Traunstein – Bevor das Konzept für die Einführung der Gelben Tonne im Landkreis Traunstein vorgestellt wurde, unterstrich Landrat Andreas Danzer die Dringlichkeit des Themas. „Extrem viele Bürger“ hätten in den vergangenen eineinhalb Jahren den Wunsch geäußert, ein Holsystem für Leichtverpackungen (LVP) vor der Haustür einzuführen. Davon würden in einer alternden Gesellschaft vor allem Senioren profitieren, die nicht mehr allein zum Wertstoffhof fahren können.
Drängendes
Thema
„Es ist an der Zeit, das bestehende System zu hinterfragen“, erklärte Danzer bei der Sitzung des Landkreis-Ausschusses für Umwelt, Verkehr und Abfallwirtschaft: „Es bedarf eines modernen Konzeptes.“ Die entsprechenden Grundlagen für eine Entscheidung darüber präsentierten anschließend Sabine Kögl und Verena Reisch von der beauftragten Agentur AU Consult aus Augsburg. Derzeit können LVP in 34 Wertstoffhöfen und frei zugänglichen Containern im Landkreis Traunstein abgegeben werden.
Pro Einwohner aus der Region kehren so derzeit etwa 13,1 Kilogramm pro Einwohner in den Recycling-Kreislauf zurück. Zum Vergleich: In anderen ländlichen Landkreisen in Bayern sind es durchschnittlich 22,7 Kilogramm pro Einwohner. Das hängt mutmaßlich damit zusammen, dass im Freistaat 77 Körperschaften sogenannte Holsysteme mit Gelber Tonne (32) oder Gelbem Sack (45) wie in den Landkreisen Altötting oder Berchtesgadener Land verwenden. Nur 21 setzen wie der Landkreis Traunstein noch auf sogenannte Bringsysteme, bei denen die Bürger zu Wertstoffhöfen oder Containern fahren müssen.
Ökologische
Vorteile
Bei einer Umstellung von Bring- auf Holsysteme stiegen die Plastik-Sammelmengen im Mittel um fast 30 Prozent. Allerdings erhöhte sich auch die Fehlwurfquote – also die Summe von falsch in die LVP-Tonnen geworfenem Müll – um etwa 30 Prozent. Unterm Strich ging die Restmüllmenge nach Einführung des Holsystems aber um vier Prozent zurück. Mehr Leichtverpackungen im Recycling-Kreislauf, dazu eine Senkung des CO2-Ausstoßes durch weniger nötige Fahrten zum Wertstoffhof, weniger Restmüll – klingt zumindest ökologisch nach ganz klaren Argumenten für eine Einführung der Gelben Tonne. Es gibt allerdings auch eine ganz klare Schattenseite – und sie hat wie so oft mit dem Thema Geld zu tun. Zwar würden die Kosten für das LVP-Holsystem vom Dualen System Deutschland (DSD) getragen. Allerdings würden dem Landkreis die bisherigen Nutzungsentgelte des DSD für die Wertstoffhöfe in Höhe von 825.000 Euro netto (2027) und 912.000 Euro netto (2028) verloren gehen. Da 25 der 34 Wertstoffhöfe im Landkreis kommunal betrieben werden, würde das ein großes Loch von fast einer Million Euro in die Kassen reißen. „Die Wirtschaftlichkeit ist wichtig. Da wird sich die Wertstoffhof-Landschaft ändern müssen“, stellte Danzer auf Nachfrage klar. Bedeutet: Wenn die Gelbe Tonne eingeführt wird, dürften Schließungen oder Fusionen von kommunalen Wertstoffhöfen im Landkreis Traunstein die Folge sein. Auf Anfrage des OVB bestätigte das Landratsamt, dass dort derzeit etwa 100 Voll- und Teilzeitkräfte beschäftigt sind. Zumindest einige dieser Arbeitsplätze könnten künftig gefährdet sein. Ein genaues Konzept für die Veränderungen in diesem Bereich gibt es laut Danzer bislang noch nicht, allerdings könnten vor allem kleinere Wertstoffhöfe gefährdet sein. Der Landrat nannte mehrfach das positive Beispiel des einzigen Wertstoffhofs im Achental, der für alle Gemeinden da ist und dazu privat betrieben wird. „Ein Wegfall von Arbeitsplätzen wäre schon ein Schlag. Andererseits werde ich von vielen älteren Menschen oder Neubürgern in Traunstein angesprochen, dass die Gelbe Tonne fehlt. Deswegen tue ich mich sehr hart mit einer Entscheidung zu diesem Thema“, sagte Grünen-Kreisrätin Helga Mandl in der anschließenden Diskussion. Ute Künkele von der ÖDP gab zu bedenken, dass in den Wertstoffhöfen neben Leichtverpackungen auch echte Wertstoffe wie Kühlschränke, Mikrowellen oder Smartphones abgegeben würden. Laut Danzer bringt das pro Jahr bis zu 200.000 Euro in die Kassen des Landkreises. Zu den klaren Befürwortern der Einführung der Gelben Tonne im Ausschuss zählte Leonie Traue von der Jungen Liste: „Ich wohne in einem 17-Parteien-Haus mit einem Altersschnitt von 80. Für enorm viele ältere Leute wäre das eine große Erleichterung.“ Auch SPD-Mitglied Nils Bödecker hält den „Schritt in ein neues System für notwendig.“ Falls es dazu kommen sollte, sprach sich CSU-Mitglied Martina Gaukler jedoch klar für die Einführung einer Gelben Tonne aus. Im benachbarten Landkreis Berchtesgadener Land würden die dort verwendeten Gelben Säcke bei Wind regelmäßig durch die Gegend wehen und den Müll verteilen. Danzer stellte daraufhin klar, dass es im Landkreis Traunstein eine klare Präferenz für die Gelbe Tonne gebe. Bei der Diskussion im Ausschuss wurde deutlich, dass die unterschiedlichen Meinungen pro oder contra quer durch die Parteien gehen – wohl mit einer leichten Tendenz für eine Einführung. Es wurde einstimmig beschlossen, dass sich die Fraktionen über die Sommerpause eine Meinung zum Thema bilden sollen. Über die mögliche Einführung der Gelben Tonne soll noch in diesem Jahr im Kreistag entschieden werden. Bei einem Ja wäre der Umstieg vom Bring- zum Holsystem zum 1. Januar 2028 geplant.
Gebühren dürften
sich verdoppeln
Egal, wie die Entscheidung ausfällt: Ab diesem Zeitpunkt müssen sich die Bürger des Landkreises Traunstein auf deutlich höhere Müllgebühren einstellen. Laut der Agentur AU Consulting ist ab 2028 eine „deutliche Gebührensteigerung von bis zu 100 Prozent“ – also eine Verdopplung zu erwarten. Grund dafür sind deutlich steigende Kosten durch die CO2-Umlage. Zudem werden die Rücklagen der Abfallwirtschaft im Landkreis Traunstein, von deren Einsatz die Bürger in den letzten Jahren über sehr günstige Preise profitiert hätten, Ende 2027 aufgebraucht sein. Falls auch die geringeren Wertstoffhof-Einnahmen durch die Einführung einer Gelben Tonne komplett auf die Gebühren umgelegt würden, hätte das eine weitere Steigerung der Kosten von zehn Prozent zur Folge. Also vergleichsweise wenig. „Bei uns kostet der Müll bisher fast nix“, erklärte Josef Mayer von der CSU zur kommenden Gebührensteigerung: „Wenn es teurer wird, bekommt man automatisch weniger Müll.“ Aber dafür vielleicht künftig eine Gelbe Tonne.