Rosenheim/Mühldorf – Wer diese Geschichte gelesen hat, weiß es, wie wertvoll die Arbeit von Hospizhelfern ist. Sie dreht sich um einen todkranken Landwirt, auf einem Hof zwischen Obing und Chieming, den Franz Gineiger (80), der ihn betreut hat. Gineiger ist wohl weit und breit der Hospizbegleiter mit der außergewöhnlichsten Biografie: Bei Regensburg als zehntes von 15 Kindern zur Welt gekommen, erst katholischer Pfarrer in Bayern, dann Missionar in Südamerika, bis er in Brasilien die Liebe seines Lebens trifft – eine Krankenschwester aus Erding. Si heiraten, das Paar bekommt vier Kinder. Gineiger muss „umschulen“, er zieht mit der Familie nach Stein an der Traun, wird Religionslehrer, später Erzieher in einem Heim in Traunreut. Als Rentner lässt er sich zum Hospizbegleiter ausbilden, seit 15 Jahren arbeitet er im Chiemgau. Meistens kommt er mit dem Radl, auch den weiten Weg zu dem Einödhof „irgendwo in der Prärie“ legt er an einem Dienstag im Jahr 2013 strampelnd zurück. Dort er trifft sich mit einer Einsatzleiterin des Ambulanten Hospizdienstes der Caritas Traunstein. Für die OVB-Leser erzählt er die Geschichte noch einmal, nur die Namen sind geändert: „Bauer Manfred B., 57 Jahre, sitzt mit schlimmer Krebserkrankung im Rollstuhl. Er braucht auch in der Nacht Betreuung. Lena, seine Frau, die allein die Milchkühe versorgen muss, braucht ab und zu ein wenig die Nachtruhe. Wir vereinbaren, dass ich jede dritte Nacht übernehme. Das Paar hat keine Kinder. Um 22 Uhr übernehme ich die Betreuung, bekomme ein eigenes Bett. Am Fußende steht quer das Krankenbett. Die Frau hat ein anderes Zimmer, dort schläft auch der Hund. Um 6 Uhr früh kommt der Milchwagen, um 6.30 fängt sie mit dem Melken an, die Arbeit im Stall geht bis 8.30 Uhr. Um 10 Uhr kommt der Pflegedienst. Die Nacht ist ruhig, Manfred B. ist mit Medikamenten gut eingestellt. Um 4.30 rührt er sich. WC-Gang, Raucherpause in der Küche, wir unterhalten uns bis 6.30 Uhr. Dann will er sich hinlegen, ich verabschiede mich. Zwei Tage später unterhalten sich Manfred und ich bis 1 Uhr in der Küche über Gott und die Welt. Sein Zustand verschlechtert sich. Vormittags sagt der Arzt, es könne schnell gehen mit dem Sterben. Ich übernehme die nächste Nachtwache. So radle ich am Samstag gegen 15 Uhr zum dritten Nachtdienst, komme rechtzeitig, um mit Manfred im Beisein von Lena über seine Einstellung zum Sterben und die Beerdigung zu reden. Seine Schwester betet und schreibt auf, welches Foto aufs Sterbebild kommt und welcher Text. Welche Lieder gespielt werden. Und der Leichenschmaus? „Der Wirt hat mir kürzlich ein Kalb abgekauft, bei dem bestellt ihr das Essen“, sagt Manfred. Der evangelische Pfarrer wird kommen, er soll es „kurz“ machen. Zur Urnenbestattung wird die Blaskapelle spielen, Manfred zählt seine Vereine auf, die dabei sein sollen. Nach der Stallarbeit hat seine Frau Lena noch ein Anliegen: Mit dem Nachbarn gibt es eine mündliche Absprache. Sie wäre erleichtert, wenn ihr Mann etwas Schriftliches hinterlassen würde. Ich schreibe den Text, mit Mühe bringt Manfred eine leserliche Unterschrift zustande. Die Eheleute sind zufrieden. Lena bedankt sich und zieht sich zurück, „sonst kippe ich um“, sagt sie. Mit Manfred sitze ich noch lange in der Küche zum Rauchen und Ratschen. Es wird eine ruhige Nacht. Statt Kränzen wünscht er sich eine Spende für unseren Ambulanten Hospizdienst. Am nächsten Morgen frühstücken wir drei zusammen, der Pflegedienst kommt gegen 11 Uhr. Manfred ist schwach, raucht aber unbeirrt. Ich habe Lust auf eine Sympathiezigarette, die erste seit neun Jahren, begleite ihn dann ins Bett. Lena übernimmt die kommende Nacht selbst. In ihr stirbt Manfred friedlich. Für mich waren die drei Nächte ein Geschenk: Ich habe ein gutes Gefühl. Ich spüre, wie wichtig unsere Hilfe ist. Das Vertrauen der Menschen ist ein unschätzbares Geschenk – und es prägt mein eigenes Verhältnis zum Leben und zum Sterben.