Mangfalltal

Suppe und Kantate

von Redaktion

Kolbermoor – Vor 500 Jahren schlug Martin Luther seine 95 Thesen an die Kirchentür zu Wittenberg – diese Geburtsstunde der Reformation wurde in aller Welt gefeiert. In Kolbermoor ging man anlässlich des Festtages einen zukunftsweisenden Weg und lud Christen aller Konfessionen zum großen „Kantatengottesdienst“ in die Kreuzkirche. Kolbermoor – Ein solcher Gottesdienst, in den als zentraler Teil eine der berühmten Kantaten von Johann Sebastian Bach eingebettet ist und dessen Lieder und Texte eng mit dem Musikwerk verbunden sind, war schon zu Lebzeiten des großen Komponisten im 17. und 18. Jahrhundert in der evangelischen Kirche üblich. Die Verantwortlichen der evangelischen Kirchengemeinde wussten mit diesem Anliegen den Kirchenmusiker der katholischen Schwestergemeinden in Kolbermoor, Gerhard Franke, gemeinsam mit den beiden katholischen Kirchenchören sowie dem Jugendchor zu begeistern, die sich schnell bereit erklärten, ein solches Werk einzustudieren. Die Wahl fiel dabei auf die Kantate „Was Gott tut, das ist wohlgetan“, Bachwerkeverzeichnis Nr. 99, die mit ihren tröstlichen Botschaften besonders gut zum Anlass des Tages passte. In der prall gefüllten Kirche waren nicht nur evangelische, sondern auch viele katholische Christen zusammengekommen. Auch die Liturgin, Pfarrerin Dr. Judith Böttcher, freute sich in ihrer Begrüßung über das „wunderbare Zeichen, dass wir heute nicht als Evangelische, sondern als Christenmenschen versammelt sind.“ Die Musik insbesondere Johann Sebastian Bachs, der über die Jahrhunderte zu einem ökumenischen Komponisten geworden war, stellte sie als Zeichen der Einheit über den gesamten Gottesdienst. Bei aller gemeinsamen Freude, so Böttcher, wolle man die Schuld beider Kirchen und die Trauer über die nun 500-jährige Spaltung beider Kirchen nicht vergessen. Nach den Kyrierufen, der Evangelienlesung und dem Glaubenslied der Gemeinde folgte dann die Aufführung der sechsteiligen Kantate durch Chor, Orchester und Solisten, die vor dem Altar Aufstellung genommen hatten. Den Anfang bildete ein groß angelegter Eingangschor zu den Worten der ersten Strophe des namensgebenden Kirchenchorals „Was Gott tut, das ist wohlgetan; es bleibt gerecht sein Wille“. Die Grundmelodie lag als cantus firmus im Sopran, den die anderen Stimmen umspielten. Als Vor- und Nachspiel sowie zwischen den Versen erklang die Orchestermelodie nach Art eines Concerto, an dem manchmal alle Instrumente und manchmal nur Flöte und Oboe beteiligt waren. Auch in den weiteren Teilen der Kantate war der Liedtext des Chorals verarbeitet, jedoch immer mit unterschiedlichen Melodien verbunden. Im secco-Rezitativ „Sein Wort der Wahrheit stehet fest“ des Basssolisten fiel insbesondere die lange Koloratur auf dem Schlusswort auf; Martin Kreidt meisterte diesen Part gewohnt souverän. Überzeugend war auch Virgil Hartinger, mit der komplizierten Tenorarie „Erschüttre dich nur nicht, du verzagte Seele“. Mit seiner ausdrucksstarken Stimme gelang es ihm besonders gut, den Kirchenraum auszufüllen und die Verbindung von Text und Melodie zu verdeutlichen. Lebhaft und gewollt erschüttert begleitete ihn Alice Guinet mit der Querflöte gewissermaßen in der Rolle der „verzagten Seele“. Ein zum vorhergegangenen sehr ähnliches Rezitativ, diesmal in der Altstimme, leitete dann über zum Duett „Wenn des Kreuzes Bitterkeiten“. Sopranistin Dagmar Gareis und Yvonne Douthat mit ihrer Altstimme ergänzten sich hierbei ganz hervorragend, und auch die Querflöte erhielt durch die Oboe, meisterlich beherrscht von Josef Blank, einen würdigen Duettpartner in der Begleitung. Erhaben schloss der schlichte Choralsatz über die letzte Strophe „Was Gott tut, das ist wohlgetan; dabei will ich verbleiben“ die Kantate ab. Die Eindrücke der wunderbaren Musik nahm Pfarrerin Böttcher dann sogleich in ihrer Predigt zum Anlass, den Hintergrund der Kantate näher zu beleuchten. Insbesondere die Geschichte des Textes, geschrieben vom Jenaer Magister Samuel Rodigast als Trost und Zuversicht für dessen sterbenden Freund Severus Gastorius, interpretierte Böttcher als Markstein der österlichen Zuversicht, die als verbindendes Element aller christlichen Kirchen feststehe. Besonders in sinnlosen Zeiten könnten die Worte und Töne der Kantate für alle Freunde in Christus Hoffnung geben, so die Pfarrerin abschließend. Nach dem von der Gemeinde kräftig gesungenen Lied „Nun danket alle Gott“ und dem gemeinsamen Vater Unser endete der Gottesdienst mit dem Segen. Alle waren im Anschluss noch ins Gemeindehaus eingeladen, um bei einem Teller „Luthersuppe“, die von zahlreichen Freiwilligen zubereitet worden war, den Festtag in gemeinsamer Runde ausklingen zu lassen.

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