„Willst du mal mitfliegen?“

von Redaktion

Wegen sinkender Luftmassen landete ein Segelflugzeug jüngst bei Unterwössen im Unterholz. Der Pilot blieb unverletzt, die Maschine wurde beschädigt. Ein Fluglehrer erklärt, warum dies kein Absturz, sondern Handwerk ist und was den Sport so sicher macht. Selbstversuch im Cockpit.

Philipp Kudelka, Flugbetriebsleiter der Alpensegelflugschule Unterwössen, bleibt gelassen. Foto Langenwalter

Unterwössen – Das Funkgerät knackt, noch bevor die erste Interviewfrage gestellt ist. Eine kurze, präzise Ansage steuert die nächste Landung auf dem Asphalt. Der Blick unter dem Schild der Baseballkappe wandert wieder prüfend zum Horizont. Vor einer kleinen Holzhütte am Flugplatz Unterwössen sitzt Philipp Kudelka an einem schlichten Schreibtisch im Schatten eines Sonnenschirms. Am Kiosk nebenan läuft der ganz normale, unaufgeregte Ausflugsbetrieb.

Notlandung wegen
Luftturbulenzen

„Gerade ist es eigentlich eher ruhig“, erklärt der Pilot und Segelfluglehrer mit einem fast unmerklichen Lächeln und legt das Funkgerät ab. Zeit für die Fragen, die eigentlich mit einer polizeilichen Meldung begannen. An einem Nachmittag Ende Mai war ein Segelflieger im dichten Unterholz gelandet. Laut Polizei verlor ein 54-jähriger Münchner wegen Luftturbulenzen an Höhe. Bei der Notlandung stieß das Flugzeug gegen einen Masten und einen Baum. Beide Tragflächen wurden erheblich beschädigt, der Sachschaden liegt bei rund 6.500 Euro. Der Pilot selbst blieb bei dem Vorfall unverletzt. Was dramatisch klingt, ordnet der Fachmann am Funkgerät gelassen ein. Dass ich wenig später selbst in so einem Cockpit sitzen und mit einigem Bauchgrummeln an den Felswänden entlanggleiten werde, ahne ich zu diesem Zeitpunkt nicht.

„Das war kein Fehler, sondern bedingt durch äußere Einflüsse“, stellt Kudelka direkt klar. Stark sinkende Luftmassen hätten dafür gesorgt, dass der Pilot den eigentlich geplanten Flugplatz schlicht nicht mehr rechtzeitig erreichen konnte. „Er hat sich dann für eine Außenlandung entschieden. Das ist völlig normal beim Segelfliegen.“

„Außenlandung“
völlig normal

Im Zuge dieser Außenlandung, so Kudelka, habe der Münchner sich etwas verschätzt, sodass es dann zu dem Schaden kam. Der Fokus schwenkt schnell weg vom Vorfall im Wald und hin zum Kern. Wie funktioniert dieses lautlose Fliegen ohne eigenen Antrieb überhaupt? Und warum zieht es jedes Jahr 600 bis 700 Piloten aus aller Welt an den Flugplatz der Deutschen Alpensegelflugschule Unterwössen (DASSU)?

Gegründet 1954, gehört die Schule zu den ältesten Einrichtungen dieser Art in Deutschland. Neben der Ausbildung nutzen vier weitere Vereine die hiesige Infrastruktur. Wer am Pistenrand steht, wundert sich über die Starts.

„Beim Segelfliegen
nie ohne Plan B“

„Es gibt letztendlich mehrere Methoden, so ein Segelflugzeug in die Luft zu bekommen“, erklärt Kudelka. Die erste ist der klassische Windenstart, der vorwiegend in der Ausbildung für die Flugschüler genutzt wird. Ein rund 1.000 Meter langes Seil wird in enormer Geschwindigkeit eingezogen. Das Flugzeug hebt steil ab und erreicht eine Höhe von etwa 400 Metern.

Der Windenstart ist die günstigste und effektivste Variante am Platz. Während Philipp Kudelka vom Windenstart erzählt, blicken wir auf einen weiteren Start mit dieser Methode, und ich denke hier noch, wie es sich wohl anfühlen mag, in dem engen Cockpit mit dieser unglaublichen Geschwindigkeit nach oben gezogen zu werden. Ich werde es bald wissen. Streckenflugpiloten, erklärt der Flugbetriebsleiter weiter, bevorzugen den Flugzeugschlepp per Motorflugzeug, um direkt in die Thermik einzusteigen. Ohne einen Tropfen Sprit sind an guten Tagen Strecken von über 1.000 Kilometern möglich. Doch was passiert, wenn der Aufwind plötzlich nachlässt? Kudelka winkt ab. Beim Segelfliegen fliege man zu keinem Zeitpunkt ohne einen Plan B.

Ein Rechner im Cockpit zeigt ständig die Erreichbarkeit von Außenlandewiesen an. „Du fliegst wirklich zu keinem Zeitpunkt ohne eine Landeoption.“ Segelflieger seien auf solche Situationen in der theoretischen und praktischen Ausbildung intensiv vorbereitet. Bei DASSU dauert die Ausbildung im Durchschnitt ein Jahr, da die erforderlichen Übungsflüge in kürzeren Abständen durchgeführt werden können, als dies bei Vereinen der Fall sei.

„Sportliche Challenge
im Vordergrund“

Der Unterschied zwischen Segel- und Motorflug? „Das kann man nicht vergleichen, es sind zwei unterschiedliche Welten“ – Kudelka ist in beiden zu Hause: „Mit dem Motorflugzeug fliegt man schnell von A nach B, um beispielsweise in einer Stunde in Italien etwas Gutes zu essen, und am nächsten Morgen fliegt man wieder heim.“ Das Segelfliegen habe dagegen eine andere Charakteristik, bei der „die sportliche Challenge im Vordergrund“ stehe. Weil der Flug komplett ohne Motor von sich ständig verändernden Parametern wie der Thermik und speziellen Windsystemen abhängt, ist die Anforderung an den Piloten eine andere.

„Und zu den Kosten: Ein Segelflugschein bei uns, da liegt man im Bereich von circa 4.000 Euro. Das ist natürlich nicht billig, aber jetzt auch nicht so teuer, wie viele meinen“, erklärt Kudelka. Ein Segelflieger, der dem Interview lauscht, schaltet sich kurz ein. Er habe sich die Summe im Laufe der Zeit angespart. Hier mal Weihnachtsgeld, da mal ein Geburtstagsgeschenk, man müsse es ja nicht auf einmal zahlen. Er grinst und ist sichtlich glücklich über seine Investition.

„Willst du mal mitfliegen?“ Das Interview nimmt zum Abschluss eine unerwartete Richtung ein. Bevor ich es wirklich realisieren kann, schiebe ich zusammen mit meinem Piloten Uli Schindler ein Flugzeug auf die Startposition: „Der Start ist ein wenig wie Rennwagenfahren“, sagt der Profisegler noch, und schon schießt es uns mit der Seilwinde in die Höhe. Ich ringe um Luft, sehe nur den Piloten vor mir und über uns blauen Himmel. Nach einigen Minuten kann ich dann auch den Ausblick auf Berge und Chiemsee genießen.

Atemberaubendes
Erlebnis

Wir fliegen immer nah am Hang, vorbei an Felswänden. Muss das sein? Ja, erklärt Uli Schindler, der aus einer Fliegerfamilie stammt und schon seit seinem 14. Lebensjahr fliegt. Beim Segelfliegen nutze man Aufwinde in Hanglage als Auftrieb, was das Fliegen im alpinen Bereich auch so spannend mache. Je nach Windlage sei das Fliegen in den Bergen ideal – und auf meine nervöse Nachfrage: „Ja, heute ist der Wind perfekt.“ Nach sanfter Landung betrete ich festen Boden. Mein Fazit: Spannend, atemberaubend, und wer es selbst wagen möchte, ist bei der Segelflugschule in Unterwössen in guten Händen.

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