Mühldorf – Die Weihnachtsspendeaktion neigt sich dem Ende, mit 807 000 Euro hat sie soviel gebracht wie nie zuvor. Das Thema menschenwürdiges Sterben liegt offenkundig vielen am Herzen. Mit der Zeitintensiven Betreuung (ZIB) im Adalbert-Stifter-Heim hat der Anna Hospizverein vor zwei Jahren gezeigt, wie ein Hospiz im Landkreis arbeiten kann. Dort entsteht dank der Großzügigkeit der OVB-Leserinnen und Leser bald eine Hospizinsel. Da stand ihr Lieblingssessel und ihre Lieblingsbilder hingen an den Wänden. In der kleinen Küche war ihr eigenes Kaffeegeschirr bereit und im Kleiderschrank lagen die Stücke, die sie besonders gern trug. „Gefällt mir“, habe ihre Mutter gesagt, nachdem sie sich eine Weile in ihrem neuen Zimmer umgesehen hatte, erinnert sich Petra Tischler an den ersten Tag ihrer Mutter Ilse im Adalbert-Stifter-Wohnheim.
Ilse war schwer krank. „Austherapiert“ sagten die Ärzte. Die 82-Jährige wusste das. „Sie wollte so lange wie möglich Zuhause bleiben“, erinnert sich ihre Tochter, Petra Tischler. Sie wollte ihrer Familie keine Last sein. Ihre Mutter habe gesagt, wenn es nicht mehr gehe, würde sie ins Adalbert-Stifter-Wohnheim ziehen. Dort wurde sie über die Zeitintensive Begleitung und Betreuung (ZIB) unterstützt. Neun Tage. Dann starb Petra Tischlers Mutter.
Ilse sollte am ersten Tag eigentlich im Laufe des Tages einziehen. Aber es wurde schließlich doch Abend, einfach, weil die Kräfte der Seniorin nachgelassen hatten. Das Abendessen sei schon vorbei gewesen, erinnert sich Petra Tischler. Essen musste Ilse aber. Ihre Mutter habe sich einen Grießbrei gewünscht. „Den hat sie auch bekombmen“, erinnert sich die Tochter. Es klingt liebevoll und dankbar, wie sie es erzählt.
Petra Tischler kann Menschen, die Ilse nicht kannten, gut beschreiben, wie sie war. Sie hatte ein eigenes Geschäft für Damenbekleidung geführt, beriet Menschen gerne, was zu ihnen passen würde – mit Einfühlungsvermögen und Empathie. Sie hatte gerne mit Menschen zu tun, ging individuell auf sie ein. „Sie hat sich sehr intensiv auf andere Menschen eingelassen“, beschreibt die Tochter. Auch als Ilse schon nicht mehr in ihrem eigenen Geschäft stand, beriet sie ältere Damen noch in Modefragen. Sie kam auch ins Adalbert-Stifter-Wohnheim und zeigte den Frauen Bekleidung. Für Ilse als Geschäftsfrau sei es ganz selbstverständlich gewesen, Wert auf ein gepflegtes Äußeres zu legen. So etwas legt man nicht einfach ab, auch nicht am Ende eines Lebens. Durch die ZIB musste Ilse das auch nicht. Die Pflegerinnen halfen ihr, wenn sie selbst nicht genügend Kraft hatte. Dabei sei es ihrer Mutter nicht unbedingt leicht gefallen, Hilfe anzunehmen. Die Pflegerinnen der ZIB reagierten auch darauf einfühlsam, erinnert sich Petra Tischler: „Es war eine Hilfe, die wie selbstverständlich da war.“
Man habe der Mutter von Anfang an das Gefühl gegeben, sie könne sich im Adalbert-Stifter-Wohnheim wohlfühlen. Durch ihre Modeberatung dort, hatte sie natürlich auch einige Pflegerinnen des Hauses bereits gekannt, als sie später selbst einzog. „Aber ich glaube, das hat keine Rolle gespielt“, sagt Petra Tischler auf die Frage, ob sich ihre Mutter deshalb sofort wohl dort gefühlt habe. Ihr sei dort einfach „jeder Wunsch von den Augen abgelesen worden“. Die ZIB habe die Möglichkeit geschaffen, auf ihre Mutter einzugehen.
Auch die Familie sei in dieser Zeit stark entlastet worden. Alle Angehörigen hätten ein „Gefühl der Ohnmacht“ verspürt. Gerade nachts sei die Hilflosigkeit da gewesen. Schließlich könnten die Familienmitglieder nicht rund um die Uhr an der Seite ihrer Lieben sein. Das Team der ZIB habe ihnen gezeigt dass Ilse bei ihnen gut aufgehoben sei. „Wir konnten trotzdem ständig bei ihr sein“, erzählt Petra Tischler. Sie glaubt auch, dass es für ihre Mutter am Ende eine Entlastung war, nicht mehr in der eigenen Wohnung zu leben. Ilse habe sich dort zu vielem verpflichtet gefühlt. Der Umzug ins Adalbert-Stifter-Wohnheim und die Unterstützung durch die ZIB habe das verändert: „Sie konnte dort auch Ruhe finden.“ kob