100. Geburtstag eines Wahrzeichens

von Redaktion

Seit einem halben Jahrtausend blickt der marmorne Ritter auf das bunte Treiben am Traunsteiner Stadtplatz herab. Er hat Seuchen überstanden und wurde Zeuge, wie das Wasser – und einmal sogar Bier – seinen Weg zu den Bürgern fand. Eine neue Ausstellung im Stadtmuseum erweckt die faszinierende Sozialgeschichte der Traunsteiner Brunnen nun wieder zum Leben.

Traunstein – Seit 500 Jahren wacht er über den Traunsteiner Stadtplatz: der „märbelstainerne Mann aufm Prunnen“. Erst im 19. Jahrhundert verlieh der Volksmund dem markanten marmornen Ritter mit seiner Mailänder Prachtrüstung den Namen „Liendl“. Geschaffen vom Bildhauer und Steinmetz Stephan Rottaler aus Landshut ist er das älteste Wahrzeichen Traunsteins und Symbol eines durch den Salzhandel zu Reichtum und neuem Selbstbewusstsein gelangten Bürgertums.

Faszinierende
Sozialgeschichte

Das 500. Jubiläum des Lindlbrunnens am Stadtplatz haben Stefan Schuch, Leiter des Stadtmuseums, und seine Mitstreiter zum Anlass genommen für eine kuratierte Sonderausstellung. Sie ist bis zum 13. September zu sehen. Darin beleuchtet der Historiker nicht nur die Hintergründe der Entstehungsgeschichte des Lindlbrunnens und seiner prominenten Figur. Das gelungene Konzept präsentiert ergänzend eine faszinierende Sozialgeschichte der vielen, zum Teil wieder verschwundenen Brunnen und der modernen Wasserversorgung in Traunstein.

Immerhin feiern auch andere das Stadtbild bestimmende Wasserspiele in diesem „Brunnenjubiläumsjahr“ Geburtstag. Dazu gehören der Schützen- oder Deisenseer-Brunnen in der Unteren Stadt (90 Jahre), der Bürgerbrunnen im Stadtpark (60 Jahre) und der Rupertusbrunnen (35 Jahre), der vergangenes Jahr in die Au verlagert wurde. Von der Vielfalt der städtischen Wasserquellen erzählen überdies der Neue Brunnen (1998) auf dem Stadtplatz, der Rathausbrunnen im Innenhof oder der St.-Georgs-Brunnen an der Bahnhofstraße.

Bemerkenswerte Einblicke in die Alltagsgeschichte im 13. Jahrhundert offenbart ein mittelalterlicher Tiefbrunnen auf dem Stadtplatz, der 1998 bei Umgestaltungsarbeiten zutage trat. Die Ausstellung zeigt Original-Fundstücke samt deren Einordnung. Oberbürgermeister Dr. Christian Hümmer verwies in seinen Eröffnungsworten auf die Bedeutung einer gesicherten Trinkwasserversorgung und die vielfältigen Funktionen von Brunnen.

1975 sei sogar zur allgemeinen Erheiterung bei einem besonderen Anlass Bier aus dem Lindlbrunnen geflossen. „Das könnten wir auch heute in der Bierstadt Traunstein gut gebrauchen“, ergänzte er schmunzelnd. Kurator Stefan Schuch erläuterte dazu, dass es neben dem 1985 modernisierten Brunnen am Taubenmarkt tatsächlich einen Bierhydranten mit Zapfvorrichtung und einer direkten Bierleitung zum Brauhaus Schnitzlbaumer gebe. Leider werde diese Option nicht mehr genutzt.

Erst 1894, so Schuch weiter, sei in Traunstein auf Betreiben des Stadtmagistrats das moderne Hochdruckwassersystem in Betrieb gegangen. Anlass für die Erneuerung hatte nicht zuletzt eine Choleraepidemie von 1854 mit 72 Toten gegeben. Durch die neuen Wasserleitungen konnte das kostbare Nass direkt in die Häuser gepumpt werden. Man musste es nicht mehr mühsam selbst von den öffentlichen Zieh- oder Laufbrunnen abholen.

Zum krönenden Abschluss wurde im gleichen Jahr der fast sieben Meter hohe Luitpoldbrunnen als repräsentativer Monumentalbrunnen zu Ehren des Prinzregenten Luitpold auf dem Stadtplatz eingeweiht. An seiner Spitze grüßte eine eherne Allegorie der Truna mit erhobenem Arm hinüber zu ihrem männlichen Pendant, dem Lindl.

Leider überlebte der Brunnen eine erzwungene „Metallspende“ fanatisierter Nationalsozialisten für den erhofften „Endsieg“ des Dritten Reiches nicht.

Bier aus
dem Brunnen

Dem Lindl blieb dank des Ruhpoldinger Marmors dieses Schicksal erspart. Wie die Ausstellung zeigt, bildet die Aufstellung der ursprünglich bemalten Figur zusammen mit einem Brunnenneubau 1526 den Abschluss der seit 1519 durchgeführten Erneuerung der städtischen Wasserversorgung.

Zusammen mit dem Brothausturm und dem Ziegleranwesen ist der Ritter das einzige noch sichtbare Zeugnis des spätmittelalterlichen Stadtbildes.

Die Ausstellung ist Dienstag bis Sonntag jeweils von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

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