Kultur

Das Spiel bewegt das ganze Dorf

von Redaktion

Schönau – Ein ungewöhnliches Hirtenstück wird alle zehn Jahre in Schönau (Gemeinde Tuntenhausen) aufgeführt: Das „Schönauer Krippenspiel“. Vor kurzem ist das 71 Jahre alte, von der Nachkriegszeit geprägte Stück mit dem Kultursonderpreis des Landkreises Rosenheim geehrt worden.

Das Licht geht an. Am oberen Ende der ausziehbaren, steilen Leiter steht Florian Bonnetsmüller über dem Geräteraum der Mehrzweckhalle. Bonnetsmüller geht an gestapelten Plastikschalen- und aufgetürmten Holzstühlen vorbei auf einen Durchgang in der Wand zu und klettert in die erhöhte, enge Kammer. Hier warten in neun von zehn Jahren die Requisiten für das „Schönauer Krippenspiel“ auf ihren Einsatz, für das die Theaterspieler des Orts kürzlich den Kultursonderpreis des Landkreises erhalten haben.

„Mit Spielfreude, Witz und Ernsthaftigkeit erreichen sie ihr Ziel, die Herzen der Zuschauer“, hieß es in der Begründung. Das Thema sei zeitlos aktuell. Für die Schauspieler selbst sind zwei Dinge anders als bei „normalen“ Stücken: der persönliche, lokale Bezug – und der Aufwand. 30 zum Teil singende Charaktere treten in den zweieinhalb Stunden auf, dazu kamen 2016 der etwa 30-köpfige Kirchenchor, fünf Musiker und ein Techniker. Daher auch die langen Abstände zwischen den aufwendigen Aufführungen.

Das Lager wirkt nüchtern für ein Spektakel, das das ganze Dorf bewegt. Trachtenvereins-Vorsitzender Bonnetsmüller, der bei der Aufführung im vergangenen Jahr die Gesamtleitung innehatte, beginnt die kurze Führung.

„Das ist die Krippe“ – , er zeigt auf ein grob gezimmertes Werkstück im Eck, „der Brunnen“ – ein grau bemalter Zylinder – „und da drin ist der Vorhang.“ Dessen Kiste steht auf dem zerlegten Bühnenbild. Es wurde Ende der 1980er-Jahre für die „erste Aufführung der Neuzeit“ angefertigt, sagt Bonnetsmüller, und 2016 neu übermalt. Die übrigen Requisiten und Kostüme kommen aus dem Fundus der „Theaterer“ oder von Dachböden.

Geschrieben hat das Stück der damalige Lehrer in Schönau, der geborene Glonner Wolfgang Koller. Bei der Premiere 1946 standen seine Schüler auf der Bühne. Für sie hatte er die Geschichte durchgängig in unkomplizierter Sprache, auf Bairisch und in Reimform geschrieben. „Das lernt sich schön“, findet Bonnetsmüller noch heute. Noch zugänglicher wurde das Stück, weil Koller für Ortsnamen auf Hofstellen und Dörfer in der Umgebung zurückgriff. Und schließlich verlegte er die Handlung in die Nachkriegszeit.

„In einer orientierungslosen Zeit hat das ein Licht am Ende des Tunnels gezeigt“, erklärt Bonnetsmüller. Was damals beschäftigte, taucht auf: Das Leben nach der Diktatur mit Inflation, Kinderlandverschickung, Flüchtlingen. In den Folgejahren wurde das untypische Krippenspiel auch in Glonn, München, Traunstein oder Schwäbisch Gmünd aufgeführt. In Schönau selbst jedoch für längere Zeit nicht, bis das Dorf um 1990 beschloss, das Stück neu aufzulegen. Bei ihren Inszenierungen – seit 1996 im Zehn-Jahres-Rhythmus – halten sich die Schönauer „extrem nah an das Original“, sagt Bonnetsmüller. Die Texte kommen von einem Verlag, der inzwischen die Rechte hält. Aktuelle Entwicklungen, etwa die vielen Flüchtlinge ab 2015, fließen nicht ein. „Wir haben das letztes Jahr diskutiert. Aber das Stück, wie es dasteht, sagt so viel aus“, begründet das der Trachtler-Vorstand. „Das ist so stark, dass sich jeder Gedanken machen kann. Die muss man nicht vorlegen.“

Einen „staaden“ Advent hatten die Schönauer im vergangenen Jahr nicht. Dafür etwas Besonderes. „Man merkt das Knistern in der stillen Halle. Die Stimmung springt über“, erinnert sich Bonnetsmüller. Mit den Oberammergauer Passionsspielen, die ebenfalls nur alle zehn Jahre stattfinden, will er das Krippenspiel zwar nicht vergleichen. „Aber es ist sich jeder der Verantwortung bewusst, das weiterzutragen.“

Von der „Originalbesetzung“ von 1946 spielt niemand mehr mit. 1996 saßen aber noch Schauspieler von damals im Publikum, 2016 noch eine Handvoll Zuschauer der Premiere. Seit der „Wiederentdeckung“ waren einige der Mimen immer wieder dabei, auch Bonnetsmüller – als Hirt.

Das Ensemble bestimmt Spielleiter Sepp Eder jedes Mal neu, eine Garantie dabei zu sein, gibt es nicht, genauso wenig wie Zweitbesetzungen. Mal sprang der Spielleiter als Bäckergesell ein, mal war der gesundheitliche Zustand der Maria „grenzwertig“, erinnert sich Bonnetsmüller. Aber bisher sei alles gut gelaufen. Er stellt die Leiter wieder weg, im Kammerl unter dem Hallendach ist das Licht aus. Bis 2026. sib

Artikel 1 von 11