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Vier Kirchen, ein Jubiläum

von Redaktion

Wasserburg – Reformation ist kein einmaliges Ereignis, sondern ein ständiger persönlicher Prozess des Nachdenkens. Dieser Grundgedanke zum Jubiläum „500 Jahre Thesenanschlag Martin Luthers“ beherrschte beim Gemeindenfest der evangelischen (Frei-)Kirchen am Reformationstag nicht nur die Dialogpredigt in der evangelischen Christuskirche zwischen Pfarrerin Cordula Zellfelder und Pastor Frederik Woysch. Wasserburg – Baptisten, Mennoniten, Adventisten und die Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde schafften es, gemeinsam einen Tag im Glauben zu gestalten, der sowohl Gemeinsamkeiten und Unterschiede wertfrei in den Raum stellte als auch in Predigt, Vortrag und Workshops viel Zeit zum gegenseitigen Austausch und zur Diskussion bot. Musikalisch gestalteten Vertreter der drei Freikirchen zusätzlich den Gottesdienst, die Gruppe Cover Clan spielte über Mittag im Zelt auf. Was haben die einzelnen Kirchengemeinden gemeinsam? Dieser Frage gingen Cordula Zellfelder und Frederik Woysch zu Beginn ihrer Dialogpredigt nach. Sie stellten dabei heraus, dass die Schrift, also das Wort Gottes in der Bibel, als einzige Autorität quasi Fundament des Glaubens, eine zentrale Bedeutung habe. Das Feiern von Gottesdiensten in deutscher Sprache diene seit 500 Jahren dazu, dass man das Wort Gottes nicht nur hören, sondern auch verstehen können solle. Die vier Grundprinzipien ‚Sola scriptura’, ‚Sola Christus’, ‚Sola gratia’ und ‚Sola fide’, also allein die Schrift, Christus, die Gnade und der Glaube bestimmten das Leben evangelischer Christen. Keiner anderen Autorität als der Bibel sei man verpflichtet, auch stünde kein Amt, kein Mensch, keine Institution zwischen dem Einzelnen und Gott. „Unser Heil sei nicht unser eigener Verdienst, sondern Gottes Geschenk an uns, der vertrauende Glaube, nicht unsere Taten, machen uns letztlich vor Gott gerecht“, so Cordula Zellfelder und Woysch. Wie nun die einzelnen ‚Solae’ gewichtet würden, unterscheide aber die einzelnen Kirchen, stellten beide fest. Wie man durch die Taufe Mitglied der Gemeinde werde und die Teilhabe, also die Frage des Gottesdienstbesuches, würden zum Beispiel unterschiedlich gesehen. Während die Freikirchen den Glauben, aus dem alles erwachse, an die erste Stelle setzten, zu dem man sich in der Taufe dann selbst bekenne, sehe nach Zellfelder die evangelisch-lutherische Kirche die Gnade an der ersten Stelle, aus der dann der Glauben erst wachse. Denn für das eigene Heil müsse und könne man zunächst ja gar nichts tun, da Gott von Anbeginn zu uns ‚Ja!’ gesagt habe. Biblische Begründungen für die Kindertaufe seien aber dünn gesät. Nach Ansicht der Freikirchen sei Luther auf Grund seines alten Gottesbildes, wohl auch der damaligen Zeit geschuldet, hier einen Tick zu weit gegangen, meinte Woysch. Weiterhin gewichten die Freikirchen die aktive Teilnahme am Gemeindeleben und die Gemeinschaft im Gottesdienst anders. Hierbei rangiere der Glaube auch wiederum vor der Gnade. Ein sporadisches Erscheinen im Gottesdienst und das Bekenntnis zum evangelischen Christentum allein auf Grund der einmal empfangenen Gnade reichten hier nicht aus. Dass das Verhältnis der Kirchengemeinden von gegenseitigem Respekt geprägt ist, wurde an diesem Tag besonders deutlich. Fairness im Umgang und der Blick über den eigenen Tellerrand sollten für die Zukunft über das 500. Jubiläum hinaus wirken. Ein Einzelner könne nicht die Welt retten aber im Kleinen schon wirken, wurde abschließend festgestellt, Reformation sei schließlich ein ständiger persönlicher Prozess des Nachdenkens. Hierzu bekamen die Besucher des Referates von Dr. Johannes Hartlapp ‚Entwicklung und Entstehung der evangelischen (Frei-)Kirchen’ nach dem gemeinsamen Mittagessen genügend Gelegenheit. Dass der Christenmensch gleichzeitig ‚freier Herr und niemands Untertan’ durch Jesus Christus sei, dadurch aber auch ‚dienstbarer Knecht für jedermann’ sei schwierig zu verstehen, erklärte Hartlapp. Anschaulich zeichnete er an Hand der Lebens-und Glaubensgeschichte Luthers und der sich daraus ergebenden historischen Konsequenzen ein Bild, das den Reformator fassbarer machte. Auch die Frage, woher Luther seinen Mut genommen habe, die Freiheit der Gewissensentscheidung so entschieden zu fordern, wenn er auch letztlich seine Idealziele nicht erreichen konnte, wurde gestellt und erklärt, wie in den politischen und kirchlichen Spannungsfeldern nach Luthers Tod sich schließlich die verschiedenen Ausrichtungen seiner Lehre entwickeln konnten, wie wir sie heute kennen. Um diese Ausrichtungen näher kennenzulernen, boten zum Abschluss des Tages vier Workshops Gelegenheit, in denen sich die einzelnen Kirchen eigens präsentierten und ihre Arbeit und Präferenzen vorstellten.

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