Kolbermoor – Die Nachricht verbreitete sich gestern wie ein Lauffeuer durch Kolbermoor: Die Blutbuche am Hassler-Kreisel ist gefallen. Sie musste einem Wohn- und Geschäftshaus weichen, das im Frühjahr in Angriff genommen werden soll. Der Stadtrat hatte sich mehrheitlich für das Bauprojekt und damit für den Wegfall der Blutbuche ausgesprochen. In den Morgenstunden ging gestern der Fällbescheid für die Blutbuche am Hassler-Kreisel im Rathaus über den Tisch – wenig später war der mächtige Baum Geschichte. Gegen 8.30 Uhr rückte bereits das Fachunternehmen an und machte sich mit Motorsäge und schwerem Gerät daran zu schaffen – keine fünf Minuten später war die Buche auch schon gefallen. „Wir hatten bereits den Termin mit der Firma vereinbart und warteten nur noch auf die Fällgenehmigung, deshalb ging es dann auch so schnell“, erklärte Investor Maximilian Werndl von Werndl & Partner das zügige Vorgehen. Was jetzt schnell ging, hat eine lange Vorgeschichte: Viele Jahre waren von Seiten der Spinnerei-Investoren um die Familien Werndl Überlegungen angestellt worden, was auf der noch freien Fläche entlang der Brücken- und Hasslerstraße geschaffen werden könnte. Mal waren es Pläne für ein Hotel, mal für ein Geschäftshaus, immer im Blick die Blutbuche, wie sie integriert werden könnte – doch die zündende Idee blieb aus. Schließlich machte sich die Nachfolgegeneration um Werndl-Sohn Maximilian ans Werk, suchte zusammen mit Architekt Andreas Leupold (Büro lbgo, München), nach Bebauungsmöglichkeiten – doch die Integration der Blutbuche gestaltete sich schwierig. Dieses Jahr wagte Werndl & Partner schließlich den Vorstoß: mit Plänen für ein Wohn- und Geschäftshaus samt begrüntem Innenhof – dem allerdings der Baum weichen musste. Im Projektausschuss der Stadt Anfang des Jahres erstmals nichtöffentlich vorgestellt, durchliefen die Planungen in der Folge die Gremien: Bauausschuss und Stadtrat befassten sich ausgiebig damit, im Rahmen einer Bebauungsplanänderung konnten sich auch Behörden und die Öffentlichkeit zu Wort melden (wir berichteten). Für den Erhalt der Blutbuche machten sich im Sommer schließlich Bund Naturschutz und Grüne Liste stark, starteten eine Unterschriftenaktion – an der sich insgesamt 1113 Bürger beteiligten. Städtebau oder Blutbuche – über diese Frage hatte dann letztendlich der Stadtrat zu entscheiden, der sich, wenn auch knapp, mit einer Stimme Mehrheit für den Wegfall der Blutbuche aussprach. In jüngster Sitzung wurde nun die Bebauungsplanänderung für das Areal, die Grundlage für die Errichtung des geplanten Wohn- und Geschäftshauses ist, mit breiter Mehrheit des Stadtrates besiegelt. Gleichzeitig verpflichteten sich die Investoren, umfangreiche Ausgleichsmaßnahmen vorzunehmen, wie die Pflanzung von vier neuen Bäumen auf der Grünfläche des Spinnerei-Parkplatzes und Dachbegrünung auf dem geplanten Neubau. Überdies will Werndl & Partner, ebenfalls in Eigeninitiative, mit Mooswänden zur CO2-Reduzierung experimentieren – was ein Novum für Kolbermoor wäre. Die gefällte Blutbuche wurde gestern im Übrigen sogleich abtransportiert und gehäckselt – aus den Hackschnitzeln soll wiederum Strom produziert werden, wie Werndl im Gespräch mit unserer Zeitung ausführte. Den Gedanken, aus dem Baum eine Skulptur zu gestalten, habe man indes wieder verworfen – mangels Interesse, wie er erklärte. Doch wie alt war die Blutbuche nun? Das interessierte gestern auch Maximilian Werndl – und er machte sich ans Zählen der Baumringe. „Auf gut 80 bin ich gekommen“, verriet er, „allerdings ohne Gewähr.“ Der Baumbeauftragte der Stadt, Jürgen Halder, machte sich gestern ebenfalls ein Bild vor Ort. Er schätzt den Baum nach wie vor auf etwa 60 bis 70 Jahre – „nachgezählt habe ich allerdings nicht“, gesteht Halder. Bemerkenswert sei aber, dass der Baum mit seinen Wurzelanläufen relativ hoch über dem Gelände steht – was wohl an seinem ursprünglichen Umfeld gelegen haben mag, denkt Halder. „Früher stand der Baum mitten auf dem Minimal-Parkplatz und es war drumherum alles zugepflastert, weshalb er sich wohl nach oben geschoben hat“, so Halder. „Es ist eh ein Wunder, dass so ein empfindlicher Baum wie die Blutbuche das alles überstanden hat, auch das spätere Abtragen der Pflastersteine und das Aufschütten mit Humus.“ Die Ersatzpflanzungen für die gefällte Buche sollen nach den Worten von Maximilian Werndl nicht lange auf sich warten lassen: Noch in diesem Jahr sollen die vier neuen Bäume – zwei Buchen, ein Japanischer Schnurbaum und eine Silberlinde – auf den Grünflächen des Spinnerei-Parkplatzes gepflanzt werden. Startschuss für den Bau des neuen Wohn- und Geschäftshauses samt Ladenflächen, Büros, Boardinghouse-Appartements und kleineren Wohnungen soll dann im Frühjahr sein. „Wir sind jetzt mit der Werkplanung beschäftigt und wollen den Winter über ausschreiben. Im April oder Mai hoffen wir, loslegen zu können“, so Werndl. Für das gesamte Projekt rechnet er mit einer Bauzeit von etwa 20 Monaten.