Senioren schlichten Schulstreit

von Redaktion

An der Franz-von-Sales-Schule in Marquartstein lösen zwei ehrenamtliche Mediatoren Konflikte

Marquartstein – „Wir helfen euch bei eurem Streit – damit ihr nicht mehr sauer seid!“ – Dieses Schild hängt an einer hellgrünen Tür vor einem unscheinbaren Raum am Ende eines Ganges der Franz-von-Sales-Schule Schloss Niedernfels in Marquartstein. Das Schild ist Programm: Eine Gruppe von vier Mädchen aus der vierten Klasse hat Streit. Verschränkte Arme, verkniffene Gesichter, Wut, Anschuldigungen und Zickenkrieg – es dauert, bis jedes der Mädchen seine Sicht der Dinge geschildert hat. Doch nach einigem Hin und Her haben sich die Gemüter abgekühlt und die Mädchen gehen entspannter wieder in die Klasse zurück.

Schöne Aufgabe
im Ruhestand

Wolfgang Krause und Brigitte Nennhuber sind Schulmediatoren, die vom Verein „Seniors for School“ ehrenamtlich als Streitschlichter und Mediatoren an der Schule in Marquartstein tätig sind. Den Verein gibt es seit 25 Jahren in Deutschland, in Bayern seit 15 Jahren. Deutschlandweit gibt es 466 Schulen des Vereins, an denen die ehrenamtlichen Streitschlichter mit Kindern arbeiten. Sogar eine Warteliste an Schulen, die dringend nach Ehrenamtlichen suchen, gibt es. Der 77-jährige Wolfgang Krause aus Übersee ist seit mittlerweile acht Jahren bei „Seniors for School“, kurz SiS. Als gelernter Ingenieur habe er im Ruhestand noch etwas anderes gebraucht. Über einen Aufruf in der Chiemgau-Zeitung habe er von der ehrenamtlichen Ausbildung erfahren und es als „schöne Ergänzung“ gesehen. Nach vier Jahren an einer Münchner Schule ist Krause nun an zwei Schulen in der Region tätig: in Übersee und in Marquartstein. Bei der erstgenannten bildet Krause sogar selbst Streitschlichter aus. Sechs Kinder aus der dritten und vierten Klasse lernen von ihm, wie sie bei Streit auf dem Schulhof einschreiten und Mitschülern helfen können. In Marquartstein arbeitet Krause zusammen mit der 65-jährigen Brigitte Nennhuber. In jeder Sitzung sind sie zu zweit. Sie unterstützen einander und ergänzen sich. „Manchmal ist es ganz hilfreich, eine männliche und eine weibliche Sicht auf die Dinge zu haben“, verrät Nennhuber. Die 65-Jährige, die am Rand von München lebt, hat selbst drei Söhne und drei Enkelkinder. Auch Krause hat zwei Enkelkinder. Um ehrenamtlicher Schulmediator zu werden, muss man zunächst eine Ausbildung absolvieren. Die Ausbildung erfolgt in München, aufgeteilt auf vier Module an je drei Tagen. Zunächst geht es um die Theorie. Thematisiert werden gewaltfreie Kommunikation und die einzelnen Schritte der Mediation, um die Struktur der Sitzungen zu lernen. Praktisch lernen die Teilnehmer das bei Hospitationen an einer Schule. Nennhuber hat diese an der Marquartsteiner Schule absolviert – und ist geblieben. Nach der Ausbildung ist man verpflichtet, für eineinhalb Jahre an der Schule tätig zu sein, danach ist man offiziell Schulmediator. Die Ausbildung hat ihr Struktur gegeben, es sei eine intensive Vorbereitung gewesen, meint Brigitte Nennhuber. Allerdings betont sie: „Jeder Fall ist anders. Es ist notwendig, die eigene Menschenkenntnis und die eigene Erfahrung mit einzubringen.“ Die Themen sind vielfältig, mit denen die Kinder zu den Ehrenamtlichen kommen. „Zickenkrieg bei Mädchen, Fußball-Themen, hauptsächlich Missverständnisse, Streit beim Sport oder wenn es um irgendwas geht, was man haben will“, fassen Krause und Nennhuber zusammen. Deutschlandweit lasse sich das unter den Themengebieten Beziehungsprobleme, Beleidigungen, körperliche Konflikte und Ausgrenzungen bündeln.

Gefühlskarten
helfen bei Emotionen

Mediation gibt es in vielen Bereichen. Die Schulmediation unterscheidet sich aber von anderen Bereichen in dem Sinne, dass bei diesen auf ein Ziel hingearbeitet wird – das ist bei der Schulmediation nicht der Fall. Vielmehr geht es darum, dem anderen „die Chance zu geben, Wünsche und Bedürfnisse zu erkennen“, so Nennhuber. Dabei gehe es nicht um Schuldzuweisungen, sondern darum, Gefühle und Bedürfnisse gewaltfrei zu kommunizieren, den anderen zu akzeptieren und gemeinsam eine Lösung zu finden. „Die Kinder dürfen einfach da sein“, stellt Nennhuber fest. Gemeinsam mit den Kindern über Gefühle reden – dabei können sogenannte Gefühlskarten helfen. Mit diesen kann es Kindern leichter fallen, die abgebildete Emotion zu erkennen, auf sich selbst zu beziehen und anschließend darüber ins Gespräch zu kommen. Auch ein Buch über Gefühle oder ein Kuscheltier kann den Kindern dabei helfen, sich zu öffnen. Die beiden Mediatoren geben nur den Raum, in dem die Kinder selbst Lösungen entwickeln. Die Erwachsenen mischen sich nicht ein. Auf diese Weise grenzen sie sich bewusst von Therapeuten ab. „Wandlung ist das Schönste“, lächelt Krause. Doch auch wenn es keine Lösung in der Sitzung gibt, sei es trotzdem ein Ergebnis. „Es ist ein kleiner Samen, den wir legen“, erklärt Nennhuber. Sie wollen ein Feld bieten, bei dem die Kinder gerne wiederkommen. Dazu geben sie als Mediatoren die Hilfsmittel.

„Die Herausforderung dabei ist es, nicht zu werten, auch wenn man tiefergehende Probleme oder Hintergründe erkennt“, schildert Nennhuber. Deshalb sei den beiden Mediatoren auch der Austausch untereinander danach so wichtig, dass sie miteinander besprechen können, wie es ihnen ergangen ist, und einander herunterfahren. Krause berichtet von einem schönen Erlebnis, das ihm in Erinnerung geblieben ist, als zwei zerstrittene Kinder zu ihm kamen – weinend, mit einem zerrissenen Bild in der Hand. Eine Weile später kamen die beiden wieder zu ihm – dieses Mal mit einem gemeinsam gemalten Bild, das sie ihm schenkten. Das sei für ihn auch metaphorisch ein schönes Bild. Brigitte Nennhuber kann sich nicht auf ein einziges schönes Erlebnis festlegen. „Wie Kinder eine Transformation vollziehen, das mitzubekommen, diese Veränderung“, das sei für sie das Schönste. Diese Veränderung der Schüler sei auch für die Lehrkräfte spürbar. Von den Lehrkräften der Marquartsteiner Schule bekommen die beiden positives Feedback und Wertschätzung für ihre Arbeit. Bei einem „Tag der offenen Tür“ sei ein Lehrer zu ihm gekommen, erzählt Krause, der meinte: „Das ist ganz toll, was Sie hier machen.“

Liebe zu
Kindern wichtig

Es wird deutlich, dass die Schüler der Franz von Sales Schule das Angebot der Mediatoren gern annehmen. „Ich wünschte, das hätte es zu meiner Zeit schon gegeben“, sinniert Krause. Er möchte mehr Menschen dazu bewegen, die Ausbildung zum Schulmediator zu machen, damit mehr Schulen sie anbieten können. Nicht ausschließlich Senioren kämen dafür infrage, meint Nennhuber. Sie erzählt, dass in ihrem Ausbildungskurs auch Menschen im Alter von 50 Jahren dabei waren.

Wichtig sei laut Brigitte Nennhuber, eine „Liebe zu Kindern zu haben und Kinder verstehen zu wollen. Man darf keine Angst vor sich selbst haben.“ Krause und Nennhuber sind offen für ein Telefonat oder einen Schnupperbesuch in der Schule, damit sich Interessierte ein Bild machen können. Sie hoffen, dass sich auf diese Weise mehr Menschen für eine Ausbildung begeistern und Schulen auf der Warteliste ausgebildetes Personal bekommen können.

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