Millionen investiert: Streichen wieder ein Kunstwerk

von Redaktion

Nach sechs Jahren Schließung ist der legendäre Berggasthof Streichen oberhalb von Schleching für eine Millionensumme renoviert worden. Am heutigen Samstag wird das historische Gasthaus, das bereits eine erste Auszeichnung erhalten hat, feierlich wiedereröffnet.

Schleching – Nikolaus Walther ist spürbar stolz, als er die Medienschar zwei Tage vor der feierlichen Wiedereröffnung am Samstag (27. Juni) durch den prächtigen Berggasthof Streichen führt. „Das ist ein Kunstwerk“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Kulturerbe Bayern: „Ein Kunstwerk, in dem man essen, schlafen kann und das wir 24/7 für die Öffentlichkeit bereitstellen.“ Dieses legendäre Gasthaus in Traumlage oberhalb von Schleching samt der oberhalb gelegenen Streichenkirche St. Servatius ist selbst für die Bewahrer von traditionellen Gebäuden im Freistaat etwas Besonderes.

Anfänge im
Jahr 1435

Die Wurzeln des Berggasthofs Streichen reichen bis 1435 zurück. Und welche Bedeutung das Lokal hoch über dem Achental für die Region hat, spürt Thomas Wilde jeden Tag. „Selbst auf dem Wertstoffhof werde ich angesprochen: Die Einheimischen fragen mich, ob man hier vernünftig essen kann und wann endlich wiedereröffnet wird“, berichtet Wilde. Er ist der Mann, der das Gasthaus 2021 mit seiner Privatstiftung (40 Prozent) gemeinsam mit Kulturerbe Bayern (60 Prozent) gekauft hat. Das wurde nötig, nachdem der überaus beliebte letzte Wirt Franz Strohmayer 2020 verstorben war und das Traditionshaus geschlossen werden musste. Am heutigen Samstag ist nun feierliche Wiedereröffnung mit Markus Blume, dem Bayerischen Staatsminister für Wissenschaft und Kunst. Erstmal nur für die Prominenz: 180 geladene Gäste sind angekündigt. Tags darauf noch einmal 150 von der Stiftung Kulturerbe Bayern inklusive Spendern. Es ist der Härtetest für den Berggasthof, der für eine höhere einstellige Millionensumme (Walther: „Wir haben den Kostenplan eingehalten“) runderneuert wurde. „Es ist ein neuer Streichen, aber gleichzeitig ein uralter“, sagt Nikolaus Walther.

Was er damit meint, wird beim Rundgang durch das Gebäude deutlich. Der Berggasthof besteht aus zwei Teilen: dem denkmalgeschützten Mesnerhaus, dessen Geschichte bis ins 15. Jahrhundert zurückreicht. Und einem komplett neuen Gebäudeteil, das einen in den 1950er-Jahren errichteten Anbau ersetzt. Von außen harmoniert die rustikale Holzbohlen-Optik des Mesnerhauses architektonisch brillant mit der Tennen-Optik des neuen Teils. Das gesamte Gebäude steckt trotz ihrer musealen Hülle und raumklima-freundlichem Lehmputz voll neuester Technik wie Wandheizungen.

Für Wärme sorgt eine neue CO2-neutrale Hackschnitzelheizung. Das größte Wunderwerk steckt auf dem Dach und hat eine rotbraune Kupfer-Optik. Was nach außen wie eine traditionelle Bedachung wirkt, ist eine moderne Photovoltaik-anlage mit integriertem Speicher. Für diesen Coup nahm Thomas Wilde in dieser Woche schon den Bürgerenergiepreis Oberbayern in München entgegen. „Wir wollten im Berggasthof Streichen Tradition und Moderne nachhaltig verbinden. Damit die nächsten Generationen möglichst auch in 100 Jahren damit leben und stolz darauf sein können“, so Wilde.

In den Räumen wird deutlich, wie sich auch die Restauratoren diese Devise zu Herzen genommen haben. Sie brachten barocke Elemente, historische Leinölanstriche, ultramarinblaue Holzelemente und das Edelweiß an der Ostfassade zurück ans Tageslicht. Besonders beeindruckend ist das in den vier Gästezimmern im Mesnerhaus zu bewundern – sie gleichen mit den bemalten Schränken, Betten und Decken sowie historischen Postkarten und Gemälden einem zum Leben erweckten Museum. Wer hier übernachtet, bekommt ein einmaliges Erlebnis – muss aber auf den aus Hotels gewohnten Komfort verzichten. Auf den rustikalen Zimmern gibt es nur eine Waschschüssel, Toiletten und Duschen finden sich für alle Zimmer gemeinsam auf der Etage. Auch mobiler Datenempfang ist hier oben auf dem Berg schwierig. Zum Renner könnten sich die Vierbett-Familienzimmer im neuen Teil entwickeln: Das Familien-Stockbett gleicht einem Höhlen-Paradies für Kinder mit bequemer Treppe in den oberen Teil. Elf jeweils nach regionalen Wildblumen benannte Zimmer können im neuen Berggasthof Streichen insgesamt gemietet werden. In den diversen Gaststuben finden insgesamt 90 Personen Platz. Auch hier kommt echte Hütten-Romantik auf, wenn man auf großen, rustikalen Holzbänken wirklich Rücken an Rücken an den Tischen sitzt. Im Biergarten sind 140 Plätze geplant, dazu kommen 60 Sitzplätze in der gemütlichen Kaser-Almhütte. Sie ist ein wichtiger, neuer Teil des gastronomischen Konzepts, weil sie unabhängig vom Rest des Gasthofs betrieben werden kann. „Es gibt hier schon die ersten Buchungen, am 4. Juli feiert ein Mann hier seinen 80. Geburtstag“, erzählt Wilde. Die Kaser-Almhütte soll auch die Heimat der Schlechinger Initiative „Die Streichenfreunde“ sein, die sich intensiv für den Erhalt des Gasthauses stark gemacht hatte. An den Wänden hängen passend dazu die Bilder des letzten Wirts Franz Strohmayer und die seiner Geschwister Anneliese Laute und Hans Strohmayer.

Wer der neue Wirt im Berggasthof Streichen mit seiner nagelneuen Hightech-Küche sein wird, ist noch nicht endgültig entschieden. Allerdings war am Donnerstag zu hören, dass die Münchener Traditionsbrauerei Augustiner-Bräu als Pächter „auf der Zielgeraden“ bei der Verpflichtung eines geeigneten Kandidaten sein soll. Die kulinarische Betreuung bei der Wiedereröffnung am Wochenende wird allerdings noch von zwei erfahrenen Catering-Firmen bestritten. Am 1. Juli wird der Berggasthof Streichen offiziell an den Pächter übergeben, im Idealfall könnte er wohl frühestens am 1. August dann auch für die breite Öffentlichkeit geöffnet werden.

Neuer Hutschn-Steig
eröffnet

Hinaufwandern kann auch Otto Normalverbraucher schon jetzt über den neuen Hutschn-Steig mit Riesenschaukeln für die Kinder, den Thomas Wilde finanziert hat. Wenn dann für alle wieder geöffnet ist, erwartet die Gäste laut Nikolaus Walther im Berggasthof Streichen „bodenständige Küche ohne Chi-Chi.“ Genau wie es zu diesem außergewöhnlichen Ort mit einem der schönsten Ausblicke in Bayern passt.

Artikel 4 von 11