Vom Flüchtling zur Fischerin auf der Fraueninsel

von Redaktion

Das bewegende Leben einer starken Frau auf der Fraueninsel im Chiemsee steht im Mittelpunkt des neuen Buchs von Roswitha Gruber. Die Autorin hat den außergewöhnlichen Weg der einst geflüchteten Erika Lex nachgezeichnet, die dort zur Fischerin wurde.

Fraueninsel – Sie ist 86 Jahre alt, hat Dutzende Bücher herausgebracht, darunter viele Bestseller, und wohnt mit ihrem 90-jährigen Mann in einem Bauernhaus hoch über Reit im Winkl: Roswitha Gruber. Jetzt hat sie erstmals ein Buch über den Chiemsee geschrieben, genauer gesagt über eine Fischerfamilie auf der Fraueninsel, über die Familie Lex. Das Werk mit seinen 250 Seiten, erschienen im Rosenheimer Verlag Förg, ist seit wenigen Tagen im Buchhandel erhältlich. Es trägt den Titel „Die Fischerin vom Chiemsee“.

Sie werden gegen alle
Widerstände ein Paar

Die Geschichte beginnt im Zweiten Weltkrieg, als die 16-jährige Erika als bettelarmes Flüchtlingsmädchen aus Ostdeutschland auf der Fraueninsel landet. Sie verliebt sich in den gutaussehenden Fischersohn, und gegen alle Widerstände heiratet das Paar. Wie in den meisten ihrer Bücher widmet sich die Autorin auch hier der Schilderung einer starken Frau mit einer außergewöhnlichen Lebensgeschichte. Für jeden ihrer Romane nähert sich Gruber in intensiven Gesprächen dem Schicksal ihrer Hauptdarsteller, so auch jetzt bei ihrem jüngsten Roman mitten im Chiemsee.

Und einmal mehr geht es um eine wahre Lebensgeschichte, erstmals jedoch nicht von Bäuerinnen, Hebammen oder Großmüttern, sondern von einer Fischerin. Die Idee entstand während eines Besuchs zusammen mit ihrem Mann auf der Fraueninsel bei einem gemütlichen Mittagessen im Gartenlokal eines der Chiemsee-Fischer. Die geräucherte Renke mundete, der Kartoffelsalat dazu schmeckte, das Wetter passte. „Das inspirierte mich, ein Buch über eine Fischerin zu schreiben“, schreibt Gruber im Vorwort.

Sie habe Holmer Lex getroffen, zu der Zeit 95 Jahre alt, und dessen gleichaltrige Ehefrau Erika. „Das war ein Sechser im Lotto, denn beide waren nicht nur geistig völlig rege, sie waren auch erzählbereit!“ Gruber quartierte sich für einige Tage im Kloster Frauenwörth ein, besuchte täglich Familie Lex und machte eifrig Notizen. Am Ende waren es Hunderte von Seiten. Zurück in Reit im Winkl legte die Autorin dann gleich los, ganz nach ihrem Motto „ein Tag ohne Schreiben ist ein verlorener Tag“.

Spannend, nachdenklich
und überraschend

Was herauskam, ist ebenso spannend wie nachdenklich und überraschend. Es geht um Erika Wüster, die am 12. August 1929 in Gera in Thüringen zur Welt kam, als erstes Kind eines Generalkonsuls. Dem Beruf des Vaters geschuldet, kam die kleine Erika viel herum. Die Familie lebte in München, Berlin, Wien, Paris, Rom, Neapel, Breslau und Olching. Der Zweite Weltkrieg wirbelte alles durcheinander.

„Die Rote Armee näherte sich unaufhaltsam Breslau. Daher hieß es am 20. Januar 1945 ganz plötzlich: Frauen und Kinder müssen weg“, ist zu lesen. Nach über drei Wochen sei man mehr tot als lebendig bei der Großmutter in Olching angekommen. Vom Vater habe man monatelang nichts gehört. Aber er tauchte wieder auf, seine Diplomatenlaufbahn war schlagartig beendet.

Die Familie war mittlerweile auf sechs Köpfe angewachsen, der Krieg beendet und Erikas Oma erinnerte sich, dass sie Beziehungen zur Fraueninsel im Chiemsee hatte, wo sie als junges Mädchen Weben erlernt hatte und den Kontakt zu den Schwestern nie abreißen ließ. Adelgundis sei die Lieblingsschwester gewesen und die treibende Kraft für eine Bleibe der sechsköpfigen Familie.

Wörtlich heißt es: „Die Schwester legte beim Bürgermeister der Insel ein gutes Wort für uns ein. Auch er empfahl uns beim Amt, das für die Unterbringung von Flüchtlingen zuständig war. Da alles seinen behördlichen Gang nahm, bekamen wir endlich Ende Februar 1946 den Bescheid, dass man auf Frauenchiemsee eine Unterkunft für uns gefunden habe.“

Auf über 30 Seiten schildert Erika die ersten Nachkriegsjahre von ihr und ihrer Familie und überschreibt das vierte Kapitel mit: „Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln geh’n.“ Es geht jetzt um ihre große Liebe und wie sie mit ihrem Holmer zusammenkam. Genannt hatte sie ihn immer schon „Holmi“, und der fragte sie eines Tages: „Magst morgen mit mir segeln geh’n?“ Und Erika wird zitiert: „Vermutlich war ich rot angelaufen wie eine Tomate und hauchte nur: ‚Aber gern, das wird mir ein Vergnügen.‘“ Sie war damals 19 Jahre alt.

Und Erika schildert die vielen schönen Stunden mit ihrem „Holmi“, unter anderem einen Besuch auf der Krautinsel: „Wir fanden ein Fleckchen Gras, er breitete seine Decke darauf aus und wir ließen uns nieder. Es war wunderbar, endlich hatten wir mal Zeit für Zärtlichkeiten.“ Und auch der Winter hatte seine schönen Seiten. „Im Januar 1950 gönnten wir uns ein außergewöhnliches Vergnügen. Es hatte prächtig geschneit, sodass der kleine Hügel auf der Insel zum Rodeln einlud. Nicht nur die Kinder tummelten sich dort, auch so mancher junge Erwachsene. Also mischten wir uns direkt unters Volk und niemandem fiel auf, dass wir ein Liebespaar waren.“

Ein Jawort für
das Fischerleben

Der Heiratsantrag kam eines Sonntags. „Holmi“ fragte: „Kannst du dir vorstellen, deinen Beruf als Schneidermeisterin im Atelier aufzugeben und mit mir hinauszufahren zum Fischen, kannst du dir vorstellen, Fische auszunehmen, zu filetieren und zu räuchern?“ Erika, verliebt über beide Ohren, sagte laut und deutlich: „Ja!“ Und weiter: „Dann drückte er mir einen innigen Kuss auf die Lippen, stecke mir einen Ring mit einem winzigen Brillanten an den Finger und sagte: ‚Jetzt sind wir verlobt.‘“ Monate später läuteten die Hochzeitsglocken, da war sie in ihr neues Leben längst eingetaucht und beim Netzelegen und -einholen immer dabei.

Im September 1956 wurde Erika erstmals Mutter. „Holmi“ hatte sie nach Rosenheim in die Klinik gebracht, gegen 18 Uhr kam dann der für ihn erlösende Anruf: „Ein kleiner Fischer ist angekommen, 3.600 Gramm schwer und 52 Zentimeter lang!“ Neun Tage später durfte der Vater Frau und Kind abholen. Sie nannten ihn Thomas. Nach zwei Jahren folgte das gleiche Prozedere: Jetzt kam… Tochter Bärbel zur Welt. Der Betrieb lief, Familie Lex hatte auch Ferienwohnungen zu vermieten und viele Sommergäste zu bedienen.

Weitere spannende Kapitel folgen. Der Leser erfährt von Hoch- und Niedrigwasser, von dramatischen, ja lebensbedrohenden Fischereinsätzen, von persönlichen Schicksalsschlägen, von Hubschraubereinsätzen, von schweren Krankheiten, von Feuerwehreinsätzen, von Bauten und vor allem vom Einstieg der Söhne in die Fischwirtschaft.

Die nächste Generation
übernimmt

Immer wieder erwähnt wird Thomas, nicht nur als tüchtiger Fischer. So heißt es unter anderem: „Mit Freunden machte er Bergtouren, er segelte, ruderte, nahm an mancher Regatta teil und brachte Pokale nach Hause. Samstags ging er gerne zum Tanzen nach Prien, Seebruck oder in eines der anderen Dörfer rund um den See. Da das Familienauto ständig in Gstadt geparkt war, konnte er es jederzeit für Ausflüge nach Rosenheim oder Traunstein nutzen.“ Mit 30 Jahren heiratete er seine Sylvia aus Prien, die ihm die Zwillinge Florian und Tassilo schenkte. Florian wurde Fischer, Tassilo studierte Elektrotechnik und Bauingenieurwesen und kam erst auf Umwegen in den Fischereibetrieb. Im Oktober 2009 entstand die Holzhütte direkt am Rundweg. Thomas hatte die Idee, und sie ist heute noch die Einnahmequelle der Familie Lex.

Abschließend gibt es Dankesworte. Die Fischerin vom Chiemsee wird von Roswitha Gruber wie folgt zitiert: „Ich bin dem Herrgott unendlich dankbar! Für unsere prächtigen Kinder, die netten Enkel und die süßen Urenkel. Unsere Zwillingsenkel haben uns fast gleichzeitig zu Uroma und Uropa gemacht. Tassilo hat eine Tochter namens Romy und Florian einen Sohn namens Maxi. Für uns ist es ein wunderbares Gefühl, zu sehen, dass schon eine nächste Fischergeneration heranwächst. Die selige Irmengard und den heiligen Petrus bitte ich, dass sie weiterhin ihre Hand schützend über unsere Insel halten.“

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