Der Traum vom Kapitänspatent

von Redaktion

Mit Hilfe der Familie Wallentin macht Autor Thomas Fleckenstein auf dem Chiemsee den Bootsführerschein

Übersee – Über 50.000 Menschen pro Jahr wollen sich bundesweit den Traum vom Bootsführerschein erfüllen. Immer mehr Online-Anbieter drängen auf den Markt und versprechen einfache, schnelle Lösungen zum Zielhafen. Der Autor der Chiemgau-Zeitung hat sich lieber einer Wassersportschule im Chiemgau anvertraut, die noch klassisch unterrichtet. Na dann: Leinen los! Doch jetzt flattern in der praktischen Prüfung die Nerven. Der Steg in Übersee kommt immer näher. Das Timing muss klappen. Sonst platzt der Traum vom Bootsführerschein.

„Bei uns in der Familie
gehören Boote dazu“

Vier Wochen zuvor begann der erste Theoriekurs bei der Wassersportschule Chiemgau für den Sportbootführerschein See und Binnen. Das heißt: Die Vorfahrtsregeln, Knoten, Lichtzeichen und Schallsignale „aus dem ff“ beherrschen. Die Ausbildung kostet rund 600 Euro inklusive Lehrmaterial, doppelt so viel wie bei manchen Online-Anbietern, aber transparent kalkuliert. Die Prüfungsgebühren für den staatlichen Schein machen generell noch einmal 175 Euro aus.

Mario Wallentin unterrichtet in Präsenz per Teams-Schalte. Damit hat er die besten Erfahrungen gemacht. „Die Teilnehmer müssen nicht extra anreisen und können dennoch direkt Fragen stellen. So kapiert man den Stoff am besten. Per App die Multiple-Choice- Fragen auswendig lernen ist zwar auch möglich, aber weniger sinnvoll“, so der Gründer der Wassersportschule, der seit über 30 Jahren ausbildet.

Hauptberuflich ist Mario Wallentin Lehrer für Wirtschaft und Geografie am Gymnasium. Das merkt man dem Unterricht an. Pädagogisch geschult lockert er die trockene Theorie auf mit praktischen Beispielen und Fotos aus unzähligen Törns auf dem Meer und vielen Segelstunden am Chiemsee. „Bei uns in der Familie gehörten Boote immer dazu, so bin ich groß geworden“, sagt er.

Als in Übersee eine Ausbildungsstätte für Segeln und Motorboote geplant wurde, fragte der Bürgermeister bei ihm als Einheimischen an. Die ganze Familie hilft bei den Wallentins zusammen. Frau Julia ist für die kreativen Aufgaben zuständig, Mutter Sonja hilft im Büro, Tochter Louisa und Schwester Susi bilden auf dem Segel- und Motorboot aus, Sohn Niklas packt beim Auf- und Abbau mit an.

Zunächst gilt es sämtliche Signalkörper, Beleuchtungen und Schallsignale ins Gedächtnis einzubläuen. Ein Ball als Zeichen am Schiff bedeutet tagsüber: „Ankerlieger“. In der Nacht hat er ein weißes Rundumlicht. Zwei Bälle bedeuten „manövrierunfähiges Fahrzeug“, nachts mit zwei roten Lichtern übereinander. Welche Bedeutung haben ein langer und vier kurze Töne? – Allgemeines Gefahren- und Warnsignal. Mir schwirrt der Kopf. „So ein Schein ist nicht so leicht zu erwerben, wie manche Online-Anbieter behaupten“, sagt Mario Wallentin. „Das Amt des Schiffführers ist eine ernsthafte Angelegenheit.“ Manche Ausdrücke klingen auch so. Zum Beispiel das sogenannte „Manöver des letzten Augenblicks“. Es beschreibt die letzte zwingende Maßnahme des Kurshalters, wenn der Ausweichpflichtige nicht reagiert. „Da sind schnell mal 500.000 Euro versenkt“, warnt Wallentin. So viel kosten Charter-Yachten, die ich mit dem Schein fahren dürfte.

Neue Regelung
ab dem Jahr 2028

Rund 460 Multiple-Choice- Fragen können in der theoretischen Prüfung für „SBF-See und Binnen“ drankommen. Beim Büffeln zu Hause helfen der praxisnahe Theoriekurs sowie die von Mario Wallentin empfohlene App. Er hat den Ehrgeiz, dass alle seine Prüflinge durchkommen und ist stolz auf seine Erfolgsquote von nahezu 100 Prozent. Bundesweit liegt die Durchfallquote zwischen fünf und 20 Prozent. Dazu kommt der Navigationsteil. Wie Generationen von Seeleuten müssen auch wir im Kurs – mehr angehende Seemänner als Frauen – den Umgang mit Zirkel und Geodreieck lernen. Auf der Seekarte gilt es ganz konservativ die Position nach geografischer Breite und Länge zu ermitteln, den Magnetkompasskurs zu berechnen und millimetergenau einzuzeichnen. Denn das modernste Navi hilft nicht mehr weiter, wenn doch einmal an Bord der Strom ausfällt. Außerdem muss man die Leuchttürme der Deutschen Bucht und deren Bedeutung genau kennen. Die Karten für die Prüfung beschreiben die Schifffahrtswege in der Nordsee zwischen Cuxhaven und Langeoog bis rauf nach Helgoland.

Mario Wallentin empfiehlt, den staatlichen Bootsschein bald zu machen. Denn beim Bundesverkehrsministerium in Berlin liegt zumindest schon einmal ein Entwurf für neue Gesetzesregelungen vor. Sollten diese ab 2028 in Kraft treten, dann könnte unter anderem der Schein in Zukunft nicht mehr ein Leben lang, sondern nur noch für fünf Jahre gelten. Die Idee, die Praxisprüfung für das Meer nur noch auf deutschen Küstengewässern stattfinden zu lassen, konnte Mario Wallentin zusammen mit anderen aus der Branche in Berlin noch verhindern. „Das Bayerische Meer, der Chiemsee hätte da nicht gezählt“, sagt Mario Wallentin, der einen Wandel in der Ausbildung wahrnimmt.

Nach der Theorie folgt die Praxisausbildung am Boot. Wir fahren mit einem 100-PS-Außenborder auf den Chiemsee. Die Abendsonne in der Bucht von Übersee strahlt die Berge an. Eine Traumkulisse. Im Hafen stehen die wichtigsten Manöver in Slow Motion an. Boje über Bord – dabei wird simuliert, wenn jemand aus der Besatzung ins Wasser fällt: Als erstes sofort auskuppeln und in die Richtung der Boje lenken, dann dreht das Heck weg. „Man hat in der Prüfung nur zwei Versuche“, sagt Louisa Wallentin. Danach folgt das Kommando: „Boje über Bord, an Steuer- oder Backbord, Boje beobachten, Rettungsmittel ausbringen.“ Der Autor fährt gegen Wind und Strömung fünf Bootslängen weg, dreht um und nimmt Kurs auf die Boje. Nach dem Auskuppeln fischt sie der Ausbilder aus dem See und stellt weitere Aufgaben: Fahren nach Kompass, kursgerechtes Aufstoppen sowie Wenden auf engem Raum.

Zur Theorieprüfung beim Deutschen Motoryachtverband in Prien versammeln sich rund 80 Prüflinge aus ganz Oberbayern. Der eine wiederholt noch kurz entscheidende Fragen, der andere kontrolliert sein Navigationsbesteck. Alle sind nervös, als ein Herr mit Krawatte die Prüfungsbögen verteilt. Hilfsmittel wie Taschenrechner sind nicht erlaubt. Wir haben eine Stunde Zeit für 30 Fragen beim „SFB See“, plus neun Fragen im Navigationsteil. Manche Aufgaben lösen sich ganz schnell. Die Luvseite ist die dem Wind zugewandte Seite. „Da wo die Luft herkommt“ war die hilfreiche Eselsbrücke. Schwieriger wird es bei Fragen mit vier sehr ähnlichen Antwortmöglichkeiten. Aber nur eine davon ist richtig. Und bei manchen kommt man trotz fleißiger Paukerei dennoch ins Schlingern: Was bedeutet noch einmal Stromversetzung? Über Grund oder durch das Wasser? Noch am selben Tag erfährt man online das Ergebnis: Geschafft!

Zehn Knoten
sind zu beherrschen

Jetzt gilt es noch die praktische Prüfung zu bestehen. Noch am Ufer übe ich meine Knoten, von denen ich zehn beherrschen muss. Darunter Palstek, Achtknoten, doppelter Schotstek oder Webleinstek. Dann begrüßt uns der Prüfer an Bord. Ein freundlicher norddeutscher Seebär mit Vollbart wie aus dem Bilderbuch. Alles läuft gut. Fehlt nur noch das Anlegemanöver.

Plötzlich kommt Gegenwind auf. Der Autor muss etwas schneller fahren, lenkt wie geübt rechtzeitig vom Steg weg und kuppelt aus. Jetzt wieder zum Steg lenken und den Rückwärtsgang einlegen. Ein paar Mal muss er korrigieren und kommt ins Schwitzen. Doch dann folgt das finale Kommando: „Leinen über!“ Der Prüfer gratuliert: „Bestanden“. Der Traum hat sich erfüllt. Vom Chiemsee aus kann ich jetzt sämtliche sieben Weltmeere erobern. „Ahoi!“

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