänglichen Gelände eine enorme Herausforderung werden würde. Durch meine frühere Tätigkeit als Bundeswehroffizier weiß ich, wie wichtig in solchen Lagen klare Kommunikation, gute Koordination und besonnenes Handeln sind“, so Pfeifer.

„Professionalität
und Entschlossenheit“

Dass der Einsatz „außergewöhnlich“ werden würde, war laut Pfeifer aufgrund der Trockenheit, des Windes und der schwierigen Topografie am Berg früh erkennbar. „Dass sich die Lage über mehrere Tage hinweg so intensiv entwickelt, war dennoch erschütternd. Gleichzeitig hat man sehr schnell gesehen, mit welcher Professionalität und Entschlossenheit alle Beteiligten reagiert haben.“

Bereits am Montagvormittag hatte der Landkreis den Katastrophenfall ausgerufen, um die Gemeinde zu unterstützen und auf überörtliche Hilfe zurückzugreifen. Ein Großaufgebot an Einsatzkräften und Rettungsorganisationen war tage- und nächtelang mit dem Bekämpfen der Ausbreitung des Feuers und dem Löschen beschäftigt.

Das Ereignis beschäftigte ihn nicht nur als Bürgermeister, sondern auch ganz persönlich. „Wenn man hier aufgewachsen ist und diese Berge seit der Kindheit kennt, dann spürt man sofort: Das betrifft nicht irgendeinen Ort – das betrifft ein Stück Heimat.“ Der Saurüsselkopf gehört für die Ruhpoldinger einfach zum Landschaftsbild und zum Lebensgefühl dazu. Wer hier lebt, blickt jeden Tag auf diese Berge.

„Viele verbinden damit Wanderungen, Kindheitserinnerungen, Naturerlebnisse oder einfach das Gefühl von Zuhause“, erklärt der Bürgermeister die Bedeutung des Berges. Gerade für „uns Einheimische“ seien diese Landschaften weit mehr als eine schöne Kulisse – „sie sind Teil unserer Identität“. Deshalb bewegt dieser Brand die Menschen emotional sehr stark. „Wenn man sieht, wie ein Stück dieser vertrauten Natur betroffen ist, dann geht das vielen sehr nahe.“

Ein Stück Heimat
ist zerstört

Pfeifer selbst, seit Kindheitstagen in Ruhpolding tief verwurzelt, schmerzte es ebenfalls sehr, den Waldbrand in seiner Gemeinde miterleben zu müssen. Das sei emotional belastend. „Man verbindet mit dieser Landschaft nicht nur Heimat, sondern auch Verantwortung. Viele von uns haben eine enge Beziehung zur Natur und zu unseren Bergen.“ Betroffenheit herrschte bei ihm auch wegen des Trinkwasserschutzgebietes Laubau, das wegen seiner hohen Bedeutung zum zentralen Ziel der Löschmaßnahmen auserkoren wurde. „Der Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen hat gerade in einer solchen Situation höchste Priorität.“

Überdies führe ein solches Ereignis deutlich vor Augen, wie sensibel die Umwelt geworden sei und welche Herausforderungen durch zunehmende Trockenperioden und extreme Wetterlagen entstehen könnten. „Waldbrände dieser Größenordnung waren in unserer Region früher kaum vorstellbar. Umso wichtiger ist es, Natur- und Klimaschutz weiterhin ernst zu nehmen und verantwortungsvoll mit unserer Heimat umzugehen.“

Gleichzeitig erfüllt es den Bürgermeister mit großem Stolz, zu sehen, „wie unsere Gemeinde in einer solchen Situation zusammensteht. Genau in solchen Momenten zeigt sich, was eine starke Dorfgemeinschaft ausmacht.“ Was er damit meint: die beeindruckende Anteilnahme und Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung. „Viele Bürgerinnen und Bürger haben sofort Unterstützung angeboten – sei es mit Verpflegung für Einsatzkräfte, organisatorischer Hilfe oder einfach mit aufmunternden Worten. Man spürt deutlich, wie groß der Zusammenhalt in Ruhpolding ist. Dafür bin ich unglaublich dankbar.“

Herausforderung
für die Bürger

Seit Tagen beherrschte der Waldbrand den Alltag des Bürgermeisters. Viele Termine mussten kurzfristig umgestellt werden, Straßen und Wege waren zeitweise gesperrt und die Lage musste laufend neu bewertet werden. Auch privat tritt in so einer Situation vieles in den Hintergrund: Seine Familie sah Pfeifer kaum. Doch er sagt auch: „Das gehört in einer solchen Ausnahmesituation auch zur Verantwortung eines Bürgermeisters dazu. Wenn die Gemeinde vor einer großen Herausforderung steht, dann ist es selbstverständlich, dass man seine ganze Kraft und Aufmerksamkeit in diese Aufgabe stellt.“

Gleichzeitig sei ihm bewusst, dass viele Menschen – Einsatzkräfte ebenso wie zahlreiche Ehrenamtliche – derzeit ähnliche Belastungen trügen. Umso beeindruckender sei es, mit welchem Zusammenhalt und welcher Einsatzbereitschaft die Gemeinde diese Situation bewältige. „Vor allem die Hilfskräfte leisten seit Tagen Außergewöhnliches – körperlich wie mental. Aber auch Verwaltung, Rettungsdienste, Behörden und viele Ehrenamtliche stehen unter großer Anspannung. Für das Gemeindeleben ist das natürlich eine Ausnahmesituation. Dennoch habe ich den Eindruck, dass diese schwierige Lage die Menschen eher noch enger zusammengebracht hat. Viele packen mit an, übernehmen Verantwortung und zeigen große Solidarität. Das verdient höchsten Respekt.“

Auf die Frage nach langfristigen Folgen für Ruhpolding als Tourismusort – etwa durch abgesagte Urlaube, verunsicherte Gäste oder ein „Waldbrand-Image“ – antwortet der Rathaus-Chef, dass man die Entwicklung aufmerksam beobachten werde. Aber er sei überzeugt, dass die Gäste das professionelle, verantwortungsvolle und geschlossene Handeln sehen würden. „Unser Ort steht für Gastfreundschaft, Zusammenhalt und eine starke Gemeinschaft – und genau das erleben derzeit auch viele Besucher.“ Pfeifer ist deswegen zuversichtlich, dass die Gemeinde keinen Schaden als Tourismusort nehmen wird.

Gelungene
Koordination

Zum Abschluss dankt der Bürgermeister für die Zusammenarbeit aller Organisationen. „Feuerwehr, Bergwacht, Rettungsdienste, Polizei, Landratsamt, Bundeswehr, die Hubschrauberbesatzungen und alle Beteiligten arbeiten hochprofessionell und Hand in Hand zusammen.“ Besonders beeindruckt hat ihn der unermüdliche Einsatz der Feuerwehrkräfte und Piloten unter schwierigsten Bedingungen, die auch nach dem Löschen des offenen Brandes nicht aufhören. „Viele sind seit Tagen nahezu ohne Pause im Einsatz und leisten Herausragendes. Dafür gebührt allen Beteiligten größter Dank und höchste Anerkennung.“

Artikel 2 von 11