Kolbermoor – Wie lebt es sich als Gehörloser? Mit diesem Thema beschäftigte sich jüngst die Kolbermoorer Aktionsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen („afa“). Ein Gehörloser schilderte dabei sein Leben und gab Einblick in seinen Alltag. „Zwischen tauben Menschen besteht von vorn herein eine besondere Verbindung. In Gebärden gibt es kein Siezen. Und auch der Nachname ist nicht von Bedeutung. Es ist einfach alles viel persönlicher, aufmerksamer, anschaulicher“, so Andreas Merkle, Vorsitzender des Hörgeschädigtenvereins Rosenheim, im Rahmen der Afa-Veranstaltung im evangelischen Gemeindehaus Kolbermoor. Begleitet wurde er von Marie-Therese Gartner, einer Gebärdendolmetscherin und einigen Vereinsmitgliedern. Das Thema der Veranstaltung hieß „Wie lebt es sich als Gehörloser?“ und das Interesse war groß. Alle Besucher im Gemeindehaus waren fasziniert von der Achtsamkeit und Energie, welche sich von Anfang an zwischen Andreas Merkle und Marie-Therese Gartner entwickelte. Eingangs schilderte Merkle kurz seinen Lebensweg. Ungemein schwierig sei es für ihn gewesen, als gehörlos Geborener aufzuwachsen. „Der Besuch eines Regelkindergartens war unmöglich. So musste ich nach München ins Internat, in einen Gehörlosen-Kindergarten und danach in die Gehörlosen-Schule.“ Zwischenzeitlich arbeitet Merkle als Drucker im Druckzentrum des OVB-Medienhauses (Aisingerwies), fährt dort auch Gabelstapler und hat einen Führerschein. „Gehörlose können gut in Betrieben arbeiten, die Kollegen müssen nur langsam und deutlich sprechen, weil wir 40 Prozent eines Gespräches, über die Lippen ablesen können“, erläuterte er. Merkle beschrieb zudem die vielen Unterschiede innerhalb der Stufen von Schwerhörigkeit bis zu gänzlicher Taubheit. Er verwies auf das nicht korrekte Wort „taubstumm“: Das Wort sei komplett falsch. „Kein Mensch, der taub ist, ist automatisch stumm.“ Taube Menschen hätten die gleichen Sprachorgane wie Hörende. Taube Menschen kommunizierten nur auf anderen Wegen, die der Gebärdensprache, der Mimik und dem Fingeralphabet. „Die Gebärdensprache ist meine Muttersprache“, so Merkle. „Wir Gehörlose sind Augenmenschen, wir nehmen die Welt intensiv visuell wahr und begreifen sehr schnell über unsere Augen.“ Der Redner sprach auch über seinen Alltag, über tägliche Probleme, so auch im Rosenheimer Bahnhof, „wo beispielsweise Durchsagen nur über den Lautsprecher erfolgen oder Behörden, Polizei oder Firmen nur über Klingeln und Sprechanlagen Eintritt gewähren“. Da müsse er sich schon manchmal schlimmes Unverständnis gefallen lassen. Ein weiteres großes Problem für Gehörlose sei das Ausgegrenzt-Sein von kulturellen und politischen Veranstaltungen. Und nicht nur in der Bildung, auch in den Medien gäbe es noch immer große Defizite. Obligatorische Untertitel für Gehörlose seien noch immer nicht der Normalfall. „Im Gegensatz zu den USA hängen wir in Deutschland sehr weit zurück“, bedauerte Merkle. Während des ganzen Abends übersetzte Marie-Therese Gartner unglaublich schnell und mit famoser Achtsamkeit. Sie beschrieb ihre Ausbildung zur Gebärdendolmetscherin mit „vier Jahre Hochschulstudium“. Leider gäbe es viel zu wenige Dolmetscher, weshalb oft von wochenlangen Wartezeiten auszugehen sei. Dies sei gerade bei wichtigen Behördengängen oder Arztbesuchen für Gehörlose ein riesen Problem. Der spannende Informationsabend schloss mit dem Winken beider Hände, dem Applaus, der unter Gehörlosen üblich ist. Alle Anwesenden schlossen sich dem gerne an.