Töging – Eigentlich wollten die drei Angler des Bezirksfischereivereins Mühldorf-Altötting am Samstagmorgen eine Regenbogenforelle fangen, eine Äsche oder eine Barbe. Das sind die häufigsten Fische im Unterlauf des Innkanals. Was die Angler dann am nördlichen Kanalufer aus dem Wasser zogen, verdarb ihnen die Freude an einem gemütlichen Ansitz jedoch gründlich. Der Fluss war voller Toilettentücher. „Es war wie ein Schwall“, sagt einer der drei Fischer, „und er kam von einer Minute auf die andere.“ Kurz vor 8 Uhr morgens war der untere Innkanal in Töging voll mit dem Toilettenabwasser. Allem Anschein nach kam er aus einer Kläranlage. Die drei Fischer verständigten um 8.45 Uhr telefonisch einen Fischereiaufseher. Weil dieser wegen der mündlichen Schilderungen für möglich hielt, dass Unregelmäßigkeiten in der Töginger Kläranlage ursächlich für den Unrat im Innkanal waren, verständigte er fernmündlich Tögings Bürgermeister Dr. Tobias Windhorst. Dieser veranlasste, dass sich der Leiter der Kläranlage, Christian Hutterer, die Sachlage vor Ort anschaute und die Fischer kontaktierte. „Ein Problem in der Töginger Kläranlage scheidet als Ursache aus, denn sie arbeitete zum Zeitpunkt der Entdeckung des Unrats ohne jegliche Störungen oder sonstige Auffälligkeiten“, sagte Hutterer. Die Stadt werde das Wasserwirtschaftsamt Traunstein von dem von den Fischern beobachteten Unrat in Kenntnis setzen. „Dieses wird dann gegebenenfalls weitere Schritte einleiten“, so Hutterer weiter. Den drei Fischern zufolge schwamm das Toilettenpapier in den ersten Minuten auch an der Oberfläche des Innkanals. Der Appetit auf Kanalfische verging ihnen ziemlich schnell. Sie angelten aber weiter, um den ökologischen Zwischenfall einigermaßen zuverlässig zu dokumentieren. Gut eine Stunde lang habe sich ständig Toilettenpapier in ihren dünnen Schnüren verfangen, berichteten sie. Proben von Tüchern konservierte der Fischereiaufseher später in einer Plastiktüte. Es handelte sich dem Augenschein nach um Vliesmaterial, das sich nicht zersetzt, also um rechteckige Papierfetzen, wie desinfizierende Hygienetücher, Babytücher oder feuchtes Toilettenpapier. Werden solche Produkte in der Toilette hinuntergespült, belasten sie das Abwassersystem. Sie müssten im Hausmüll entsorgt werden. Erst nach einer Stunde ließ die Toilettenpapier-Flut langsam nach. Man habe nur einen winzigen Bruchteil erwischt, sagte einer der Innkanal-Angler, „das Zeug ist unter der Wasseroberfläche wahrscheinlich mindestens zentnerweise vorbeigetrieben und in den Inn gespült worden. Und ich will nicht wissen, was noch alles daherkam, wenn es aus einer Kläranlage stammte.“ Die Töginger Kläranlage ist nicht die einzige potenzielle Quelle von Unrat. Auch aus einem Betrieb im Industrieviertel sowie von einer Firma südlich des Inns sind Zuflüsse an den unteren Innkanal angeschlossen, die aus betriebseigenen Abwasser-Kläranlagen kommen. Der Gewässerökologe Dr. Manfred Holzner, Vorsitzender des Bezirksfischereivereins, sprach von einer „erheblichen Gefährdung des Ökosystems im Innkanal und vor allem im Inn gerade in dieser Jahreszeit“. Durch die derzeit geringen Abflüsse sedimentiere das Material an sehr tiefen Stellen und verbrauche dort den Sauerstoff. Gerade diese tiefen Bereiche seien für die Fische als Winterlager lebensnotwendig. „Wenn das Ganze bei Hochwasser stattfindet, ist das vielleicht unappetitlich. Jetzt aber kann das böse Konsequenzen haben.“ Ein solcher Vorfall im Unterwasserkanal sei ihm schon einmal gemeldet worden. Jedoch sei dieser mangels technischer Möglichkeiten nicht dokumentiert worden. Dr. Holzner lobte die drei Innkanalangler für ihre schnelle Intervention und rief seine Vereinsmitglieder auf, die Augen offen zu halten und Zwischenfälle zu melden.