Staudach-Egerndach – Seit 1. Mai betreiben Karin und Alexander Krauss die Staudacher Alm auf 1.150 Metern Seehöhe. Das ist nicht leicht für zwei, die das Leben in der Stadt gewohnt sind. Die Trostbergerin und der Salzburger nehmen es aber mit Humor. Die Sonne strahlt an diesem Morgen um 9.30 Uhr schon herrlich auf die kleine Terrasse. Karin Krauss strahlt genauso. Mit einem freundlichen „Grias di“ empfängt sie die ersten Wanderer. Diese sind in Staudach-Egerndach frühmorgens losmarschiert und freuen sich über den heißen Kaffee, Kuchen und eine Brotzeit.
„Unglaublich
entspannt“
„Die Leute sind so entspannt, das ist unglaublich“, sagt die 49 Jahre alte gebürtige Trostbergerin. Das gibt ihr und ihrem Mann Alexander ein gutes Gefühl. Denn leicht ist es nicht, was die beiden hoch über Staudach auf 1.150 Metern Seehöhe vor wenigen Tagen begonnen haben.
Karin und Alexander Krauss haben ihre Jobs in Salzburg gekündigt, um in den Chiemgauer Alpen ihren Traum zu verwirklichen. Die gelernte Übersetzerin, Pharmareferentin, später Mitarbeiterin in einem Zeitungsverlag und neuerdings ausgebildete Köchin betreibt heuer mit ihrem Alexander die Staudacher Alm. „Das war schon lange mein Traum. Ich war die letzten zwei Jahre Köchin in der gehobenen Gastronomie“, erzählt sie. Die stressige Tätigkeit als Hotelköchin mit ihren Arbeitszeiten und eine Ehe mit einem Nicht-Gastronomen, das lasse sich schwer unter einen Hut bringen.
Alexander Krauss zieht mit seiner Frau an einem Strang, damit sie ihren langjährigen Wunsch umsetzen konnte: fünf Monate lang eine urige Hütte in den Bergen zu betreiben. Mit dabei im Paket: Gäste glücklich machen und außerhalb der Öffnungszeiten die einzigartige Ruhe hoch oben zu genießen. Der studierte Salzburger Geomorphologe (49) kündigte seine Arbeit bei einem Umweltanalytiklabor. Das Paar bewarb sich über den Almwirtschaftlichen Verein Oberbayern (AVO) beim Besitzer der rund 120 Jahre alten Almhütte und bekam seine Zusage. In einem dreitägigen Almlehrkurs des AVO lernte Karin die Grundkenntnisse rund um das Arbeiten auf einer Alm und gleich Nachbarwirte kennen.
Das echte Almleben stellte dann Aufgaben, die im Kurs nicht vorgekommen sind. „Am 1. Mai, an dem die Almsaison bei bestem Wetter startete, waren auch gleich an die 100 Gäste da!“, erzählt Karin. Mit diesem Ansturm haben die beiden nicht gerechnet. Auch in der Tierhaltung sind die zwei Stadtmenschen noch Neulinge. Täglich zählen sie die 15 Kälber, die um die Hütte weiden.
„Als wir aber zum ersten Mal am Abend die elf Hühner in ihren Stall sperren wollten, hat sich eines aus dem Staub gemacht. Wir haben ihm mit Freunden eine Zeit lang nachgestellt, bis wir es hatten. Das Huhn war danach so aufgeregt, dass es ziemlich durch den Wind war“, erinnert sich Karin.
Inzwischen können die „Stodinger“ darüber lächeln, denn sie wissen jetzt: Alles hat seine Zeit. Die Hühner gehen von alleine in ihren Stall und Drängen bringt da gar nichts. Zu lernen hatte das Paar noch einiges. Zum Beispiel, wie man in einem alten Holzofen einen Kuchen backt. Oder dass man auf ihm immer genug Wasser zum Geschirrabwaschen erhitzt. Sonst wird es wieder brenzlig, wenn sich die Holzbankerl vor dem schönen Bergpanorama von jetzt auf gleich mit hungrigen Wanderern füllen.
Zum Glück hilft auch noch die ehemalige Hüttenwirtin Irmi Gutsjahr aus Vachendorf-Wimpasing aus. Die neuen Pächter sind dankbar für die „gute Seele“, die ihnen mit Rat und Tat zur Seite steht und sie in das Almleben eingeführt hat. Ein halbes Jahrhundert hat sie die schöne alte Almhütte jeden Sommer betrieben. Jetzt ist sie 84, hat gerade wieder einen selbst gebackenen Kuchen mitgebracht und sagt: „Ja, die Jungen können hier schon noch viel lernen“ und lacht vielsagend.
Noch eine Menge
zu lernen
Karin und Alexander Krauss lernen als Pächter der Staudacher Alm das Leben am Berg kennen und lieben. „Wenn der letzte Gast geht, leuchten die Bergwände orange und man hört nur noch Stille“, schwärmen die beiden.