Grassau/Übersee – Wenn der öffentliche Nahverkehr nicht genutzt werden kann, kommt der Rufbus „Traudl“ mit mittlerweile 64 Haltestellen im Gemeindegebiet zum Einsatz. Das System ist ausgereift, leicht erklärbar, schnell buchbar, bargeldlos oder bar bezahlbar, flexibel und behindertengerecht einsetzbar. Eine besonders wertvolle Ergänzung zum öffentlichen Nahverkehr – davon sind nicht nur Bürgermeister Stefan Kattari und Tobias Gasteiger von der Gemeindeverwaltung, sondern auch Sebastian Schallinger vom Sachgebiet Mobilität im Landratsamt Traunstein überzeugt. Auf Initiative des Behinderten- und Seniorenreferenten Franz Heuberger wurde eine gut besuchte Informationsveranstaltung im Gasthof „Zur Post“ angeboten.
Dichtes Netz
an Haltestellen
„Mit den drei Nachbargemeinden Übersee, Grabenstätt und Chieming haben wir uns auf den Weg gemacht, mit dem Rufbussystem die Mobilität vor Ort zu verbessern“, erklärte Bürgermeister Stefan Kattari nach einleitenden Worten von Heuberger. Wer abgelegen in einem Weiler oder auf einer Berganhöhe wohnt, kann nun ebenfalls eine Haltestelle nur wenige Meter entfernt erreichen und wird dort abgeholt. Traudl ist für die Feinerschließung zuständig. Den ungedeckten finanziellen Bedarf tragen die Gemeinden – fällt die jährliche Förderung durch den Landkreis weg, liegt die Summe im sechsstelligen Bereich. Kattari lobte das Sachgebiet Mobilität im Landratsamt, das das Prozedere abgewickelt habe, und hob dabei besonders Sebastian Schallinger, Leiter des Sachgebiets, sowie Marco Just hervor. Auf die Frage, warum die Traudl nicht nach Marquartstein fährt, antwortete Kattari, dass die Nachbargemeinde bei dem Projekt nicht dabei sei und auch nicht mitzahle.
Schallinger betonte, es sei ein Anliegen, in den teilnehmenden Gemeinden alle Personenkreise, alle Altersschichten, Einheimische wie Touristen bedienen zu können. Wichtig sei dies, da der Landkreis ländlich geprägt mit verteilter Struktur sei. Dieser „on demand“ (auf Abruf) Verkehr sei eine sehr gute Lösung für die Feinerschließung. Er verwies auf das Rufbussystem „Rosi“ im Landkreis Rosenheim und „Rupi“ im Waginger Bereich, die erfolgreich laufen und von denen gelernt werden konnte. Schallinger erklärte die Funktionsweise der Traudl: Über 90 Prozent der Buchungen laufen über die App, aber ebenso einfach könne der Bus telefonisch bestellt werden. Die Traudl fahre von Haltestelle zu Haltestelle, sei kein Taxi, leite zu den Bushaltestellen, sofern in nächster Zeit eine Möglichkeit bestehe, den Bus zu nutzen, oder bringe den Fahrgast zur Bahn. „Wir haben in den vier Gemeinden auch sehr gute Bus- und Bahnlinien“, betonte Schallinger.
Gefragt wurde, ob mit dem Schwerbehindertenausweis auch kostenlos gefahren werden kann. Tobias Gasteiger, der das Traudl-Projekt in der Marktgemeinde Grassau betreut, erklärte, dass hierzu ein Schwerbehindertenausweis mit Wertmarke vorliegen müsse. Nur wenn der Behinderungsgrad hoch ist, kostet die Wertmarke nichts und eine Begleitperson kann ebenfalls kostenlos mitfahren. Diesbezüglich gelte es, sich jeweils vorab zu informieren. Die Preise für die Fahrt sind dabei sehr kostengünstig gestaltet: Im Umkreis von vier Kilometern kostet die Fahrt nur 2,50 Euro. Zudem könne das Deutschlandticket angerechnet werden, da die Traudl Teil des öffentlichen Nahverkehrs ist – eine Fahrt kostet dann maximal vier Euro, unabhängig von der Kilometerzahl.
Martin Baumann fragte, welche technischen Voraussetzungen notwendig seien. Die App könne auf fast allen Handys heruntergeladen werden, sofern sie nicht zu alt sind; auf dem I-Pad funktioniert die App noch nicht. Eine Dame regte an, neben PayPal auch Wero, ein europäisches Bezahlsystem, anzubieten. Sie habe die Traudl schon mehrfach genutzt und der Rufbus sei für sie, die kein Auto besitzt, eine Bereicherung – vor allem am Wochenende. Schallinger freute dies. Er erklärte, dass die Traudl täglich von 6 bis 22 Uhr fährt. Ab 22 Uhr besteht dann die Möglichkeit, auf den Nachtexpress zu wechseln, der freitags und samstags von 22 bis 3 Uhr nachts fährt. Fünf Busse fahren für den Nachtexpress im Landkreis. Leider können die beiden Apps nicht zusammengefasst werden.
Gefragt wurde weiter nach der Beförderung von Rollstuhlfahrern – hierfür sei das Fahrzeug mit einer Rampe ausgestattet. Auf die Frage, ob sich Marquartstein noch umentscheiden könne, antwortete Bürgermeister Kattari verneinend: zumindest nicht in den kommenden vier Jahren, denn in dieser Zeitspanne sind die Gemeinden vertraglich gebunden. Zweiter Bürgermeister Sepp Grießenböck fragte nach, ob man sich während der Fahrt bezüglich der Haltestellen umentscheiden könne. Laut Schallinger gehe das nicht, da die Strecke vorab gebucht werden müsse. Bei mehreren Personen sei es zudem nicht möglich, zwischen den Haltestellen eine zusätzliche anzufahren, da sonst die Taktung nicht mehr stimme. Jede Person der Gruppe könne die Fahrt jedoch mit ihrer eigenen Haltestelle buchen.
Buchung eine
Woche im Voraus
Ob zwei Fahrzeuge reichen, um das Gebiet abzudecken, wollte Martin Baumann wissen. Kattari informierte, dass die Option auf ein drittes Fahrzeug bestehe, man aber glaube, dass zwei Fahrzeuge reichen. Tobias Gasteiger ergänzte, dass planbare Fahrten bis zu einer Woche im Voraus gebucht werden können.
Die vielen Besucher zeigten sich dankbar für die Informationen, und dem einen oder anderen wurde zudem beim Einrichten der Traudl-App geholfen.