Historisch wenig Wasser

von Redaktion

Der Chiemsee hat einen neuen Tiefststand erreicht, der Pegel sinkt weiter. Die Chiemsee-Schifffahrt und Bootsverleiher schlagen Alarm und fordern eine Regulierung des Alz-Abflusses, doch eine schnelle Lösung ist nicht in Sicht.

Der Hafen in Unterhochstätt bei Chieming: Das Schilf ist trocken, normal bildet es wichtige Rückzugsorte für Fische und Vögel. Foto re

Prien – Obwohl die Tiroler Achen aktuell viel Wasser in den Chiemsee spült, bleibt der Pegelstand niedrig. Mit 517,82 Metern (Ende Mai)) über dem Meer sank er um zwei weitere Zentimeter im Vergleich zum Dienstag vergangener Woche. Damit ist der Mai 2026 trauriger alleiniger Negativrekordhalter.

Nach den Bootsverleihern schlägt jetzt Chiemsee-Schwergewicht Michael Feßler mit seiner Chiemsee-Schifffahrt Alarm: „Tatsächlich macht der niedrige Wasserstand inzwischen Probleme.“ Die Stege hätten zwar unterschiedlich hohe Einstiegsbereiche, allerdings werden die Einstiegsbrücken in die Schiffe mittlerweile auch auf der niedrigsten Stufe inzwischen relativ steil.

Entschlammung
der Bucht

„Sollte der Wasserstand noch weiter fallen, können wir auch die Anlegestelle in Übersee nicht mehr anlaufen“, teilt Feßler auf Anfrage der Chiemgau-Zeitung mit. Seebruck ist bereits gesperrt. Er ergänzt: „Den Bereich um den Steg in Seebruck haben wir im vergangenen Jahr entschlammt, das verschafft uns noch ein paar zusätzliche Zentimeter, allerdings ist das Wasser auch in der Umgebung des Steges sehr seicht.“ Auch in Übersee gehöre aus Feßlers Sicht die komplette Bucht entschlammt, „da sie in den nächsten Jahren zu verlanden droht. Dieses Problem ist seit Jahren bekannt und die Gemeinde Übersee bildet bereits entsprechende Rücklagen.“

Künftig immer
wieder Niedrigwasser

Allerdings sei der Freistaat Bayern als Eigentümer des Chiemsees „scheinbar nicht bereit, sich finanziell zu beteiligen“. Feßler fügt außerdem an: „Zudem müssten, um die Bucht komplett zu sanieren, auch die bürokratischen Hürden massiv vereinfacht werden. Dies gilt natürlich generell für alle Entschlammungsmaßnahmen im See.“ Da zukünftig im Sommer immer häufiger mit niedrigen Wasserständen zu rechnen ist, sollte laut Feßler über einen „‚Mindestwasserstand‘ im Chiemsee nachgedacht werden.“ Denn auch Bootsverleiher haben massive Probleme und auch „manche Anlegeplätze in Sporthäfen können nur noch eingeschränkt genutzt werden.“

Schon die Bootsverleiher Pletzenauer und Eckerl sprachen sich gegenüber der Chiemgau-Zeitung über eine Regulierung des Alz-Abflusses bei Seebruck aus. Diese wurde laut Feßler bereits 2023 bei ebenfalls niedrigem Wasserstand diskutiert: „Unter anderem wurde über ein Schlauchwehr oder den Einbau von sogenannten Pyramiden gesprochen, die bei höherem Wasserstand (weil oben spitz) mehr Wasser durchlassen und bei niedrigem Wasserstand (weil unten breit) einen höheren Widerstand bieten.“ Feßler betont, dass dabei natürlich auch die Interessen der Alz-Anlieger und der Grabenvereine in Übersee und Grabenstätt zu berücksichtigen seien. Nachfrage bei den Wasserwirtschaftsämtern in Traunstein und Rosenheim. „In der Regel haben wir in den Wintermonaten ähnlich niedrige oder sogar noch geringere Wasserstände im Chiemsee wie aktuell. In den Wintermonaten fällt der Niederschlag im Chiemsee-Einzugsgebiet hauptsächlich als Schnee und kommt damit erst verzögert mit der Schneeschmelze im Frühling zum Abfluss und füllt dann den Chiemsee wieder auf“, ordnet Andreas Baumer, stellvertretender Leiter in Traunstein, die Lage ein und fügt hinzu: „Die derzeitige Niedrigwassersituation am Chiemsee resultiert aus geringen Schneefällen im Chiemsee-Einzugsgebiet im Winter und sehr geringen Niederschlägen bisher im Frühling.“

Einbau von
Pyramiden

Neben den Auswirkungen auf Schifffahrt und Bootsverleih habe der niedrige Wasserstand auch Auswirkungen auf den Alz-Abfluss und dadurch die Triebwerksbetreiber wie Alzstufe I, II, III Einbußen bei der Stromproduktion, teilt Baumer mit. Für ihn ist klar: „Im Zuge der Klimaveränderungen werden wir uns voraussichtlich auf solche Niedrigwasserperioden am Chiemsee – auch zu bisher ungewohnten Zeiten und nicht nur im Winter – einstellen müssen.“

Vorstudie zeigt
Verschlechterung

Der Wasserstand am Chiemsee hänge ausschließlich am Niederschlagsgeschehen im Einzugsgebiet ab. „Relevante Wasserentnahmen gibt es hier nicht. Die menschlichen Nutzungen des Chiemsees werden sich an die natürlichen Gegebenheiten anpassen müssen“, schreibt Baumer. Der mittlere Seespiegel ist aktuell bei 518,20 Metern angegeben. „Normalerweise verwendet man möglichst lange Zeiträume, um auch periodische Schwankungen auszugleichen und eine stabile Referenz zu haben“, teilt Tobias Hafner, Leiter des Wasserwirtschaftsamtes Rosenheim auf Anfrage mit. Der Mittelwert von 1907 bis 2014 liegt bei 518,18. „Es gab Dekaden, da lag der Mittelwert darüber, zum Beispiel von 1980 bis 1990 mit 518,20 Metern. Die vergangenen zehn Jahre lag der Mittelwert bei 518,14 Metern also rund vier Zentimeter darunter.“

Und was ist mit der diskutierten Regulierung am Alz-Abfluss? Baumer vom Wasserwirtschaftsamt in Traunstein schreibt dazu: „In einer Vorstudie wurden die Auswirkungen einer Seeauslauf-Verengung untersucht. Neben gewünschten Wasserspiegelanhebungen in Niedrigwasserzeiten ergeben sich aber auch Verschlechterungen für die Chiemsee-Anrainer bei Hochwasser.“

Detailliertere
Untersuchungen

Klingt nach keiner schnellen und kurzfristigen Lösung. „Die Vorstudie haben wir zur Prüfung und Bewertung ans Umweltministerium übergeben“, so Andreas Baumer weiter, und: „Die Auswirkungen einer solchen ‚See-Sperre‘ am Alz-Auslauf müssten noch weiter detaillierter untersucht und verfahrensrechtlich abgearbeitet werden.“ Dazu würden Vorplanung, Entwurfsplanung, Genehmigungsplanung, Raumordnungsverfahren und Planfeststellungsverfahren zählen.

Kein Ansteigen
in Sicht

Michael Feßler hofft aktuell auf mehr Regen und damit eine leichte Erholung. Er schreibt abschließend: „Sollte der See weiter fallen, kann es passieren, dass bereits in der kommenden Woche die ersten Anlegestellen nicht mehr bedient werden können.“ Auch Baumer hat die Wetterlage im Blick: „Die momentan vorhergesagten Niederschläge im Einzugsgebiet des Chiemsees lassen für die nächste Zeit kein Ansteigen des Chiemseewasserspiegels erwarten.“

Niedrigwasser am Chiemsee – wer ist alles betroffen?

Artikel 9 von 11