„Historische Chance“

von Redaktion

Achental-Gemeinden planen gemeinsam ein neues Hallenbad für die Region

Chiemgau – Kurz vor Beginn der Gründungsversammlung der Interessengemeinschaft (IG) Hallenbad Chiemgau mussten im Kampenwandsaal von Bernau zusätzliche Tische aufgestellt werden. Das Interesse war groß. Am Ende waren 56 Personen bei der Geburtsstunde des neuen Vereins zur Unterstützung eines Schwimmbad-Neubaus dabei. Noch spannender war allerdings, wer ganz vorn rechts im Zuschauerraum saß. Neben Bernaus Bürgermeisterin Irene Biebl-Daiber saß der Aschauer Ortschef Simon Frank. Und im Zuschauerraum fanden sich Vertreter der Lokalpolitik aus Frasdorf und einigen Achental-Gemeinden. Der spektakuläre Plan: In Bernau soll ein neues Hallenbad für die gesamte Region entstehen.

Garantierte
Schwimmzeiten

„Das gemeindliche Kirchturmdenken hat endlich ein Ende. Wir werden das BernaMare nicht ewig weiterbetreiben können. Jetzt sitzen Nachbargemeinden und andere Achental-Orte mit am Tisch, die kein eigenes Bad mehr haben“, sagt Biebl-Daiber gegenüber der Chiemgau-Zeitung. In der heutigen Zeit könnte selbst in der wohlhabenden Chiemsee-Region keine Gemeinde mehr die Millionen-Baukosten für ein neues Schwimmbad und den meist defizitären Betrieb solo stemmen. Deshalb die Idee, dass die Kosten auf mehrere Orte verteilt werden. Kinder, Bürger, Senioren und Vereine aus den beteiligten Gemeinden hätten die Chance, zu günstigen Konditionen garantierte Schwimmzeiten zu bekommen.

„2004 hat unser Hallenbad schließen müssen. Natürlich ist das ein Thema im Ort, weil Schwimmen so wie Radlfahren für viele ein Überlebenselixier ist“, erklärt Aschaus Bürgermeister Simon Frank der Chiemgau-Zeitung. Er machte sich deshalb bei der Gründung der IG Hallenbad Chiemgau mit seinem Team ein eigenes Bild von den Plänen für den Neubau einer interkommunalen Schwimmhalle für die Region. Eine Teilnahme Aschaus an der Finanzierung und dem Betrieb eines neuen Hallenbads sei natürlich von den genauen Rahmenbedingungen (etwa Betriebskosten und Zeiten) und der Zustimmung des Gemeinderats abhängig.

So ist es natürlich bei allen Gemeinden, die bei der Entwicklung der Pläne mit im Boot sitzen. Neben Aschau ist auch Frasdorf interessiert, genau wie die Gemeinden des Achentals von Grassau über Marquartstein bis Unterwössen. Auch Grabenstätt oder Samerberg saßen bei Gesprächen schon mit am Tisch. Selbst Reit im Winkl wollte unbedingt dabei sein, obwohl es im benachbarten Ruhpolding das VitaAlpina gibt. Um den Erhalt des Bads tobt freilich ein Streit, der den ganzen Ort zu zerreißen droht. Das Beispiel zeigt, welche Bedeutung das Thema Schwimmbad für die Menschen in der Region hat.

Die Geheimgespräche mit anderen Gemeinden, so verriet Simon Frank, würden auf Initiative von Bernaus Bürgermeisterin schon gut drei Jahre hinter den Kulissen laufen. Und jetzt gibt es eine „historische Chance“ (Biebl-Daiber), den Neubau eines interkommunalen Schwimmbads finanziell zu stemmen. Im Rahmen der aus dem Sondervermögen finanzierten „Sport-Milliarde“ hat der Bund das Programm „Sanierung kommunaler Sportstätten – Schwimmbäder“ aufgelegt. 250 Millionen Euro stehen gezielt für die Sanierung kommunaler Schwimmbäder bereit. Sollte über ein Gutachten belegbar sein, dass eine bestehende Sporteinrichtung nicht mehr sanierungsfähig ist, dann werden auch Neubauten gefördert. Also genau das, was in Bernau passieren soll.

Ende des
Kirchturmdenkens

Zwischen 45 und 75 Prozent der anrechenbaren Kosten des Baus – höchstens bis zu acht Millionen Euro – sind förderfähig. Dazu, so führte Biebl-Daiber am Mittwochabend aus, sei dieses Programm mit Fördermöglichkeiten des Freistaats Bayern kombinierbar. Ein Novum. Unterm Strich würden bei geplanten Kosten von 18 Millionen Euro für das neue Schwimmbad nur etwa „fünf bis sieben Millionen Euro“ (Biebl-Daiber) bei den beteiligten Gemeinden hängen bleiben. Auf mehrere Orte verteilt, wäre das ein „regelrechtes Schnäppchen“. Das Interessenbekundungsverfahren endet am heutigen Freitag. Die Unterlagen inklusive Gründung der IG Hallenbad Chiemgau werden fristgemäß eingereicht. Falls alle Voraussetzungen passen, bekommt man im September 2026 den Aufruf zur konkreten Beantragung. Die Zuwendungsbescheide ergehen Anfang 2027 und sind sechs Jahre gültig. Der Neubau des Chiemgau-Achental-Bads – wie es in einer mit großem Beifall bedachten Visualisierung des Architekten genannt wurde – wäre dann derzeit spätestens für 2031/2032 geplant. Alles funktioniert natürlich nur, wenn der Bund das neue Hallenbad in seine Förderliste aufnimmt. Die genauen Pläne dafür wurden auf der Info-Veranstaltung von Architekt Sebastian Winter vorgestellt, der zum Zweiten Vorsitzenden der IG Hallenbad Chiemgau gewählt wurde. Demnach ist auf dem derzeitigen Parkplatz des BernaMare ein eher quadratisches Schwimmbad mit vier 25-Meter-Bahnen geplant. Eine Sauna wie derzeit im BernaMare, ein spezielles Kinderbecken oder Fun-Elemente wie ein Wellenbad, so wurde auf Nachfrage bestätigt, soll es nicht geben. „Es geht darum, dass unsere Kinder auch in Zukunft hier schwimmen lernen können. Senioren und Vereine ihren Sport ausüben können. Für Chi-Chi ist einfach kein Geld mehr da“, sagt Bernaus Bürgermeisterin. Jahr für Jahr muss ihre Gemeinde für das in die Jahre gekommene Hallenbad BernaMare ein Defizit zwischen 400.000 und 500.000 Euro begleichen. „Das Bad wurde um 1970 gebaut und ist trotz der liebevollen Pflege durch unsere Bademeister in Sachen Technik veraltet“, so Biebl-Daiber. Man habe die Kosten für eine mögliche Sanierung durchgerechnet, die aber wirtschaftlich nicht darstellbar seien. Deshalb sei ein Neubau die einzige Option. „Wenn etwas Größeres kaputtgeht, müsste es möglicherweise endgültig geschlossen werden“, erklärt Ansgar Schwirtz.

Der langjährige Vorstand des TSV Bernau hat sich deshalb entschlossen, auch den Chefposten in der neuen IG Hallenbad Chiemgau zu übernehmen. Ziel des Vereins sei es, neben der ideellen Unterstützung der Neubau-Pläne – der Jahres-Mitgliedsbeitrag beträgt nur 24 Euro – auch Sponsoren und Spender für das Schwimmbad zu finden. Schließlich ist der Betrieb des BernaMare, so stand es auf einer Folie bei seiner Präsentation am Abend, per Beschluss des Bernauer Gemeinderats nur bis zum Ende des Jahres 2026 definitiv garantiert.

„Für Chi-Chi ist
kein Geld mehr da“

Bürgermeisterin Biebl-Daiber betonte jedoch, dass dieser Termin vor allem wegen des laufenden Vertrags mit der Bürgerenergiegenossenschaft gewählt worden sei. „Das heißt nicht, dass wir im BernaMare zum Jahresende die Schotten dichtmachen“, so die Bürgermeisterin gegenüber der Chiemgau-Zeitung: „Das kann so weiterlaufen, bis es zu einer neuen Lösung kommt und wir hoffentlich einen Zweckverband interessierter Gemeinden der Region für das neue Schwimmbad gründen.“ Es wäre ein innovatives Gemeinschaftswerk, das den Maßstab für eine neue Zusammenarbeit in der Region ebnen könnte.

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