Mühldorf – Sie führten Interviews, schnitten Filme, wählten Bilder aus: Schüler des Ruperti-Gymnasiums und der Mittelschule Mühldorf schrieben eine Woche lang gemeinsam an den nächsten Kapiteln der „Grenzgeschichten“ – einem Bildungsprojekt der Stiftung Zuhören in Kooperation mit dem Jungen Landestheater Bayern. 4193 Kilometer liegen zwischen der Meisallon-Grundschule und der Mittelschule. 4193 Kilometer, die Mohamad auf seiner Flucht aus Syrien zurückgelegt hat – in vier Wochen und 19 Tagen. Seit sechs Monaten geht Mohamad nun mit Aaron und Nils in eine Klasse. Die Geschichte ihrer Begegnung erzählen die drei Schüler in einem Videoclip, der im Rahmen des Bildungsprojekts „Grenzgeschichten“ entstanden ist. Auch in den anderen „Grenzgeschichten“ geht es um Flucht und Vertreibung, um Grenzerfahrungen, um das Aufeinandertreffen fremder Kulturen. Das Besondere: Schüler der Mittelschule und des Ruperti-Gymnasiums haben sich eine Woche lang gemeinsam den Themen angenähert – mit Interviews, Videoclips, Collagen. Die Initiative für das Projekt, das die Stiftung Zuhören und die Bayerische Sparkassenstiftung finanzieren, ging vom Jungen Landestheater Bayern (JLTB) aus, das gerade das neue Theaterstück „Menschenerde – ein anderer kleiner Prinz“ auf dem Spielplan hat (siehe Infokasten). Die Hauptrolle spielt Haruna Munira, der 1997 in Ghana zur Welt kam. Mit neun Jahren schickte ihn seine Mutter ins Kinderheim, mit 13 begann seine abenteuerliche Flucht. Auch seine Geschichte erzählen die Mittelschüler und Gymnasiasten in einem Videointerview. Sie handelt von Hunger und Durst in der Wüste, von der Angst im Gefängnis im Tschad, von Sklavenarbeit im Steinbruch in Libyen. So gesehen grenzt es an ein Wunder, dass Haruna am Ende der Projektwoche in einem Mühldorfer Klassenzimmer sitzt und bei der Präsentation der Schüler schmunzelt, wenn sein Gesicht auf der Leinwand erscheint. Für ihn selbst ist es kein Wunder: „Ohne Gott hätte ich es nie geschafft.“ Deshalb stand für die Gruppe um Anna Phan, 13-jährige Gymnasiastin aus Ampfing, auch Harunas Religion im Mittelpunkt des Interesses. „Wir wollten mehr wissen als die trockenen Fakten, die wir bei Wikipedia über Religion und Rituale in Afrika nachlesen können“, sagt Phan. „Vor allem, was es mit dem Thema Voodoo und den Geistern auf sich hat, fand ich schon sehr spannend.“ Eineinhalb Stunden lang löcherten die Schüler Haruna mit Fragen, doch die eigentliche Arbeit wartete hinterher am PC. Begleitet von BR-Mediencoach Rupert Jaud lernten die Jugendlichen aus den achten Klassen jede Menge über digitale Schnitttechnik und die verschiedenen Präsentationsmöglichkeiten im Internet. Und wie lief die Zusammenarbeit der Schüler untereinander? „Es war eine sehr entspannte Atmosphäre“, sagt Phan. „Vor allem, weil wir sehr selbstständig und frei arbeiten konnten.“ Die Mittelschüler habe sie „angenehm locker“ erlebt – und „weniger verkrampft als manche Gymnasiasten“. Angelina Schäfer, Mittelschülerin aus Mühldorf, gibt das Lob zurück und sagt: „Es war interessant zu sehen, welch’ unterschiedliche Fragen wir uns zu dem gleichen Thema stellen. Und was für unterschiedliche Ideen wir hatten.“ Die Ergebnisse dieser Ideen sind im Internet unter www.grenzgeschichten.net zu sehen und werden darüber hinaus im Foyer des Jungen Landestheaters in Töging und bei den JLTB-Workshops in den Schulen präsentiert. „Darauf können die Schüler wirklich stolz sein“, sagt Mediencoach Jaud. „Weil wirklich viel Leidenschaft und Arbeit in den einzelnen Geschichten steckt.“ Dazu kommt, dass die Schüler auch ganz persönliche Erfahrungen mitgenommen haben. Angelina Schäfer glaubt, dass sie den Flüchtlingen an ihrer Schule künftig offener gegenübertritt: „Auch, weil wir uns gefragt haben, wie sich Deutschland anfühlt, wenn man als Fremder hierher kommt. Und was es heißt, wirklich Heimweh zu haben.“ Autor ha