Prien – Kurz vor der mit Spannung erwarteten Entscheidung über den Wendelsteinplatz im Priener Gemeinderat zeigte das Thermometer noch am Abend fast 30 Grad. Vielleicht war deshalb am Mittwochabend mitten im Hitzesommer die Sehnsucht nach einer Abkühlung bei einem Teil der Gemeinderäte so groß. Die winterliche Eisfläche auf dem Platz im Zentrum wurde am Ende das Zünglein an der Waage bei einer dramatischen Abstimmung, die die Gräben im Ort wohl noch tiefer werden lassen dürfte.
Umstrittene
Entscheidung
Dafür sprachen zumindest die frustrierten Reaktionen der zahlreichen Zuschauer, die die fast einstündige, heftige Diskussion über die Zukunft des Herzstücks der Chiemsee-Gemeinde mit Murren und zwischenzeitlichem Beifall verfolgt hatten. Am Ende wurde der Vorschlag, die Ausschreibung einer Planung für den mit jeder Menge Bundesmitteln geförderten klimafreundlichen Umbau des Wendelsteinplatzes zu beauftragen, mit 13:11 Stimmen abgelehnt. Das bedeutet, dass der Ort seinen bisherigen Status als Veranstaltungsfläche behält – derzeit als Beachbar für die Jugend und im Winter zum Eislaufen.
Priens Bürgermeister Andreas Friedrich hatte als Entree zur Diskussion nochmals die schwierige Gemengelage geschildert. Bei einem Treff im Rathaus am 3. Juli zum Sachstand mit der Regierung von Oberbayern habe es die „knallharte Ansage“ gegeben, dass eine Städteförderung bei einer weiteren Nutzung als Veranstaltungsfläche nicht möglich sei. Für den Erhalt einer Bundesförderung von bis zu 80 Prozent der Gesamtsumme für die Umgestaltung des Wendelsteinplatzes seien „mehr Grünflächen, mehr Bäume, mehr Entsiegelung und eine Klimaanpassung“ zwingend vorgeschrieben.
An der Eisfläche
scheiden sich die Geister
Also genau das, wohin sich die meisten Städte in Zeiten des Klimawandels und immer heißerer Sommer entwickeln (müssen). Die Kröte, die Prien dafür hätte schlucken müssen, wäre der Verlust eines beliebten Event-Bereichs gewesen. Genauer gesagt der winterlichen Eisfläche, denn eine Beachbar wäre wohl auch in einem grüneren Umfeld möglich gewesen. In der Diskussion wurde schnell deutlich, dass sich genau bei diesem Punkt die Geister bei den verschiedenen Fraktionen schieden. Obwohl Bürgermeister Friedrich auf Rückfrage keine konkreten Nutzungszahlen für die Priener Eisfläche nennen konnte. Die CSU-Fraktionsvorsitzende Annette Resch machte deutlich, dass ihre Partei für den Erhalt der Veranstaltungsfläche sei: „Wir haben die Eisfläche teuer gekauft, die Beachbar ist erfolgreich für die Jugend.“ Auf der gegenüberliegenden Seite des Sitzungssaals sprach sich Kristin Lindemann von den Bürgern für Prien (BfP) vehement für eine klimaresistente Umgestaltung des Platzes aus: „Die Lösung liegt vor unserer Nase.“ Der Grünen-Abgeordnete Heiko Melhart griff die CSU anschließend frontal an: „Wer will, findet Wege, wer nicht will, findet Ausreden.“
Sein Fraktionskollege Ulrich Steiner forderte die Christsozialen aus Prien anschließend auf, „keinen Kulturkampf“ aus der Wendelsteinplatz-Frage zu machen. Das rief den Zweiten Bürgermeister Michael Anner von der CSU auf den Plan: „Es gibt keinen Kulturkampf, nur unterschiedliche Meinungen.“ Aber wie sehen die Priener Bürger die wohl meist diskutierte Frage im ganzen Ort? Die Bürgerinitiative „KomMit – Kommunal Mitmachen“ hatte Bürgermeister Friedrich am 20. Juli die Ergebnisse einer Bürgerbefragung zur zukünftigen Gestaltung des Wendelsteinplatzes übergeben.
Wie wichtig ist
der Bürgerwille?
Die Ergebnisse: Die meisten wünschten sich eine Umgestaltung mit viel Grün und vielen Bäumen, Wasser, einer kleinen Gastronomie sowie einem Spielplatz mit Zaun. Dazu eine Verkehrsberuhigung der Straße neben dem Platz und möglichst keine Parkplätze mehr. Über 100 Menschen hatten an der Befragung teilgenommen. Für CSU-Mann Michael Anner kein Grund zum Umdenken: „100 Leute sind nicht der Bürgerwille – wir haben 11.000 Einwohner.“
Einige Gemeinderäte wie Vertreter der Bürgermeister-Fraktion ÜWG machten deutlich, dass sie die „Schwarz-Weiß-Lösung“ für oder gegen eine Umgestaltung des Wendelsteinplatzes extrem schwierig finden. Die Dritte Bürgermeisterin Rosi Hell (CSU) forderte eine Einbeziehung der Jugend, andere die Befragung der Bürger für die so wichtige Entscheidung.
Doch zu dieser eigentlich eleganten Lösung kam es nicht. Es wurde abgestimmt und die Fraktionen von CSU und ÜWG stimmten mit ihrer Mehrheit trotz teils durchaus erkennbarer Zweifel gegen eine Umgestaltung des Wendelsteinplatzes. Das war für die meisten Zuschauer im Raum, aber auch für viele Gemeinderäte eine höchst unbefriedigende Entscheidung.
Die CSU-Fraktion bemühte sich in einer Stellungnahme um Schadensbegrenzung: „Die Fraktion der CSU ist nicht gegen die Begrünung des Platzes beziehungsweise eine parkähnliche Gestaltung, aber Veranstaltungen sollten möglich bleiben.“ Ein Umbau des Wendelsteinplatzes zu einem Park würde einen „Fleckerlteppich“ erzeugen, weil Parkplätze und Spielplatz in der Neugestaltung nicht beinhaltet seien.
Bürgerinitiative
ist enttäuscht
Lisa Schnurr, Sprecherin der Bürgerinitiative „KomMit“, wertete den Gemeinderatsbeschluss ganz anders: „Natürlich sind wir enttäuscht von einer Entscheidung, die wir nicht für nachhaltig und ressourcenschonend halten. Die Gemeinde lässt sich viel Geld vom Bund entgehen und investiert voraussichtlich weiter hohe Summen aus der eigenen Kasse in Übergangslösungen.“ „KomMit“ wertete es allerdings als Erfolg, dass sich viele Bürger an unserer Befragung beteiligt hätten und der Priener Gemeinderat derart ausführlich über den Wendelsteinplatz diskutiert habe: „Das Bewusstsein, dass hier mittelfristig was passieren muss, ist also da.“
An Kirche und Bahnhof
wird es klimafreundlich
Kurzfristig bleibt allerdings alles beim Alten – ganz im Gegensatz zum Marktplatz/Kirchenumfeld und dem Bahnhofsvorplatz. Dort wurde die Verwaltung einstimmig mit der Ausschreibung für eine klimafreundliche und vom Bund geförderte Umgestaltung beauftragt.
Auf dem Priener Wendelsteinplatz darf derweil im Winter weiter eisgelaufen werden – auch wenn sich an den immer häufiger werdenden Hitzetagen wohl viele Menschen an dieser Stelle lieber Grün und Baumschatten wünschen würden.