Grassauer „Deichelbohrer“ verliehen

von Redaktion

Kurzgeschichten-Preise 2025/26 gehen an sechs Autoren – Jury erhielt 1.040 Einsendungen

Grassau – Klein fing der Kurzgeschichten-Wettbewerb „Grassauer Deichelbohrer“ im Jahr 2018/2019 an: Mit 470 eingesandten Kurzgeschichten aus dem deutschsprachigen Raum ermittelte die Jury damals die besten Autoren. Die Einsendungen gingen im Abstand von jeweils zwei Jahren konstant aufwärts. Nun fand der Wettbewerb zum fünften Mal statt – diesmal mit bereits 1.040 Geschichten. Die Jury ermittelte die drei Besten sowie drei vierte Plätze des begehrten Grassauer Deichelbohrer-Literaturpreises.

„Heimliche
Kulturhauptstadt“

Bei der feierlichen Preisverleihung in der Villa Sawallisch war allen sechs Gewinnern bis unmittelbar vor der Preisvergabe nicht bekannt, wer von ihnen an welcher Stelle stehen würde. So lag die Spannung in der Luft – auch angesichts der hohen Temperaturen bis in die Nacht.

Grassaus Bürgermeister Stefan Kattari und die Kulturbeauftragte Daniela Ludwig begrüßten die geladenen Gäste im Festsaal der Villa. Der Bürgermeister freute sich, dass zum Thema „Sag nichts“ sechs völlig unterschiedliche, spannende und stilistisch ganz verschiedene Geschichten ausgezeichnet wurden. Der Literaturpreis namens „Deichelbohrer“ gehe auf das Werkzeug zurück, mit dem früher die Baumstämme ausgehöhlt wurden, um sie als Rohrleitungen für die Salzpipelines zusammenzufügen. Die älteste Pipeline führte durch Grassau mit Station am Klaushäusl, dem heutigen Museum Salz und Moor, und weiter nach Rosenheim.

Die Idee zu dem Kurzgeschichten-Wettbewerb hatte der frühere Geschäftsführer der Gemeinde Grassau, Robert Höpfner, selbst Autor und lange einer der beiden Vorsitzenden der Sawallisch-Villa. Die Idee, den Wettbewerb „Deichelbohrer“ zu nennen, hatte der Grassauer Autor Klaus Bovers. Kattari hob besonders die immense Arbeit der Jury hervor, bestehend aus Klaus Bovers, Christine Paxmann, Janina Fellgiebel, Silvia Nett-Kleyboldt und Willi Schwenkmeier, die viele tausend Seiten gelesen und beurteilt hatten.

Grassaus Kulturbeauftragte Daniela Ludwig stellte Grassau als „heimliche Kulturhauptstadt des Landkreises Traunstein“ vor und würdigte das umfassende Engagement der Gemeinde für die Kultur, besonders durch ihre bedeutende Musikschule mit mehr als 1.000 Schülern.

Moderiert wurde die von der Gemeinde Grassau und Klaus Bovers bestens organisierte Veranstaltung von der bekannten Literaturpreisträgerin Christine Paxmann. Die Lesungen der Kurzgeschichten übernahm heuer zum ersten Mal die aus Grassau stammende Schauspielerin Lorena Steffl, die einfühlsam alle sechs Kurzgeschichten vortrug, sodass sich das konzentriert lauschende Publikum selbst ein Bild machen konnte.

Den mit Spannung erwarteten ersten Preis erhielt Lars Peters aus Hamburg, 1968 geboren, der 2013 eine Deutschschule für Flüchtlinge mitgründete und seit 2015 Lehrer am humanistischen Gymnasium Christianeum in Hamburg ist. Auf Instagram trat er gelegentlich als „Batman rettet die Demokratie“ auf und veröffentlichte online, im Rundfunk und in Zeitschriften. Mit seiner gleichermaßen berührenden wie traurig humorvollen Geschichte „Oleg“ mit unerwartetem Ende belegte er den ersten Platz. Es geht um einen erfolgreichen Unternehmer, der sich wegen seines hochbegabten Sohnes Oleg an einen Lehrer wendet und ihn um Hilfe bittet – mehr wird nicht verraten. Peters erhielt neben Urkunde, Blumen und Geschenken eine kleine Nachbildung eines historischen Deichelbohrers, wie er auch im Museum Salz und Moor zu sehen ist, als Sinnbild des Literaturwettbewerbs überreicht.

Sehr berührend, traurig und erschütternd war „Weißer Hase“, die zweitplatzierte Geschichte von Kerstin Simon, Jahrgang 1964, die über 35 Jahre als Lehrerin arbeitete und sich heute auch als systemischer Coach nur noch auf ihre Leidenschaft, das Schreiben, konzentriert. Ihre Kurzgeschichten wurden schon bei mehreren Wettbewerben prämiert und erschienen in Anthologien des S. Fischer-Verlages. Bei „Weißer Hase“ geht es um eine Vater-Sohn-Beziehung mit tödlichem Ausgang.

Mit viel Wissen um die heutige Jugend, Mediennutzung und Elternbeziehungen besticht die Geschichte „Mayas Zopf“ des Autors Matthias Herrmann, der in Berlin und Limburg als selbstständiger E-Learning-Autor lebt und arbeitet. Auch er veröffentlicht in Literaturzeitschriften und Anthologien. Witzig und einfühlsam mit überraschendem Ende zum Schmunzeln ist seine Kurzgeschichte.

Broschüre mit
prämierten Werken

Bei den drei vierten Plätzen gab es keine Rangfolge. „Unter Weiden schläft man länger“ heißt die Geschichte von Monika Bayer-Marks, 1956 geboren, die „zu unserem sprachlosen Bedauern“, wie es Christine Paxmann ausdrückte, kurz vor der Preisverleihung ganz unerwartet verstorben war. Den Preis nahm ihr Mann stellvertretend entgegen.

Die beiden weiteren vierten Preise gingen an Christine Düsel aus Bamberg für ihre Geschichte „Allerheiligen himmelblau“ und Susanne Helmer, 1982 in Greifswald geboren, für die Kurzgeschichte „Worte wiegen“.

Alle preisgekrönten Kurzgeschichten sind in einer sorgfältig gestalteten Broschüre zusammengefasst, die – solange der Vorrat reicht – in der Sawallisch-Villa erhältlich ist.

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