Dem Chiemsee geht das Wasser aus

von Redaktion

Ausgerechnet während der Pfingstferien blicken die Bootsverleiher am Chiemsee voller Sorge auf das „Bayerische Meer“: Der Pegelstand hat einen historischen Tiefststand im Mai erreicht. Die Betroffenen fordern nun dringend Maßnahmen, um den Abfluss über die Alz zu verlangsamen.

Gstadt/Region – Spätestens jetzt ist die Sommersaison eröffnet. Bei den hohen Temperaturen erst recht. Doch am Bootsverleih Pletzenauer/Hainz hängt ein weiß-rotes Absperrband, die Stege sind nicht im Wasser und Boote sind keine zu sehen. „Die sind noch im Winterquartier“, sagt Peter Pletzenauer mit ernüchternder Stimme. Der Grund dafür ist simpel: Der Chiemsee hat zu wenig Wasser. Das ist auch die Ursache dafür, warum sich Pletzenauer bei der Redaktion der Chiemgau-Zeitung meldet. Er will nicht einfach nur zusehen, er will sich nicht vorwerfen lassen, untätig gewesen zu sein.

Abfluss
verlangsamen

Und ihm ist ganz wichtig: Er mache es nicht für sich, für seinen Vorteil, sondern für alle Beteiligten am und um den ganzen Chiemsee. Sein Anliegen: den Alzabfluss des Chiemsees zu verlangsamen. Schon seit Jahren seien dafür Pyramiden im Gespräch, unten breit, oben spitz zulaufend. Je weniger Wasser der Chiemsee hat, desto länger hält er seinen Pegel. Bei möglichem Hochwasser könne dafür umso mehr Wasser abfließen. „Als die Alzbrücke bei Seebruck saniert und für die Baumaßnahmen ein Aufbau für Maschinen in den Chiemsee gesetzt wurde, war alles wunderbar“, blickt Pletzenauer zurück.

Negative Auswirkungen entlang der Alz in diesem Zeitraum seien ihm keine bekannt. Ihm gehe es um gar nicht viel: „20, 30 Zentimeter Wasser mehr als jetzt, das würde schon reichen.“ Seine Anlegestelle liegt rechts neben dem großen Steg der Chiemseeschifffahrt, die flachste Anlegestelle in Gstadt. Er spürt den niedrigen Pegelstand besonders schnell. Er habe sich in Gstadt umgehört, viele würden sein Anliegen unterstützen.

30 Zentimeter
mehr Wasser

Aktuell beträgt der Pegelstand des Chiemsees am Priener Hafen in Stock etwa 517,82. Gemessen wird in Metern über dem Meeresspiegel. Der mittlere Seespiegel wird auf der Webseite des Bayerischen Landesamts für Umwelt mit 518,2 Metern angegeben. Die Schneeschmelze sorgte nur vom 25. Februar bis 8. März dafür, dass dieser mittlere Pegelstand in diesem Jahr erreicht wurde. Ein Blick in die Historie zeigt: Seit 1906 war der Pegelstand im Mai noch nie so niedrig.

Den Tiefstwert im Wonnemonat hielt bisher das Jahr 2011 mit ebenfalls 517,82 Metern, gefolgt vom Jahr 2007 (517,83) und 1991 (517,84). Nach dem Tag der Arbeit 1991 begann der Pegel stetig zu steigen, bis auf 518,4 am 28. Mai. Das vergangene Jahr folgt dann schon auf Platz vier in dieser weniger ruhmreichen Statistik: Am 21. und 22. Mai lag der Pegel des Bayerischen Meers bei 517,85 Metern, zum Ende des Monats überschritt er die 518-Meter-Marke – für 18 Tage.

Pletzenauer nennt weitere Argumente für einen verlangsamten Abfluss des Chiemsees: Durch den niedrigen Pegel werden Schilfbereiche trocken gelegt, Vögel verlieren ihre Brutplätze, Fische ihre Laichstellen. Er befürchtet, dass Stand-up-Paddler oder andere Wassersport-Aktive einfacher an geschützte Stellen kommen könnten und so der Natur schaden. Aus seiner Sicht wird durch einen verlangsamten Abfluss nicht groß in den Wasserhaushalt der Alz eingegriffen, es fließe ja genauso viel Wasser ab, nur eben langsamer.

Bootsverleiher sieht dringend Handlungsbedarf

Er schaut dabei weniger auf aktuelle Pegelstände als auf für ihn relevante Markierungen am See. „Wenn der untere Querbalken des Dampfer-Stegs zu sehen ist, dann ist es kritisch“, zeigt er mit dem Finger auf eine Stelle, auf der es sich gerade eine Ente gemütlich macht. Der Balken ist komplett oberhalb des Wassers.

Pletzenauer vermietet nicht nur Boote, sondern betreibt auch ein Gästehaus. Den Bootsverleih betreibt er in dritter Generation, beginnend im Jahr 1965. „Ich könnte zwar Tret- und Ruderboote verleihen, das lohnt sich aber mit den wenigen Booten überhaupt nicht“, erklärt er und sieht dringend Handlungsbedarf. Beliebt seien die Elektroboote, deren Motor durch den niedrigen Wasserstand an der Anliegestelle aber besonders empfindlich sei.

„Irgendwie
klarkommen“

Vom Steg der Chiemseeschifffahrt ist deutlich zu sehen, wie dort erst im Winter ausgebaggert wurde, damit die großen Passagierschiffe anlegen können. Dieses Ausbaggern oder in weniger radikaler Form, das Entschlammen, lohne sich für ihn aber nicht: „Es entstehen nur hohe Kosten und es ist nur eine kurzfristige Lösung.“ Dass die Verlangsamung des Abflusses keine langfristige Lösung ist, sei ihm klar, „aber wir hätten zumindest die nächsten zehn Jahre deutlich mehr Ruhe“. Der Klimawandel sorge nun mal für längere Trockenperioden und mehr Hitze. Manfred Eckerl ist Vorstand der „Chiemsee Schifffahrervereinigung“, ein Zusammenschluss von Bootsverleihen am Chiemsee. Er beschreibt die aktuelle Situation so: „Einen so niedrigen Pegelstand habe ich zu dieser Jahreszeit noch nicht erlebt. Wir können im Hafen nicht vermieten, der Zustieg geht nur draußen auf dem Wasser.“

Sein Hafen ist am Badeplatz Schraml in Prien, vor zwei Jahren wurde dort ausgebaggert, das hilft heute schon nicht mehr. „Die Ein- und Aussteigesituation ist natürlich verheerend, Menschen mit Beschwerden an Knie oder Hüfte kommen gar nicht mehr rein“, sagt Eckerl am Telefon der Redaktion.

Normalerweise sei zu dieser Jahreszeit der Pegel nach dem Schmelzwasser aus den Bergen durch den Zufluss aus der Tiroler Ache erhöht, „aber das ist jetzt ausgeblieben“. Er wisse, dass es schon Vorstudien vom Wasserwirtschaftsamt in Traunstein zu einem verlangsamten Alzabfluss gebe. Dies sei aber schon mindestens zwei Jahre her, aktuelleres kenne er auch nicht. Es handle sich dabei um eine Schlauchwehrlösung, die auf- und abblasbar wäre. „Wir müssen natürlich immer die Anrainer hier an der Alz auch im Blick haben, die brauchen auch eine gewisse Fördermenge.“

Schwieriger
Sommer

Besserung ist nicht in Sicht, es könnte ein schwieriger Sommer für alle werden, die letztlich auf Wasser im Chiemsee angewiesen sind. „Wir müssen mit der Situation irgendwie klarkommen. Aber es ist nicht einfach. Wir haben natürlich die Elektromotoren, die sitzen auf und gehen kaputt“, beschreibt Eckerl. Er kenne einige, die schon gar nicht mehr auf den See rausfahren.

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