Demokratie als ständigen Balanceakt erleben

von Redaktion

Dialogische Führung auf Herrenchiemsee verbindet Verfassungsgeschichte und moderne Kunst

Herreninsel – Schon der Titel der Sonderführung – „Abenteuer Demokratie auf der Insel: eine Begegnung von Verfassungsfragen und moderner Kunst“ – machte neugierig. Kann man das alles auf einem zweieinhalbstündigen Rundgang fassen? Schließlich bergen sowohl die Ausstellung „Der Wille zu Freiheit und Demokratie – der Verfassungskonvent von Herrenchiemsee 1948“ im Augustiner-Chorherrenstift als auch die Ausstellung „Könnt ihr noch? – Kunst und Demokratie“ der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen im Neuen Schloss viele Schätze. Und das Thema Demokratie ist brandaktueller denn je.

Gemeinsam mit Dr. Uta Piereth von der Bayerischen Schlösserverwaltung, die die Ausstellung zusammen mit Mitarbeitern der Landeszentrale für Politische Bildung konzipiert hat, gingen rund ein Dutzend Interessierte aus der Region und München diesen Fragen nach. Interaktion war durchaus erwünscht, so Dr. Piereth. Schon ihr Zitat aus dem Grundgesetz – „die Würde des Menschen ist unantastbar“ – regte eine kurze Debatte an, wie sich dieser Anspruch zu Armut, Bürgergeld und Geflüchteten verhält. Das Grundgesetz könne bei Bedarf auch erweitert werden, wurde es auch schon 65-mal, sagte Dr. Piereth. Sinnbildlich für die Verfassung stehe der fragmentierte Würfel: Sie sei „ein Kompromiss, eine Annäherung an das Ideal.“

Die ersten Ausstellungswände zieren Fotos, die an die Ausgangssituation erinnern. Im August 1948 berieten rund 30 Bevollmächtigte und Experten der drei westlichen Besatzungszonen im Auftrag der Ministerpräsidenten der elf Länder, wie eine Verfassung für das zukünftige Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg aussehen könnte.

Wesentliche Grundzüge der noch heute gültigen Verfassung wurden bedacht, vorbereitet und ausformuliert, ab Mittwoch, 1. September 1948, in den Beratungen zum Grundgesetz im Parlamentarischen Rat in Bonn weiter verhandelt und mündeten schließlich ins Grundgesetz, das am Montag, 23. Mai 1949, verkündet wurde und auch nach der Wiedervereinigung bestehen blieb.

Dr. Piereth streifte auf dem Rundgang weitere Themen, die damals wie heute prägend sind: Wer hat über die Verfassung zu bestimmen? Wie soll man mit einer Spaltung des Landes und Kontinents umgehen? Wie sollen föderale und bundesstaatliche Kräfteverhältnisse verteilt sein, und wie sah die damalige Parteienlandschaft aus? Im Plenarsaal – dem ehemaligen Speisezimmer von König Ludwig II. während der Bauphase von Schloss Herrenchiemsee – saßen einträchtig Männer nebeneinander, deren Biografien nicht unterschiedlicher hätten sein können und für die dennoch nur die Sache zählte, betonte Dr. Piereth. Erst im Parlamentarischen Rat waren vier Frauen zugegen. „Das wäre was für die heutigen Parteien“, seufzte ein älterer Teilnehmer. Auch dass das Ganze relativ zügig abgehandelt wurde, entlockte so manchem Teilnehmer ein anerkennendes Raunen.

Noch voll der Eindrücke des letzten Raumes, in dem ein Spiegel den Betrachter fragt, wie er es mit der Verfassung halte, ging es zu Fuß weiter zum Neuen Schloss. Dort empfängt den Besucher in den Rohbauräumen des Nordflügels ein Musikvideo von Deichkind: „Könnt ihr noch?“ Von Kreativität und Spiel im Mitmach-Raum führte der Weg zu Joseph Beuys‘ „Rose für direkte Demokratie“, die der Künstler erstmals bei der Documenta V 1972 in Kassel zeigte. „Wie wirken die Kunstwerke? Was sehen Sie?“, fragte Dr. Piereth auch bei der Bronzestatue „Mann im Dunkel“ von Max Beckmann aus dem Jahr 1943, dem Kreuzigungstriptychon von Antonio Saura von 1959, dem Ölgemälde „Ruinengespenst“ von Willi Geiger von 1952 und „Nero malt“ von Anselm Kiefer aus dem Jahr 1974, das im Raum „Deutschlandbilder“ hängt.

So viele Impulse, so viele Erklärungen – und doch darf man die Fragen nach Kunst und Demokratie sowie nach Freiheit und Verfassung nie aus den Augen verlieren. „Bleiben Sie am Ball der Demokratie“, gab Dr. Piereth ihren Gästen bei dem Werk „Balancierende Türme“ von Inge Mahn aus dem Jahr 1989 mit. Zwei Gipskörper, die nur von einem Seil zusammengehalten werden – Symbol dafür, dass Demokratie ein fortwährender Balanceakt ist.

elk

Der Rundgang

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