Bergen – Ist man einigermaßen gut zu Fuß, benötigt weder Rollator noch Rollstuhl und auch sonst keine Gehhilfe, muss keinen Kinderwagen schieben und hat auch sonst keine Beeinträchtigung, dann ist der Ortskern von Bergen mit Brunnen und Kopfsteinpflaster, mit kleinen und größeren Höhenunterschieden leicht und schön zu bewältigen. Wie es für ältere Menschen und für Menschen mit Beeinträchtigungen beim Gehen, Sehen oder Hören ist, wurde bei der Ortsbegehung mit der Behindertenbeauftragten Michaela Krammer deutlich.
Schwachpunkte
sichten
Viele Interessierte kamen zum Treffpunkt in der Tourist-Information, um gemeinsam das Ortszentrum auf seine Barrierefreiheit zu inspizieren – darunter Bürgermeister Andreas Schultes, Zweite Bürgermeisterin Kathi Hallweger sowie Dritter Bürgermeister Sepp Parzinger, Gemeinderäte und interessierte Bürger, teils mit Rollstuhl und Rollator, um ihre Nöte vorzustellen. Schultes freute sich über die vielen Teilnehmer der Begehung und dankte der Organisatorin für ihr Engagement.
Um die Beeinträchtigungen für alle erfahrbar zu machen, brachte Michaela Krammer vom Krankenpflegeverein Übersee zur Verfügung gestellte Rollstühle und Rollatoren mit. Von der Regierung konnte sie zudem Brillen weiterreichen, die verschiedene Augenkrankheiten simulieren und ein eingeschränktes Sichtfeld wiedergeben, sowie Ohrstöpsel, die Schwerhörigkeit erzeugen. Auch durfte der Alterssimulationsanzug „Gert“, von der Regierung zur Verfügung gestellt, nicht fehlen. Diesen zog sich Bürgermeister Schultes an und alterte damit physisch um einige Jahrzehnte.
Einleitend erklärte Michaela Krammer, dass diese Begehung dazu dienen solle, Schwachpunkte aufzuzeigen und aufzunehmen, um dann mögliche Verbesserungen erarbeiten zu können. Wichtig sei dies vor allem im Hinblick auf die Neugestaltung der Bahnhofstraße, der Ortsdurchfahrt. Ihr sei auch die Meinung der Bürger und Betroffenen wichtig. Was ihr helfe, seien zwei Querungshilfen im Dorf. Als Lösung könnte in der Mitte der Straße ein Haltestreifen eingeplant werden.
Bereits das Verlassen der Tourist-Information im Rollstuhl gestaltete sich schwierig und erforderte einige Anstrengung der körperlich fitten Versuchspersonen. Mit Rollator oder Rollstuhl über das Kopfsteinpflaster zu fahren war ebenfalls anstrengend, und beim Queren der Straße stießen viele auf Unverständnis der Autofahrer und blockierten unfreiwillig die Fahrbahn. Teils mussten beim Versuch, mit dem Rollstuhl weiterzufahren, andere Begleiter eingreifen, die Rollstühle halten oder stützen. Dabei handelte es sich freilich um ungeübte Rollstuhl-Versuchspersonen – spezielle Techniken müssen erst erlernt werden.
Ein großes Problem ist die Fußgängerampel, die kaum Aufstellfläche und dazu noch einen buckligen, abschüssigen Boden mit Kopfsteinpflaster hat. Für Rollstuhlfahrer ist es schwierig, den Ampelknopf zu betätigen; ein entsprechender Signalton fehlt. An der Brücke ist der Gehsteig zudem erhöht. Aus den Reihen der Bürger wurden zudem Wege und Straßen ins Zentrum genannt, die ebenfalls nicht für Menschen mit Gehbehinderungen einfach zu passieren sind – dies gelte auch für Wegstrecken bis zum Schwimmbad. Laut Michaela Krammer braucht ein Rollstuhlfahrer eine Wegbreite von 1,50 Meter. Ein Blindenleitsystem fehlt komplett; Blindenmarkierungen mit weißen Pflastersteinen, um Kontraste zu zeigen, oder Rillen sind nicht vorhanden.
Krammer betonte, dass die Anzahl der älteren Bürger aufgrund der Boomergeneration weiter zunehmen werde. Barrierefreiheit sei wichtig für Teilhabe und für ein möglichst langes selbstständiges Leben. Andreas Schultes betonte, dass sich jetzt die große Chance biete, Änderungen zu planen und geeignete Lösungen zu finden. Gleichwohl erklärte er, dass sich nicht der gesamte Ort barrierefrei gestalten lasse und auch der Dorfplatz mit der Baustelle Bahnhofstraße nichts gemein habe.
Werner Fertl, Behindertenbeauftragter des Landkreises Traunstein, erklärte, dass es viele Möglichkeiten gebe, die Barrieren abzubauen. Er sprach von Linienbussen, die durch neue Busparkbereiche einen ebenerdigen, barrierefreien Zugang bieten, aber auch von Querungshilfen und einem Blindenleitsystem, das vor allem an neuralgischen Punkten wie der Kirche und dem Dorfzentrum möglich sein sollte. Er informierte zudem, dass er Pläne der Kreisstraßenverwaltung ansehen und auf mögliche Verbesserungen hinweisen könne. Lena, die auf einen Rollstuhl angewiesen ist, kritisierte, dass ein selbstständiges Fahren durch den Ort aufgrund des Kopfsteinpflasters, der Höhenunterschiede, der Stolpersteine, der abfallenden Wege sowie der schrägen und zu engen Bürgersteige nicht möglich sei und sie eine Begleitperson benötige.
Teilnahme
ermöglichen
Das Resümee nach zwei Stunden war deutlich: Es gibt viel zu tun, und dies wird nicht in nächster Zeit zu bewältigen sein. Kleine Veränderungen, wie das Entfernen von Schildern, die im Weg sind, sollen möglichst schnell in Angriff genommen werden. Michaela Krammer notierte sich die Schwerpunkte; diese werden weitergeleitet und die Planungen dahingehend überprüft und überarbeitet.