Grassau – Ein Bandleader, der gefehlt hat, ein Sänger, der die Terrasse allein gefüllt hat, und gut 100 Zuhörer, die trotz stechender Sonne geblieben sind: Auf der Terrasse des Berghotels Adersberg ist jüngst das Chiemgau-Almfestival mit der „Teachers Groove“-Big-Band zu Ende gegangen.
Die Hecke im Rücken der Musiker war übermannshoch, und sie leistete am Nachmittag doppelte Arbeit: Sie warf Schatten auf Notenpulte, Musiker und Instrumente, und sie warf den Klang zurück ins Publikum. An der Bergseite der langen Terrasse des Berghotels spielte die „Teachers Groove“-Big-Band den Abschluss des diesjährigen Chiemgau Almfestivals – 16 Musiker und ein Sänger. Gut 100 Zuhörer waren gekommen.
Am Schlagzeug saß nicht Michael Keul. Der Jazz-Schlagzeuger, der die Formation seit Jahren vom Schlagzeug aus führt, fehlte krankheitsbedingt – zum ersten Mal überhaupt, wie Wolfgang Diem, Leiter der Musikschule Grassau, nach dem Konzert erzählte. Paul Sennewald, Schlagzeuglehrer an der Musikschule Grassau, übernahm den Platz. Sennewald gab den Einsatz, mehr brauchte es für die erfahrenen Musiker rundherum nicht.
„All of Me“ eröffnete den ersten Teil des Programms, ein Klassiker aus dem Jahr 1931, mit dem sich Bigbands seit jeher warmspielen. Bläser und Rhythmusgruppe warfen sich die Phrasen zu, dann ging es nach Kuba: „Chucho“ von Paquito D’Rivera brachte scharfe, versetzte Einwürfe über einem dichten Rhythmusteppich.
Am Mikrofon stand Tobias Heinz, eines der Aushängeschilder von „Teachers Groove“. Bei Cole Porters „I’ve Got You Under My Skin“ begann er fast allein, nur eine tiefe Bassfigur unter sich, die sich Takt für Takt wiederholte, bis der Posaunensatz in der Mitte des Stücks losbrach und das Arrangement in eine Wand aus Blech kippte.
Die Gegenprobe folgte prompt: Bei „Call Me Irresponsible“ nahm sich die Band so weit zurück, dass die Bläser nur noch weiche Flächen unter die Stimme legten.
Derweil wanderte die Sonne. Der Bergwind machte die Temperaturen erträglich. Aber auf der Terrasse war ständig Bewegung: Der eine richtete den Sonnenschirm neu aus, die nächste trug ihren Stuhl zum schattigen Nachbartisch, Nachzügler suchten einen Schattenplatz.
Bei „On The Sunny Side Of The Street“ trugen die fünf Saxofone die Melodie, jeden Ton millimetergenau gemeinsam gesetzt. „Li’l Darlin‘“, die Komposition von Neal Hefti für Count Basie, war so langsam genommen, dass die Zuhörer jedem Ton nachspüren konnten. Und in „Shiny Stockings“ zog sich das Orchester zurück. Das Blech gedämpft und leise, die Rhythmusgruppe fein daruntergelegt, um dann den sattesten Akkord des Nachmittags punktgenau in die Bergluft zu setzen.
Mehrfach traten Einzelne heraus. Heinz sang mit kraftvoller Stimme und raumgreifenden Gesten ganz im Stil von Frank Sinatra oder Dean Martin. Mit großer Bühnenpräsenz bestand er eindrucksvoll gegen die starken Bläsereinsätze der Big Band. In „The Shadow Of Your Smile“ gehörte die Bühne Diem an der Posaune, der die Melodie weich und in hoher Lage über einen Bossa-Rhythmus legte, während sich die Band auf ein Minimum zurückzog. In „Harlem Nocturne“ übernahm Markus Müller am Altsaxofon – rauchiger Ton, lang gezogene Töne auf 815 Metern.
Durch das Programm führte Horst Lehnert, der zeitweise auch an den Percussion-Instrumenten mitspielte. Mit viel Humor erntete er immer wieder Lachen und großen Applaus.
Das zweite Set setzte auf Steigerung: „Summer Wind“ rückte Strophe für Strophe eine Spur höher und wurde von Mal zu Mal drängender, Astor Piazzollas „Libertango“ brach mit dem Swing und legte ein hypnotisches Muster darunter, „For Once In My Life“. lfl