chiemgau

„Ein großartiger Mensch“

von Redaktion

Unterwössen – Die Pfarrgemeinde beerdigte am Samstag Monsignore Franz Niegel auf dem Kirchenfriedhof. Vor 19 Jahren war der ehemalige Unterwössner Pfarrer, der „Volksmusikpfarrer“, aus seinem Amt geschieden. Jetzt bewiesen die Reden, der Gottesdienst und ein Kirchenzug, wie viel Zuneigung, Anerkennung und Respekt dem ehemaligen Pfarrer bis zuletzt zukam. Den Trauergottesdienst im Alten Bad – die Kirche St. Martin wird noch umgebaut – feierte Prälat Josef Obermaier mit dem Traunsteiner Dekan Georg Lindl und dem Leiter des Pfarrverbandes Pfarrer Martin Straßer. Mit in die Liturgie am Altar eingebunden war zudem Pfarrer Klaus Wernberger, Niegels langjähriger Nachfolger in Unterwössen, Ruhestandspfarrer Hans Krämmer und Kaplan Adrian Zessin. Am Ambo neben dem mit Kelch und Stola geschmückten Sarg erinnerte Prälat Obermaier an das Wirken von Monsignore Franz Niegel, an elf Jahre als Kaplan in der Region und 32 als Pfarrer in Unter- und Oberwössen. Obermaier hob den offenen Umgang Niegels mit seinen Mitmenschen und besonders seine Jugendarbeit hervor – „ein großartiger Mann mit Ecken und Kanten“, so der Prälat. Obermaier dankte Ursula Vollmuth. Die ehemalige Pfarrsekretärin hatte Niegel bis zuletzt in seinem Altersruhesitz in Marquartstein betreut. Niegel, so der Prälat, besaß die Fähigkeit, auf die Menschen zuzugehen, ihr Vertrauen zu gewinnen und sie anzuleiten. Dabei habe Niegel seine Mitmenschen „schon herausgefordert, nicht mit Samthandschuhen angepackt“. Niegels Leidenschaft für Musik und Berge habe ihm den Zugang zu den Mitmenschen und der Jugend im Musizieren und im Sport, auf Bergtouren und beim Skifahren erleichtert. Trotzdem gelte: „Nur wer selbst von einer Sache begeistert ist, kann andere dazu begeistern.“ Hermann Minisini und Sepp Brandstetter übernahmen die Lesungen. Niegel hätte die viele Volksmusik rund um den Gottesdienst sicherlich gefallen. Alle, die mitwirkten, waren auf die ein oder andere Art seit ihrer Jugend mit Niegel verbunden. Da war der Kirchenchor mit dem Kirchenorchester unter Leitung von Jochen Langer, die Orgel spielte Wolfgang Kurfer. Die Wössner Weisenbläser und das Wössner Erntedank Ensemble gehen auf Franz Niegel zurück. Im Anschluss an die Kommunion und den Gottesdienst würdigten Redner den Verstorbenen. Pfarrer Martin Straßer sah in Niegel einen Seelsorger, der die Herzen gewinnt, einen Menschenfischer im besten Sinn. Für Kinder und Jugendliche sei die Pfarrei des Musikers und Sportlers Niegel ein zweites Zuhause gewesen. Der heutige Pfarrer würdigte die Bauprojekte in Niegels Zeit, die Förderung der Musikanten, die Großveranstaltungen in der Region mit Pfarrer Niegel und seinen Musikfreunden. Die Pfarrgemeinde habe von Niegels Netzwerk, die bis hin zum emeritierten Papst Benedikt XVI. reichte, profitiert. Straßer schloss: „Die Pfarrei sagt Danke für ein außergewöhnliches, segensreiches Leben.“ Bürgermeister Ludwig Entfellner hob Niegels Verdienste um den Ort Unterwössen hervor, sah 32 Jahre Arbeit für den Ort. Obwohl Ehrenbürger der Gemeinde, päpstlicher Rat und Monsignore habe er immer auf Augenhöhe zu seinen Mitmenschen gelebt. „Sagt Pfarrer zu mir“, sei sein ständiger Spruch gewesen, wenn Mitbürger sich in seiner Titelvielfalt verhedderten. Das Feuer der Begeisterung war dem ehemaligen Leiter der Volksmusikabteilung des Bayerischen Rundfunks anzumerken, als er, Fritz Mayr, Niegels Verdienste um die Musik würdigte. „Niegel trug Musik in die Herzen“, fand Mayr. Er erinnerte an die Musikschulgründung. Die Musik habe den Unterwössnern Kontakte bis nach Rom gebracht. „Franz Niegel war ein wunderbarer Mensch“, ist Mayr sichtlich überzeugt, „er hat für die Kultur und die Volksmusik unheimlich viel getan.“ Niegel habe Volksmusik wiederbelebt, sie selbst gelebt und spannend gemacht. Damals habe es nur sakrale Musik, keine Volksmusik in den bayerischen Kirchen gegeben. Dass heute die Volksmusik in den Kirchen untrennbar mit bayerischer Religion und Kultur verbunden sei, sei allein Niegel mit seinen Musikfreunden zu danken. Ein langer Zug führte zum Kirchenfriedhof St. Martin. Seine letzt Ruhestätte fand Monsignore Franz Niegel in einem neuen Priestergrab auf der Grünfläche vor dem Leichenhaus in unmittelbarer Nachbarschaft zur Pfarrkirche St. Martin. Aus seiner Heimat und Wirkungsstätte Berchtesgaden legte eine Fahnenabordnung der Weihnachtsschützen Schönau einen Kranz nieder. 1950 war Niegel dem Verein beigetreten. Sichtlich bewegt war auch Otto Dufter, der Trachtenvorstand der Unterwössner „D’Achentaler“, mit dessen Fahnenabordnung. Sowohl als Mitglied als auch als Ortspfarrer habe Ehrenmitglied Franz Niegel den Verein in Religion und Brauchtum geprägt. Niegel habe die beiden Vereinsfahnen geweiht, das Klöpfeln der Kinder wiederbelebt. Zum letzten Gruß senkte eine ganze Reihe von Abordnungen ihre Fahnen über das Grab. Auch am Grab gab es viel Musik. Die Musikkapelle spielte „Alte Kameraden“ und als die Walchschmiedsänger den Andachtsjodeler anstimmten, fiel die Trauergemeinde ein. Nach drei Stunden und dem Gewehr- und Kanonensalut der Gebirgsschützen endete eine Trauerfeier, an die sich Unterwössen lang erinnern wird. lfl

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