Prien – Lospech, zu wenige Stimmen, keine erneute Kandidatur oder die Nichtannahme der Wahl: Die Liste der Gründe, warum die insgesamt neun Gemeinderäte Ende April aus ihrem Amt ausschieden, ist ungewöhnlich lang. Eine Urkunde, ein Bild vom Chiemsee und den Bergen sowie eine Medaille überreichte Bürgermeister Andreas Friedrich auf der letzten Sitzung, bevor der neu gewählte Rat übernahm.
Persönliche Worte
und Präsente
Zuvor blickte der Rathauschef kurz zurück: erste Sitzungen im Chiemsee-Saal mit viel Abstand während der Corona-Pandemie, zu wenige Kinderbetreuungsplätze, Hackschnitzelheizwerk, der Ukraine-Krieg mit Auswirkungen auf die Gemeinde, Infrastrukturprojekte, Hochwasserschutz und einiges mehr. „Wir haben miteinander vieles gemeinsam erreicht. Danke für die Zusammenarbeit – besonders über die Parteigrenzen hinweg“, fasste er zusammen und bedankte sich auch dafür, ihn als Bürgermeister und Sitzungsleiter akzeptiert zu haben. Friedrich ist seit 2020 Bürgermeister der Chiemseegemeinde.
Die Aufzählung sei unvollständig, man vergesse unglaublich schnell, was alles passiert in sechs Jahren. „Wir haben dicke Bretter gebohrt und werden auch weiter dicke Bretter bohren – auch wenn die Finanzen beschränkt und endlich sind“ , wagte er schon einen Blick voraus. Dann rief er die scheidenden drei Gemeinderätinnen und sechs Gemeinderäte auf und bedankte sich mit den eingangs erwähnten Präsenten – inklusive persönlicher Worte.
Marion Hengstebeck rückte 2022 in den Gemeinderat in die Fraktion der Bürger für Prien nach, trat auch in diesem Jahr bei der Wahl erneut an und scheiterte um 50 Stimmen am Wiedereinzug. Ihre zwei Herzensthemen waren der Verkehr und die Gestaltung des Friedhofparkplatzes. Bei beidem sieht sie Verbesserungspotenzial: „Leider konnten wir hinsichtlich Verkehrsberuhigung beziehungsweise Verbesserungen für Radfahrer und Fußgänger kaum Fortschritte erzielen. Es geht nicht nur um mehr Aufenthaltsqualität im Priener Zentrum, sondern vor allem um die Sicherheit.“
In ihrer vierjährigen Amtszeit habe sie es „leider nicht geschafft, die Umrandung des Parkplatzes im Norden des Friedhofs in ein Blühparadies zu verwandeln. Die zurzeit komplett toten Wiesenstreifen könnte man wunderbar mit blühenden Büschen bepflanzen oder Blühwiesen ansäen.“
Als Teilerfolg bewertete sie die zwei Radbeauftragten und den Beschluss des Verkehrskonzepts. „Ich hoffe sehr, dass hier Möglichkeiten zur Verbesserung aufgezeigt werden, und hoffe dann natürlich auch auf eine zügige Umsetzung“, teilt sie der Chiemgau-Zeitung mit.
Die gesamte Legislaturperiode war Leonard Hinterholzer im Rat für die Grünen vertreten, er trat bei der Wahl im März nicht erneut an. Friedrich dankte dem „Wahl-Priener“ auch für seinen Einsatz als Energiereferent. Von 2015 an im Gemeinderat vertreten war Gunther Kraus als Mitglied der CSU-Fraktion. Er war auch Wirtschafts-, Tourismus- und Digitalreferent. „Danke auch für deine umfangreiche rechtliche Beratung“, sagte Friedrich. Kraus war auf Listenplatz fünf im März angetreten, ihm fehlten rund 180 Stimmen zum Einzug in seine dritte Legislaturperiode. Auch Kersten Lahl rückte wie Fraktionskollegin Hengstebeck 2022 in den Rat nach, scheiterte im März an der Wiederwahl. Friedrich nannte ihn einen „sehr kritischen Geist“, aus dem er manchmal nicht ganz schlau wurde – das mache nichts, sagten daraufhin beide Beteiligten.
Gewählt, aber
keine Zeit
Gabriele Rau wurde bereits zum zweiten Mal aus dem Gemeinderat verabschiedet, erhielt selbstverständlich dennoch die Präsente. 2023 rückte sie in die Grünen-Fraktion nach. Bei der Wahl im März erhielt sie 797 Stimmen, zwölf andere Grüne erhielten mehr. Ihr Steckenpferd sei der Einsatz für Geflüchtete, betonte Friedrich und dankte ihr für ihren Einsatz im Helferkreis. Eine Legislaturperiode saß Sepp Schuster für die AfD im Priener Gemeinderat. „Ein kritischer Geist“, wie Friedrich in der Sitzung sagte, „der in fast keiner Sitzung fehlte und nicht viel sagte. Wenn dann ein Input kam, hatte das auch Hand und Fuß – nicht immer, aber oft.“ Schuster trat nicht erneut an, die AfD hatte keine Liste bei der Wahl in Prien.
Als Sport- und Vereinsreferent wurde Michael Voggenauer verabschiedet, der 2020 die Freien Wähler mit einem Sitz in den Rat führte. „Dir ist mit den Vereinen nicht langweilig geworden und du hast neue Impulse gesetzt“, gab ihm der Rathauschef mit auf den Weg. Auch Voggenauer trat nicht erneut an, die Freien Wähler stellten keine Liste. Hans Wallner fehlte bei der Sitzung entschuldigt. Er verpasste den Einzug in den Rat auf die knappste aller Arten: Genau wie CSU-Kollege Ludwig Ziereis kam er auf 2.032 Stimmen und den listeninternen neunten und zehnten Platz. Da die CSU auf neun Sitze kam, musste das Los entscheiden – zuungunsten Wallners. „Die Präsente werde ich natürlich übergeben“, ließ Friedrich wissen.
Angetreten und klar gewählt wurde Sonja Werner für die Grünen – dennoch wurde sie verabschiedet, denn sie nahm die Wiederwahl nicht an. „Die Arbeit im Marktgemeinderat liegt mir sehr am Herzen und verdient vollen Einsatz. Diesen kann ich aufgrund persönlicher Umstände aktuell leider nicht mehr in dem Maß leisten“, erklärt Werner gegenüber der Chiemgau-Zeitung, Heiko Mehlhart rückte nach. Sonja Werner zieht als zeitweise Fraktionssprecherin eine positive Bilanz ihrer Zeit im Rat: „Nachhaltige Mobilität lag mir besonders am Herzen. Aus dem von mir initiierten Prozess ,radlfreundliche Kommune‘ ging schließlich die Ernennung der zwei Radbeauftragten hervor. Zudem setzte ich mich erfolgreich für Tempo 30 in einzelnen Ortsgebieten ein.“
Außerdem machte sie sich für echte Bürgerbeteiligung, wie bei den Lärmschutzwänden, stark. Als Fazit ihrer Zeit im Gemeinderat wünscht sie sich künftig mehr Mut in der Kommunalpolitik – gerade bei kontroversen Themen wie gerechter Mobilität oder der Ortsgestaltung. „Man darf auch mal etwas ausprobieren“, so ihr Appell, und weiter: „Kommunalpolitik lebt vom Miteinander und von Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.“ Sie freute sich, dass in ihrer letzten Sitzung noch drei PV-Anlagen auf den Weg gebracht wurden.
„Man soll gehen,
wenn es am schönsten ist“
Bei den Themen Wohnraum und Klima sei Werner „immer kritisch gewesen, auch zurecht“, wie Friedrich in der Sitzung sagte. Die beiden hätten sich aneinander gewöhnt und der Bürgermeister fügte hinzu: „Ich sage mal selbstkritisch: Wir haben im Gremium immer einen guten Weg gefunden.“ Woraufhin Werner antwortete: „Man soll gehen, wenn es am schönsten ist.“ Dies fasste Friedrich wiederum als Kompliment auf. Kurz danach ging es nach dem Ende der Sitzung zum Abschiedsessen des Priener Gemeinderates 2020 bis 2026.