Herreninsel – Einen „Tempel des Ruhmes“ habe er bauen wollen, kein Schloss, keine Residenz und mitnichten einen Platz für die Öffentlichkeit. Dennoch ist Ludwig II. mit dem Bau seines Schlosses Herrenchiemsee der „ganz große Wurf“ gelungen – und der Schloss- und Gartenverwaltung mit dem zweiten „König-Ludwig“-Abend sicher auch. Wo lässt sich zauberhafte Musik besser erleben, wirken galante Tanzvorführungen in historischen Kostümen authentischer und bringen Sonderführungen die Persönlichkeit des bayerischen Märchenkönigs facettenreicher ans Licht als im Welterbe „Herrenchiemsee“, wenn die Sonne den Platz mit dem Mond tauscht?
Karten waren
schnell vergriffen
Bereits zum zweiten Mal veranstaltete die Schloss- und Gartenverwaltung einen „König-Ludwig“-Abend anlässlich seines mittlerweile 181. Geburtstags. 500 Karten waren aufgelegt und diese schnell vergriffen. Kein Wunder, stand doch das Märchenschloss den angemeldeten Besuchern von 18 bis 22 Uhr offen, und die meisten blieben bis ganz zum Schluss. Die untergehende Sonne tauchte den Spiegelsaal in goldenes Licht, war doch der Regen am Abend gewichen, und die Tanzformation „La Danza“ führte vor, was es wohl bedeutet haben mag, wenn vor knapp 160 Jahren eine Nacht durchgetanzt wurde. Neben dem Walzer brachten die Tänzer dem Publikum die polnische Mazurka, die Polka und die Contradanse française näher. Jadwiga Nowaczek führte zwischen den einzelnen Tanzdarbietungen charmant in die Welt des 19. Jahrhunderts ein, und die Tanzpaare schwebten nicht etwa über das weitläufige Parkett des riesigen Spiegelsaals, sie „hüpften“.
Die wunderbare Musik des Streicherquartetts „Diana“ erklang in einem ganz einmaligen Raum, der sich an den riesigen Spiegelsaal anschließt und den heutzutage martialisch klingenden Namen „Kriegssaal“ trägt. Die musikalische Umsetzung des Sommernachtstraums machte die Bühne frei für Fürst Oberon und seine Titania und nahm das Publikum mit auf eine musikalische Reise durch die Zeit. Mit vier Stunden blieb den Gästen genügend derselben, einen einzigartigen Abend zu erleben.
Je nach Lust und Laune konnten die Besucher so lange bei den Vorstellungen verweilen, wie es ihnen behagte, und dabei die langsam aufziehende Abenddämmerung genießen, die die Räume des Schlosses mit einem ganz besonderen Zauber füllte. Da sich die Programmpunkte zu festen Zeiten wiederholten, musste man auch keine Angst haben, etwas zu verpassen.
Je dunkler es draußen wurde, umso mehr wurde das eigentliche Konzept dieses „Tempels für den Ruhm“ einer Epoche, verkörpert durch Ludwig XIV., immer deutlicher erkennbar. Die Sonderführungen, einmal beginnend in den Privaträumen, konkret im blauen Schlafzimmer des Wittelsbachers, und zum anderen im Prunktreppenhaus, lieferten eine ganze Fülle an Informationen zum besseren Verständnis dieser eigenen Neuinterpretation des Königsschlosses in Versailles.
Die gut vorbereiteten Schlossführer glänzten mit Wissen, beantworteten geduldig Fragen und lieferten auch wichtige Hintergrundinformationen, die eine nächtliche Sonderführung im Rahmen des „König-Ludwig-Abends“ ganz besonders machten. Thematisch ergänzten sich die Sonderführungen und ließen weder bei der Beleuchtung des Königs als Ideengeber, Bauherr und „Intendant“ seiner Privaträume noch bei der Gestaltung des gewünschten „Tempels des Ruhms“ durch Spiegelsaal und Prunkschlafzimmer die begleitende Zeitgeschichte außer Acht.
Das Schloss als
Traumwelt inszeniert
Bis 20 Uhr konnten die Besucher auch die Kunstausstellung der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen „Könnt ihr noch?“ Kunst und Demokratie besuchen und über 50 Hauptwerke der Sammlung Moderne Kunst und deren thematische Aufbereitung hautnah erleben. Außerdem lockten Schautafeln in den Räumen dazu, sich mit der gestalterischen Konzeption in aller Ruhe zu beschäftigen und so ganz individuell deren Wirkung zu genießen. Auch für das leibliche Wohl war gesorgt.
Draußen offenbarte sich auf der Gartenseite des Schlosses, angelehnt an die historisch belegbare, farblich angestrahlte Fassade und die in der Nacht beinahe mystisch wirkenden Wasserspiele, dass Ludwig II. im Grunde mit allen Licht- und Schattenseiten vor allem eines ganz sicher war: ein begnadeter Regisseur seiner eigenen „Traumwelt“, selbst nach modernen Maßstäben.