Quagga-Muschel bedroht Chiemsee

von Redaktion

Experten und Bürger diskutieren über die dramatischen Folgen der Muschelausbreitung

Seebruck – Die Quagga-Muschel sorgt am Chiemsee für wachsende Besorgnis. Welche Folgen die extrem schnelle und unkontrollierte Ausbreitung des invasiven Eindringlings für das sensible Ökosystem hat, stand im Mittelpunkt einer gut besuchten Informations- und Diskussionsveranstaltung im Seebrucker Hafenwirt, zu der die regionalen CSU-Politiker Konrad Baur (MdL) und Josef Mayer eingeladen hatten.

„Es sind viel mehr Leute gekommen, als wir gedacht haben“, sagte Baur bei der Begrüßung und fügte hinzu: „Aber eigentlich hätten wir es ahnen können, denn das Thema betrifft viele Menschen und dieses kleine Wesen hat große Auswirkungen.“ Professor Dr. Herwig Stibor, Leiter der Limnologischen Forschungsstation Seeon, dämpfte die Hoffnung auf eine schnelle Lösung: Die Ende 2024 erstmals nachgewiesene Muschel „ist nicht mehr aus dem See herauszubekommen“.

Enorme
Überlebenskunst

Die ursprünglich aus dem Schwarzmeergebiet stammende Art wurde über Wasserstraßen eingeschleppt. Sie gedeiht in Tiefen von bis zu 350 Metern und hat im Chiemsee kaum Fressfeinde. „Eine weibliche Muschel produziert pro Jahr bis zu eine Million Eier, da ist man machtlos, denn sie sitzt am längeren Ast“, betonte Stibor. Um eine weitere Verbreitung zu verhindern, seien Schutzmaßnahmen wie die Reinigung von Booten mit 65 Grad heißem Wasser und anschließendes Trocknen unerlässlich.

Durch die Muschel und den Klimawandel werde der Chiemsee „zukünftig ein anderer sein“, prognostizierte Stibor. Beim Filtrieren entziehe die Quagga-Muschel dem Wasser die Nahrung für Kleinstlebewesen. Dies störe die Nahrungskette massiv. Während karpfen- und barschartige Fische profitieren könnten, gehört die Plankton fressende Renke – der wichtigste Fisch für die 16 Chiemsee-Berufsfischer – zu den Verlierern.

Fischereivorsitzender Florian Kirchmeier hofft, dass extreme Szenarien wie am amerikanischen Michigansee ausbleiben, da der Chiemsee durch Zuflüsse wie die Tiroler Ache regelmäßig mit nährstoff- und sauerstoffreichem Wasser gespeist wird. Dennoch spüren die Fischer die Folgen: Die Muscheln setzen sich an Netzen fest, verursachen Schäden und erfordern aufwendige Reinigungen. Zudem gehen die Fischbestände zurück. „2025 haben wir über 50 Tonnen gefangen, heuer müssen wir froh sein, wenn es 20 Tonnen werden“, so Kirchmeier.

Um verlässliche Daten zu erhalten, planen Wissenschaftler und die Fischereigenossenschaft ein mehrjähriges Monitoring. Die Population explodiert bereits: In der Kailbacher Bucht stieg die Zahl der Muscheln von 200 auf rund 4.000 Exemplare pro Quadratmeter. Dr. Bernhard Gum von der Fachberatung für Fischerei des Bezirks Oberbayern warnte, dass auch andere bayerische Seen bedroht seien. Am Starnberger See und Ammersee gebe es bereits erste Nachweise.

Auswirkungen
auf die Fischerei

In der anschließenden Diskussion wurden verschiedene Präventionsmaßnahmen erörtert. Ein mögliches Stand-up-Paddling-Verbot, wie es für andere Seen vorgeschlagen wurde, ist rechtlich schwierig: Bürgermeister Martin Bartlweber verwies darauf, dass die Nutzung von Gewässern zum Gemeingebrauch gehöre und der Gemeinde die Hände gebunden seien. Befürchtungen, dass die Muschel auch den Seeoner See erreicht hat, stehen aktuell im Raum. Eigens gesammelte Proben sollen deshalb nun zeitnah untersucht werden.

Diskussion über
Präventionsmaßnahmen

Auch für Badegäste hat die Invasion Folgen. Wegen der scharfkantigen Schalen der Muschel fragten sich Besucher, ob Badeschuhe bald Pflicht werden. Stibor bestätigte das Risiko und erklärte, dass sich auch Forscher bei der Arbeit nur mit Handschuhen schützen. Trotz der ernsten Aussichten endete die Veranstaltung mit der Hoffnung der Teilnehmer, dass die Ausbreitung eingedämmt werden kann. mmü

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